Die Potsdamer Tanztage wollten ihr 30jähriges Jubiläum eigentlich mit "North Korea Dance" von Eun-Me Ahn Company feiern. Foto: Promo
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Potsdamer Tanztage in der Coronapandemie Aus der Schockstarre tanzen

Am Dienstag hätten die Tanztage ihre 30. Jubiläumsausgabe eröffnen sollen. Was die Macher stattdessen planen, worunter freie Künstler in der Coronakrise leiden - und was sie von der Politik fordern.

Potsdam - Eigentlich hätten sich ab Dienstag in Potsdam die beiden Koreas vereinen sollen. Zumindest auf der Bühne. Die südkoreanische Choreografin Eun-Me Ahn sollte mit ihrer Produktion "North Korea Dance" die 30. Ausgabe der Potsdamer Tanztage eröffnen. Darin nähert sie sich tänzerisch dem fremden Nachbarland an, ertanzt sich gewissermaßen das trotz aller Nähe so Unbekannte. Ein kuratorischer Coup. Zumal das Jubiläum des Festivals in das Jahr fällt, in dem auch Deutschland seine wiedervereinigten Teile feiern wird.

Wäre, hätte, sollte: Über die Tanztage 2020, geplant vom 12. bis zum 24. Mai, lässt sich nur im Konjunktiv schreiben. Das Tanzfestival wurde, wie fast alle anderen geplanten Aufführungen und Festivals in diesem Sommer, abgesagt. Die Corona-Pandemie hat allen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Während Museen und Galerien inzwischen jedoch wieder öffnen und NRW eine Öffnung der Theater für Ende Mai in Aussicht gestellt hat, ist nach wie vor ungewiss, wie es für die Bühnen in Brandenburg weitergehen wird.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie in Potsdam und Brandenburg finden Sie hier in unserem Newsblog.]

Wann wird Tanz wieder so aussehen? Eine Nähe wie in "Simple Action" von Yasmeen Godder (Tanztage 2018) ist 2020 undenkbar. Foto: Tamar Lamm Vergrößern
Wann wird Tanz wieder so aussehen? Eine Nähe wie in "Simple Action" von Yasmeen Godder (Tanztage 2018) ist 2020 undenkbar. © Tamar Lamm

Was Tanz könnte, aber nicht darf

Was bedeutet die derzeitige Situation für die Theaterschaffenden der freien Szene? Sven Till, der die Tanztage leitet, spricht von einer "Schockstarre", einer "traumatischen Erfahrung für die Künstler". Wobei er das zunächst gar nicht auf finanzielle Nöte bezieht, sondern sagt: "Was die Künstler vermissen: Dass jemand sagt: Wir brauchen eure Arbeit." Ein für Till schmerzliches Paradoxon: Gerade Tanz könne genau das bieten, wonach sich die Menschen im Moment am meisten sehnen: Solidarität und Nähe. "Practising Empathy" (Empathie üben) heißt zum Beispiel eine Arbeit der israelischen Choreografin Yasmeen Godder, die auch in Potsdam schon mit ihren so publikumswirksamen wie intimen Stücken zu Gast war. Godder stellt mit ihren Arbeiten die Frage: Inwiefern bin ich bereit, dem anderen, Fremden zu vertrauen? In "Simple Action" schaffte es Godder 2018, dass fremde Menschen sich einander plötzlich in den Armen lagen - und sicher fühlten. 2020 unvorstellbar.

Arbeiten wie die von Yasmeen Godder werden so bald nicht wieder möglich sein. "Aber auch sonst wird nach der Coronakrise nichts mehr sein wie davor", sagt Sabine Chwalisz, die Leiterin der fabrik. Man müsse nur an die Genderdebatte denken, die sich derzeit neu entfacht, weil Frauen in Zeiten des Home Office und Home Schoolings zurück in alte Rollenaufteilungen fallen: Sie tragen die größte Last. Und auch im Bereich der Kultur entblöße die Krise eine klare Prioritätensetzung von Seiten der Politik: Während Fußball und Lufthansa Unterstützung erhielten, vermittle man Künstlern, dass sie mit Harz IV zufrieden zu sein hätten.


Keine Ticketeinnahmen seit April, die Mitarbeiter in Kurzarbeit

Vor einigen Tagen formulierte ein Offener Brief Protest der freien Künstlerschaft Brandenburgs gegen die Hilfsmaßnahmen, die das Land in der Coronakrise bietet.  Sven Till und Sabine Chwalisz wissen beide, dass sie im Vergleich zu den völlig frei arbeitenden Künstlern auf ziemlich sicheren Füßen stehen. Seit April fallen der fabrik alle Ticketeinnahmen weg, die Mitarbeiter sind inzwischen in Kurzarbeit. So komme man erst einmal zurecht, sagt Chwalisz. Dabei hilft, dass einige Gelder für inzwischen abgesagte Projekte schon überwiesen sind - "geborgtes Geld" allerdings, keines über das sie frei verfügen können. Finanziell schwierig wird es Chwalisz zufolge erst in der kommenden Saison, wenn die "Normalität" wieder einkehrt. Aber auch wenn die fabrik noch immer nicht strukturell gefördert wird, sondern von Projektförderung lebt - sie ist in Potsdams Kultur fest verankert. Man fürchtet nicht um die Zukunft des Hauses.

Soloselbstständigen Künstlern geht es da anders. "Choreografinnen können von Projektförderung in den seltensten Fällen leben. Da wird es schnell prekär", sagt Sven Till. "Künstler, die ein eigenes Haus haben, haben ein ganz anderes Stabilitätsgefüge." Und damit geht für Till und Chwalisz auch eine Verantwortung einher: "Hilfe, Trost, Hoffnung für die Künstler und Künstlerinnen - auch dazu sind wir im Moment aufgerufen."

Was passieren müsste, um Künstlern tatsächlich zu helfen

Etwa 35 Aufführungen sollten im Rahmen der diesjährigen Tanztage stattfinden, dazu 28 Workshops. Insgesamt sollten dafür rund 220 Künstler und Pädagogen nach Potsdam kommen. Um all denen nicht nur Trost spenden, sondern auch konkret Hilfe leisten zu können, wünschen sich Sven Till und Sabine Chwalisz mehr Flexibilität im Umgang mit Verträgen. Im Moment sei es rechtlich nicht möglich, Projektgelder etwa für Ausfallhonorare zu verwenden, wenn Aufführungen nicht stattfinden können. Auch, Künstler bei einem Produktionsausfall stattdessen - als quasi Ausfallhonorar - für eine künftige Produktion unter Vertrag zu nehmen, sei schwierig.

Das, finden Chwalisz und Till, sollte sich ändern. Den Institutionen sollte es gestattet werden, "Fördergelder unbürokratisch an Künstler als Stipendien oder für künstlerische (Zukunfts-)Forschung auszureichen und so einerseits die freien Selbstständigen mit zu fördern und andererseits Ideenwettbewerbe zu starten", sagt Till. "Auch ohne feste Ergebnis- oder Produkterwartung."

Außerdem wünscht er sich eine öffentliche Debatte darüber, wie Spielbetriebe mit begrenztem Publikum funktionieren könnten - und, dass diese Ideenfindung auch gefördert wird - "insbesondere mit Geldern für notwendige Um- und Einbauten und technische Ausstattungen für Onlineangebote." Auch Schulen sollte, in kleinen Gruppen natürlich, gestattet werden, den Unterricht um Angebote von Künstlern und Kultureinrichtungen zu ergänzen. "Gerade jetzt."

Kritik an Brandenburgs Theaterschließung bis Ende Juli

Die in Brandenburg beschlossene Theaterschließung bis zum  31. Juli orientiere sich zu sehr an der Spielplansaison der großen Häuser, kritisiert Till. Anstatt pauschal alle Bühnen geschlossen zu halten, befürwortet er "asymmetrische Modelle" der freien und städtischen Häuser zuzulassen. Denn: "Wir verlieren Zeit, um auch kleine Formate bereits jetzt über den Sommer zu erproben - sowohl drinnen und wie auch draußen."

Um sich aus der auferlegten Schockstarre herauszuarbeiten, haben Sven Till und Sabine Chwalisz entschieden, das Jubiläumsjahr nicht ganz ohne Feier vorbeiziehen zu lassen - Corona hin oder her. Vom 6. bis 16. August soll eine verkleinerte Version der Tanztage stattfinden - Ausgabe 29 1/2. Wie genau diese "halbe" Version aussehen wird, ist noch offen. Denn natürlich stellt sich die grundsätzliche Frage: Wie soll das gehen, Tanz ohne Nähe? Vielleicht wird die Companie Daniel Abreu mit "La Desnudez" kommen, ein Trio, das auf Abstand tanzt. Wahrscheinlich wird die fabrik Teile ihres Archivs digitalisieren, damit man online in der Festivalgeschichte stöbern kann. Insgesamt aber können Streamings nur Notbehelf sein, da sind sich Till und Chwalisz einig. Einer, ohne den sie nicht auskommen werden, solange Corona wütet.

"Ein Lebenszeichen" ist für Sabine Chwalisz der Zwischenakt im August. Die reguläre Jubiläumsausgabe des Festivals folgt dann vom 25. Mai bis 6. Juni 2021. Sven Till nennt das für den Sommer anberaumte Festival einen Zwischenschritt auf dem Weg dorthin: Wie der Trippelschritt beim Swing. Ein kleiner Schritt zurück, um dann richtig Anlauf zu nehmen für den nächsten Schritt nach vorn.


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