Frank Reich, Geschäftsführer vom Landesverband Freier Theater Brandenburg. Foto: Ottmar Winter PNN
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Offene Briefe Potsdamer Kulturschaffender Rauchzeichen in die Corona-Stille

Der Offene Brief ist das Format der Stunde. Kulturschaffende suchen in der Krise damit nach Aufmerksamkeit. Anklage oder Bittschrift? Zwei gegensätzliche Potsdamer Beispiele eines Formats.

Potsdam - Es ist die Zeit der Offenen Briefe. Die meisten Kunst- und Kulturorte sind coronabedingt weiterhin geschlossen, aber die Protagonisten der Kulturszene scharren vernehmlich mit den Füßen. Und wie ist der Ungeduld besser Ausdruck zu verleihen als in Offenen Briefen an die Politik? Ob Anklagen oder Forderungen, es sind vor allem Rauchzeichen, mit denen die Absender:innen in die Corona-Stille rufen: Wir sind noch da

Erboste Anklägerin, produktiver Bittsteller

Seit Kurzem kursieren zwei sehr unterschiedliche Anschreiben von zwei Potsdamer Protagonist:innen. Die Galeristin Friederike Sehmsdorf übernimmt die Rolle der erbosten Anklägerin. Sie schreibt an Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD). Der Vorsitzende des Landesverbandes Freier Theater Frank Reich ist dagegen eher produktiver Bittsteller: Er formuliert Forderungen an die Landesregierung. Die äußere Brief-Form gleicht sich, die inneren Haltungen könnten unterschiedlicher kaum sein.

Galeristin Sehmsdorf flankiert ihr Schreiben mit der Mitteilung an den Oberbürgermeister, dass sie am 18. April ihre Galerie Kunst-Kontor wieder öffnen werde, mit einer Ausstellung namens "Erwachen". Seit dem 14. April ist das ohnehin wieder erlaubt und eigentlich keine revolutionäre Geste mehr. Sehmsdorf holt jedoch weiter aus: Das "aktuell andauernde kultur-und kunstfeindliche Agieren der Stadt- und Landespolitik" sei "durch nichts mehr zu rechtfertigen".

Galeristin Friederike Sehmsdorf. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Galeristin Friederike Sehmsdorf. © Manfred Thomas

Plädoyer für Galeristenarbeit

"Wir, die Kunst- und Kulturschaffenden, handeln durchweg sehr verantwortungsbewusst", heißt es weiterhin. Es folgt ein Plädoyer für die Arbeit der Galerist:innen: "Im Gegensatz zu vielen Sonntagsreden in der Politik, tragen wir wirklich Verantwortung für die Existenz von Künstlern und das Fortbestehen von Kunst und Kultur." Kunstschaffende würden oft über viele Jahre ganz elementar darin unterstützt, ihre Lebensgrundlage selbst zu erwirtschaften "und nicht der öffentlichen Hand auf der Tasche zu liegen."

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Weiterer Kritikpunkt sind die, so Sehmsdorf, "medienwirksam offerierten" staatlichen "sogenannten 'Hilfspakete'" für freie Künstler:innen. Diese seien "intransparent ausgestaltet und nur mit erheblichem bürokratischen Aufwand zu beantragen". Für viele Kunst- und Kulturschaffende seien die Hürden für eine Beantragung so hoch, dass sie erst gar nicht in Frage kämen.

Kampfansage versus erweitertes Wir

Sehmsdorf schlussfolgert, Bürgerinnen und Bürger müssten ihr "Schicksal nun ganz verantwortungsbewusst selbst in die Hand nehmen" und verkündet, noch in Unkenntnis der geltenden Bestimmungen offenbar, sie werde ihrem Beruf als Galeristin nun wieder nachgehen und "unter Beachtung aller Schutz- und Hygienevorschriften" coronakompatible Veranstaltungen durchführen. Eine Kampfansage.

Als Geschäftsführer des Landesverbands freier Theater formuliert auch Frank Reich ein "Wir". Anders als Sehmsdorf jedoch schließt dieses Wir die Regierung mit ein: "Gemeinsam befinden wir uns nun in der 3. Welle." Reich schreibt aus einer Position der Empathie heraus: "Wir wenden uns mit höchstem Respekt vor der immensen Verantwortung an Sie, die Sie seit Beginn der Pandemie und den damit erforderlichen Entscheidungen über Eindämmungsmaßnahmen zu treffen haben." Man habe vonseiten der Politik und Verwaltung bislang "eine beispiellose Unterstützung erlebt".

Die darstellende Kunst muss wieder eine Rolle spielen dürfen

Die im Anschluss klar formulierte Forderung fällt also auf weichen Grund: "Sobald die Inzidenzen es zulassen und es zu maßvollen Lockerungen kommen kann, muss auch die Kultur, gerade auch die darstellende Kunst wieder eine Rolle spielen dürfen." Gerade in der gegenwärtigen Situation seien die Freien Theater für die Gemeinschaft unverzichtbar, schreibt Reich, und verweist auf die Rolle der Brandenburger Freien Szene seit ihrer Gründung vor 30 Jahren. 

"Wir begrüßen Modellprojekte und Testszenarien, die eine vielleicht schnellere und sicherere Rückkehr zu Veranstaltungen ermöglichen", heißt es weiter. Er formuliert jedoch eine Bitte: Bei der Entwicklung von Modellprojekten und Öffnungsszenarien sei "zu bedenken, dass für einen Großteil der Freien Theater Brandenburgs sicheres Testen vor Ort aufgrund fehlender räumlicher oder personeller Kapazitäten schwer oder gar nicht umsetzbar ist." Zuschauer:innen seien von der örtlichen Testinfrastruktur abhängig. 

Handreichung im doppelten Sinne

Und Reich stellt eine Frage: Ob die Testvoraussetzung auch für Veranstaltungen und Angebote unter freiem Himmel unabdingbar sei? Er verweist auf vom Bund im Rahmen des Programms „Kultursommer“ geförderte Open-air-Veranstaltungen und fragt: "Kann hier eine Kontrolle von Tests überhaupt gewährleistet werden, insbesondere bei Veranstaltungen ohne Eintritt, feste Bestuhlung oder im öffentlichen Raum?" 

Ans Ende stellt Reich noch zwei konkrete Bitten, die in ihrer freundlich dargereichten Expertise fast beratend wirken. Folgendes sei zu bedenken: "differenzierte Szenarien für Gruppen (...), die als Infektionsgemeinschaften Vorstellungen besuchen". Zweitens: "die diesjährige Planung betreffend bitten wir Sie zu prüfen, ob erleichterte Einreisebedingungen für Künstler:innen möglich wären, wie von Berlin praktiziert." Keine Kampfansage, sondern eine konkrete Handreichung. In doppeltem Sinne.

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