Künstler Manfred Butzmann zeigt in „en détail“ Kopien aus seinen Tagebüchern – worin er Blätter der Farbe nach sortiert hat. Foto: Ottmar Winter
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Neue Ausstellung in der Guten Stube Willkommensgruß ans Minsk

Wann eröffnet das neue Museum am Brauhausberg? Der Potsdamer Kunstverein scharrt mit den Füßen – und rollt thematisch schon mal den roten Teppich aus.

Potsdam - Die Potsdamer Museumslandschaft befindet sich bekanntlich im Aufbruch: Für den soeben begonnenen Frühling ist eine weitere Museumseröffnung angekündigt, die das kulturelle Gesicht dieser Stadt verändern wird. Am Brauhausberg will das Museum „Das Minsk“, finanziert von SAP-Mitgründer und Mäzen Hasso Plattner, künftig Kunst aus der DDR und zeitgenössische Positionen verbinden. 

Gründungsdirektorin ist Paola Malavassi, das Thema der Eröffnungsausstellung verriet sie schon: Gartenbilder des von Plattner sehr geschätzten Wolfgang Mattheuer und Schrebergartenmotive des kanadischen Künstlers Stan Douglas (Jahrgang 1960). Viel ist schon bekannt – nur, wann es losgeht, noch nicht.

Die Potsdamer Kunstaffinen scharren also mit den Füßen. Am vernehmlichsten der Potsdamer Kunsthistoriker Andreas Hüneke: Als Vorsitzender des Potsdamer Kunstvereins hat er eine kleine, feine Ausstellung in der Galerie Gute Stube auf die Beine gestellt, deren erklärtes Ziel es ist, der Neueröffnung am Brauhausberg einen herzlichen Willkommensgruß zu entsenden. „en detail. Nahblicke auf die Natur“ heißt sie – eine Reminiszenz an die Beschäftigung mit domestizierter Natur, mit der das Minsk demnächst seinen Betrieb aufnehmen will.

Kunsthistoriker Andreas Hüneke. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Kunsthistoriker Andreas Hüneke. © Manfred Thomas

Hünekes Kunstverein führt damit eine Willkommenskultur fort, die er 2017 bereits erprobt hatte – bei der Eröffnung des Museums Barberini. Damals war zeitgleich zum Publikumsmagneten „Impressionismus. Die Kunst der Landschaft“ im Barberini im Kunstraum der Schiffbauergasse die Ausstellung „Im Freien. Vom Nachleben impressionistischer Motive“ zu sehen. Im Barberini sah man all die berühmten Franzosen aus Plattners Sammlung – in der Schiffbauergasse Anverwandlungen impressionistischer Motive von Mike Bruchner, Bernd Krenkel, Barbara Raetsch, Moritz Götze oder Strawalde.

Blick auf die kleinen Bausteine

„en détail“ geht nun vergleichsweise bescheiden ans Werk. Die Galerie Gute Stube ist kleiner als der Kunstraum – aber der Intimität des Themas durchaus angemessen. Denn hier soll nicht aufs große Ganze, die Landschaft, geguckt werden – sondern auf die kleinen Bausteine, aus denen sie gemacht ist. Auf Blätter, Gräser, Baumrinden. Am deutlichsten und humorvollsten macht das die Installation von Martin Viergutz, Titel „everyone is an original“: einzelne Nadeln einer Scharfkiefer, an der weißen Wand befestigt, drumherum eine Rahmung aus Draht. Die Natur selbst als größte Kunst von allen. Man muss nur genau genug hinsehen.

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Kurator Andreas Hüneke verzichtet ansonsten auf Rahmungen – das Papier an den Wänden darf sich ruhig ein wenig bewegen, sagt er. Auch drei der anderen vier Künstler scheint der genaue Blick auf das Vorhandene wichtiger zu sein als eine künstlerische Überformung. Der in Potsdam geborene, heute wieder in Potsdam lebende Manfred Butzmann zeigt auf Farbkopien Tagebuchseiten, worauf aufgesammelte Blätter der Farbe nach sortiert sind: von sonnengelb bis glutrot. Peter Tenhaef, erarbeitet sich die Natur durch Frottagen. Die Stämme einer Kiefer, einer Rotbuche, eines Nußbaums, aber auch ein Granitfindling: Ihre Strukturen sind wie hingestreichelt aufs Papier.

Das Fragezeichen als Programm

Dietrich Oltmanns’ Zugriff ist weniger haptisch, aber nicht weniger genau. Mit der Lochkamera gemachte Fotos zeigen den fragmentierten Blick auf Natur. Auf einem Schwarzweißbild von 1989 sieht man trockene, aufgeplatzte Erde. Der Titel könnte symptomatisch für alle Arbeiten hier sein: Innehalten. Dass ein genauer Blick nicht nur Klarheit schafft, sondern manchmal auch mehr Verwirrung als die Draufsicht, zeigt Olaf Wegewitz. 

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Hüneke kennt ihn seit den 1970er-Jahren, sie machten zusammen Künstlerbücher und stemmten 1985 das legendäre Friedensfest in der Potsdamer Nikolaikirche mit unliebsamer Kunst. „Schatten?“ heißt Wegewitz’ getuschte Serie in der Guten Stube. Das Fragezeichen ist Programm. Umrisse von Blättern sind hier zu sehen, auf meist grauem Grund: Natur zwischen Traum und Wirklichkeit. Durch Schablonen dem Realen verpflichtet – deswegen aber noch lange nicht „realistisch“.

Kunst aus der DDR intensiver erkunden

Mit Realismus in der Kunst hat der Expressionismusexperte Hüneke ohnehin nicht viel am Hut. So begrüßenswert er die bevorstehende Eröffnung am Brauhausberg findet: Dass DDR-Kunst dort – wieder einmal – mit Mattheuer beginnt, kann ihn nicht begeistern. „Was den Leipziger Realismus angeht, bin ich geschädigt“, sagt Hüneke. 

Es sei höchste Zeit, Kunst aus der DDR viel intensiver als bisher auch jenseits des Dreigestirns Heisig-Mattheuer-Sitte zu erkunden – und überhaupt jenseits der Malerei. Die Auseinandersetzung mit Druckgrafik fehlt ihm zum Beispiel – eine Form, die viele in der DDR bis in die eigenen Haushalte hinein prägte.

Hat das Museum Minsk denn schon den Kontakt gesucht mit dem Kunstverein, der in Potsdam so vieles stemmt? Nein, sagt Andreas Hüneke. Er warte aber darauf. Was er nicht sagt: Die ausgestreckte Hand ist ja jetzt unübersehbar da.  

„en détail“, bis zum 30.5. in der Guten Stube, Charlottenstraße 121

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