Meister Sergio Azzolini  und sein Fagott. Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Nachwuchs für die Kammerakademie Potsdam Der Meister der Inspiration

Babette Kaiserkern

Der italienische Fagottist Sergio Azzolini gibt eine Master Class für die ersten KAPcampus-Stipendiaten der Kammerakademie Potsdam.

Potsdam - Probieren, experimentieren, wiederholen. Das legt Sergio Azzolini den Stipendiaten der Kammerakademie Potsdam ans Herz und fügt beruhigend hinzu: „Die Musik wird Euch den Weg zeigen.“ In dieser Woche spielten die sechs jungen Musiker zum ersten Mal im Palais Lichtenau zusammen, bereiteten ihr erstes Konzert vor. Das fand am Donnerstagabend im Haus von Jochim Sedemund statt. Der Mitbegründer der Kammerakademie ist auch Schirmherr von KAPcampus, dem neuen Nachwuchsprogramm des Orchesters.

Um aus den einzelnen Stimmen einen Klang, eine Harmonie zu schaffen, kam Azzolini, der ehemalige künstlerische Leiter der Kammerakademie, wieder nach Potsdam. Mit dem Orchester verbindet ihn nach wie vor eine freundschaftliche Beziehung. So sagte er auf die Frage von Jochim Sedemund, ob er die Meisterklasse leiten wolle, gerne zu. Seine Rolle beschreibt Sergio Azzolini als Coach, als „maestro inspiratore“, also „Meister der Inspiration“ und als Lehrer für die Aufführungspraxis im 18. Jahrhundert.

Sergio Azzolini unterrichtet die Stipendiaten der Kammerakademie Potsdam mit vollem Einsatz. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Sergio Azzolini unterrichtet die Stipendiaten der Kammerakademie Potsdam mit vollem Einsatz. © Ottmar Winter

Azzolini erfindet Texte aus dem Stegreif

In dieser wichtigen Epoche steht die Instrumentalmusik noch ganz im Banne von Melodie und Harmonie. Tanz, Gesang und Oper sind die großen Vorbilder. Wie das bei einem Concerto klingen soll, zeigt Azzolini mit vollem Einsatz von Stimme, Körper und seinem ureigenen Instrument, dem Fagott. Er spielt die Stimmen von Violine, Viola und Violoncello einzeln vor und singt manch eine Phrase voller Inbrunst. Um die musikalischen Emotionen zu verdeutlichen, erfindet er sogar kleine Texte aus dem Stegreif, wie etwa: „Geh’ zum Teufel’! Lass mich weinen, ich bleibe hier alleine.“

Wenn es im Barock schon einen Dirigenten gegeben hätte, dann hätte er vielleicht so temperamentvoll und expressiv wie Azzolini agiert. Doch damals verstand noch jeder Musiker die Ausdruckswerte der Noten. Heute indessen braucht es ebenso erfahrene wie begeisterte Musiker, um das utopische Potenzial der Musik unserer Vorfahren neu zu beleben. Für Azzolini ist es klar, dass die Alte Musik mit unserer Zeit kollidiert, sie ist langsamer, steckt voller Wiederholungen und Steigerungen ins Laute und ins Leise. Die Interaktion ist ihr Motto: „Voglio tocar con me? – Willst Du mit mir spielen?“, legt Azzolini einer musikalischen Phrase unter. Das ist für die jungen Musikerinnen und Musiker erst einmal gar nicht so leicht. Zum einen haben sie noch niemals in dieser Formation gespielt, zum anderen sind sie ja zunächst einmal alle Einzelkämpfer.

Emilija Kortus an der Violine.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Emilija Kortus an der Violine.  © Ottmar Winter

Reale Orchestererfahrung für den Nachwuchs

Derzeit studieren etwa 20 000 junge Menschen an einer Musikhochschule in Deutschland. Bei Aufnahmeprüfungen und Wettbewerben müssen sie ihre individuellen Qualitäten vorführen, natürlich auch beim Auswahlverfahren für KAPcampus. Aus rund 250 Bewerbern wurden sechs für den ersten Jahrgang ausgewählt, alle zwischen 20 und 26 Jahr alt. Elisabeth Schneider und Emilija Kortus spielen Violine, Christoph Slenczka bedient die Bratsche und Timothy Hopkins das Violoncello. Dazu kommen noch zwei Hornisten: Charlotte Petridis und Aaron Seidenberg. Damit gehören sie zu den wenigen, die während ihres Studiums bei einem kommerziellen Orchester tätig sein können. Wie es danach weitergeht, ist offen.

Cellist Timothy Hopkins sieht es realistisch: „Als Student lebt man ein bisschen in einer Traumwelt und spielt die großen Cellokonzerte von Schumann, Dvorák oder Elgar.“ Für ihn sei die Stelle bei der Kammerakademie genau das Richtige, sagt der 24-Jährige. Denn er erhält nicht nur Unterricht von renommierten Musikern, sondern darf bereits, wie auch die anderen Stipendiaten, Orchestererfahrung sammeln. Dass er dabei schon eigene Vorstellungen einbringen darf, gefällt ihm besonders gut. Außerdem könne man sich so auch schon auf den Alltag als freischaffender Musiker vorbereiten, was wohl die meisten Absolventen heute erwartet.

Intensive Probe.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Intensive Probe.  © Ottmar Winter

Immer weniger feste Orchesterstellen

Auch wenn Deutschland nach wie vor als Mekka der Musik gilt, so gibt es doch immer weniger feste Orchesterstellen, schon gar nicht bei der Kammerakademie Potsdam, wo jeder Musiker freischaffend tätig ist. Timothy Hopkins, der schon mit 13 Jahren an der Musikhochschule in Münster studierte, sieht es als „großes Privileg“ an, in einem Orchester auf freischaffender Basis mitzuspielen. 

Derzeit studiert er noch im Masterstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Unter seinen Vorbildern finden sich die großen alten Meister Pablo Casals und Gregor Piatogorsky. Sehr dankbar ist Hopkins auch für die Meisterklasse bei Steven Isserlis, die ihm KAPcampus ermöglichte. Für ihn ist Steven Isserlis einer der wenigen zeitgenössischen Cellisten, die ihn persönlich ansprechen und eines seiner großen Idole: „Ich war sehr nervös und andächtig, als ich ihm gegenüber stand. Doch dann hat er mir mit seiner lockeren, humorvollen, britischen Art schnell die Angst genommen.“

Harmonisches Zusammenspiel

Bei der Probe im Palais Lichtenau geht es nicht um den virtuosen Soloauftritt, sondern um das harmonische Zusammenspiel. Wenn man Sergio Azzolini zuschaut, begreift man, dass das Wort Inspiration von den lateinischen Begriffen für Atem und atmen abstammt. Es ist nichts weniger als ein Lebenshauch, den der quirlige Maestro der Musik einflößt – und das geht zwingend über die direkte Ansprache von Mensch zu Mensch.

Nach dem Hauskonzert im Palais Sedemund werden die sechs jungen Musiker auch bei den nächsten Konzerten der Kammerakademie an den Pulten im Nikolaisaal sitzen. Wenn Julia Fischer am 3. Februar spielt, sind sie dabei, und auch, wenn Steven Isserlis am 9. Februar die beiden Cellokonzerte von Camille Saint-Saëns aufführt. Und natürlich freut sich Timothy Hopkins besonders, dass er dann in der Cellosektion der Kammerakademie mitspielen darf. Vielleicht wird auch er eines Tages sagen, dass ihm die Musik den Weg gezeigt hat.


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