Die Figur mit dem silbrigen Gesicht ist in Poserlaune und zeigt seine Kugelhände. Foto: promo/ Wilfried Hösl
© promo/ Wilfried Hösl

Potsdamer Tanztage Taucher trifft auf Kreiselfrau

 Auf den Potsdamer Tanztagen ist das Bayerische Junior Ballett zu Besuch und performt das Triadische Ballett.

Auf dem Fundament der Zahl Drei baute Oskar Schlemmer sein Ballett: Aus den Dimensionen des Raumes – Höhe, Breite, Tiefe –, den drei Formen – Kreis, Quadrat, Dreieck – und den Grundfarben – Rot, Gelb, Blau – schuf er mit Kostüm, Bewegung und Musik seine Dreifaltigkeit. Der Bauhäusler glaubte, in dieser Weise die Ich-Besessenheit und gleichzeitig die Gegensätzlichkeit ausklammern zu können. Mit seinem Triadischen Ballett huldigte er das Kollektiv, das bei ihm ab einer Zusammenkunft von drei Akteuren funktionieren sollte. Deswegen waren auch am Dienstagabend im Hans Otto Theater nie mehr als drei der zwölf Tänzer auf der Bühne zu sehen, als das Bayerische Junior Ballett München Schlemmers Stück performte. Zum Auftakt der Tanztage bewies es, wie mystisch Klarheit sein kann, wie emotional Mechanik. Heute und am Donnerstag wird das Triadische Ballett, das Schlemmer 1922 in Stuttgart uraufführte, in seiner Neufassung von Gerhard Bohner aus dem Jahr 1977 zwei weitere Male in Potsdam aufgeführt.

Neue Musik kam in den Siebzigern dazu

Wie genau Schlemmer sein Stück zu Gehör brachte, ist nicht bekannt. Es sollen sich Werke von den Großen, etwa von Haydn, Mozart, Debussy, abgewechselt haben – man kann sich kaum vorstellen, wie anders das Ballett gewirkt haben muss, möglicherweise die Tradition viel stärker parodierend. Am Dienstag war Neue Musik von Hans-Joachim Hespos zu hören, die der Komponist eigens für Bohners Version verfasst hat. Mit ihren Schnalz- und Kratzgeräuschen, ihrer Stabilität in der Aufgeregtheit, ihrer Unberechenbarkeit passt sie – wenn auch etwas ruckartig abgespielt – perfekt zu den teils skurrilen Treffen auf der Bühne. Es sind mehrere Kurzgeschichten, die sich in Schlemmers Stück aneinanderreihen.

Oskar Schlemmer entindividualisierte den Künstler

Da wäre etwa die kesse Kreiseldame mit statischem bunt-geringelten Kreiselrock, die Nähe zu einem klobigen Taucher sucht. Wie schön am Dienstag die orangefarbigen Kordeln von Letzterem hin- und herschwenkten, obwohl dem Tänzer in seinem voluminösen Kostüm im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden waren. Die Kostüme, die Schlemmer schuf – sie wurden originalgetreu nachgebaut –sollen das Bewegungsrepertoire der Tänzer festlegen. Damit entindividualisierte er den Künstler, der seine Virtuosität gewissermaßen abstreifen muss. Was für das Publikum zu sehen ist, hat mitunter eine besondere Komik. Typische Sprünge und Posen sehen ganz anders aus, etwa verlangsamt oder schwerfälliger. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viel Gewicht die Tänzer ausbalancieren müssen. 

Es entsteht ein Wechsel von Geschlossenheit und Offenheit, wenn die Tänzer sich fast stoisch wie Spielfiguren in ihren Mustern fortbewegen, um dann urplötzlich aus jenen auszubrechen. In diesen Momenten kommt das Wesen der vergegenständlichten Charaktere ans Licht – und das wirkt seltsam herzzerreißend. Obwohl sich keine Geschichte wie ein roter Faden durch das Stück zieht und wohl in erster Linie die Kostüme in Erinnerung bleiben, die den Raum in so fantastischer Weise einnehmen, kann das Triadische Ballett mitreißen.

Als hätte man einen Schwertschlucker gesehen

Eine Figur mit silbriger Maske hat riesige Kugelhände. Irgendwann kniet sie sich hin und verkürzt ihre Arme. Die Pose gleicht der eines Artisten, der etwas besonders Gefährliches zur Schau stellt. Man zuckt zusammen, als hätte man einen Schwertschlucker gesehen. Ebenfalls schaudern lässt die letzte Figur: In ihrer Wuchtigkeit – sie muss auf die Bühne getragen werden –, ausgestattet mit Keule und Schwert, Standbein und Spielbein, wirkt sie unberechenbar.
Was Schlemmer in den 1920ern dem freien Tanz entgegensetzte, wie er Mensch und Maschine verknüpfte, kann heute weitere Bezüge finden. Leistungsstark und optimierbar soll der menschliche Körper schließlich sein. Man könnte meinen, dass Schlemmer diesen Zustand parodiert. Es sind nämlich gerade die Momente des Ausbruchs, die Schärfe schaffen. 

(Mittwoch, 20 Uhr, Donnerstag, 19.30 Uhr, Hans Otto Theater, Schiffbauergasse, Restkarten an der Kasse)

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