Stationen des Lebens. Ihre Kindheit verbrachte Gretel Schulze im Kinderheim Geltow, das ihr Vater leitete.  Fotos: privat /Andreas Klaer
© Fotos: privat /Andreas Klaer

Nachruf zu Gretel Schulze. Immer vorneweg

Als Bühnenkünstlerin und Leiterin des Kabarett Obelisk war Gretel Schulze eine aus Potsdam nicht wegzudenkende Kreative. Nun ist sie Anfang April verstorben. Ein Nachruf.

Potsdam - Es gibt ein Glas Sekt. Den hat sie selbst gern getrunken. Und auch ihr Lieblingslied ist zu hören: We are the World. Ihre Kabarettkollegen werden es für sie singen. Am Montag, 29. April können Freunde und Bewunderer von ihr Abschied nehmen: von der so plötzlich verstorbenen Kabarettistin Gretel Schulze. Das Obelisk lädt um 17 Uhr zu einer Gedenkstunde für sie ein. Mit dabei sind Weggefährten, und auch sie selbst grüßt noch einmal von der Bühne: mit Bildern aus ihren Inszenierungen und privaten Aufnahmen. „Gut 30 Jahre lang war ihr Name geradezu ein Synonym für das Potsdamer Kabarett Obelisk. Als Bühnenkünstlerin und Leiterin unseres kleinen Theaters hat ihr Wirken wesentlich die erfolgreiche Arbeit des Ensembles geprägt“, schrieben Helmut Fensch und Ilka Neugebauer im Namen aller Mitarbeiter in die Einladung zum öffentlichen Abschied. „Ihr plötzlicher Tod am 4. April hat uns tief getroffen. Niemand konnte und wollte sich vorstellen, dass ihr umjubelter Auftritt am 8. März der letzte sein würde. Gretel selbst schon gar nicht. Noch im Krankenhaus bat sie – sichtbar geschwächt – darum, ihr das Textbuch für das nächste Programm zum ,Anlernen’ vorbeizubringen. Die Kraft dieser so starken Frau aber war da schon gebrochen.“

Genau vor 20 Jahren – zu ihrem 50. Geburtstag – erzählte Gretel Schulze in einem PNN-Gespräch ausführlich über ihr Leben: über ihre Kindheit im Kinderheim, ihre Ausbildung zur Obstbäuerin, ihre Rotkäppchen-Regie am Hans Otto Theater, ihre preisgekrönten Auftritte als Chansonsängerin und über Abfuhr und Ankunft am Obelisk.

Gretel Schulze im Chansonstudio Potsdam. Repro: Ottmar Winter Vergrößern
Gretel Schulze im Chansonstudio Potsdam. © Repro: Ottmar Winter

Gretel Schulze wuchs im Kinderheim auf. Allerdings als Privilegierte. Wenn ihr bange ums Herz war, konnte sie sich bei Mutter und Vater ausweinen. „Vater war dort Chef. Das machte es aber nicht immer leichter.“ Oft bekam sie von den anderen Kindern zu hören: Hier sind zwei Ohren zu viel. Einziges Rezept, sich dennoch in der Gruppe Achtung zu verschaffen: „Großes Maul haben, immer vorneweg sein und nie petzen.“ So lernte sie schon frühzeitig die „höhere“ Diplomatie. Das half der später stadtbekannten Kabarettistin mit der warmen, volltönenden Stimme auch als künstlerische Leiterin des Satiretempels in der Charlottenstraße. „Da braucht man schon neben einem großen Sinn für die Gemeinschaft eine gehörige Portion Gelassenheit. Ich habe mich zu beherrschen gelernt, leide manchmal aber auch darunter.“ Als sie ihre künstlerische Karriere begann, war es gerade diese Impulsivität, die ihr manche Tür vor der Nase zuschlug. Doch erst einmal ging es bei der Geltowerin, die in Bärenklau geboren wurde, aber schon mit einem Jahr dort wegzog, bodenständiger zu. 

Mit dem Ziel, Gartenbauarchitektur zu studieren, legte sie das Spezialabitur als Obstbäuerin ab, pendelte dabei zwischen der Berufsschule Werder, der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft Marquardt und der Humboldt-EOS in Potsdam. Doch dann tauchte in der 11. Klasse eine Annonce auf: „Gesucht wird die Hauptdarstellerin für den DEFA-Film ,Meine Freundin Sibylle’.“ Mit einem fahnenroten Kleid und langen schwarzen Zöpfen glich Gretel Schulze wohl eher einer Squaw als einer Sibylle. Sie bekam die Rolle nicht, machte dafür eine Bekanntschaft mit Spätfolge: Der damalige Regieassistent Roland Oehme weckte in ihr die Neugierde für das Arbeiten hinter der Kamera. Prompt bewarb sie sich an der Filmhochschule Babelsberg mit Erstwunsch Regie und Zweitwunsch Grafik. Ihre künstlerische Ader hatte sie bereits bei Theateraufführungen in der Schule entdeckt. „Auch das Zeichnen machte mir Spaß, bis ich mich in Stephan, meinen heutigen Mann, verliebte …“ Ihr Mann – der Maler Stephan Velten.

Gretel Schulze zu Neujahr mit Helmut Fensch (v. l.), Andreas Zieger und Andrea Meissner. Foto: Kabarett Vergrößern
Gretel Schulze zu Neujahr mit Helmut Fensch (v. l.), Andreas Zieger und Andrea Meissner. © Kabarett

Ihr Volontariat absolvierte Gretel Schulze beim Fernsehen der DDR, mischte sich mitten unter die berühmten Unterhaltungsstars wie Regina Thoss oder Frank Schöbel. „Bald merkte ich, dass mir diese gelackte Welt ebenso wenig lag wie das Katzbuckeln.“ Jedenfalls wollte sie nach erfolgreichem Regiestudium nicht wieder zum Fernsehen zurück. Für zehn Jahre wurde das Hans Otto Theater ihre Spielwiese. „Es war verheerend. Ich hatte wieder so eine Art Kinderheimposition: wollte mit den Schauspielern, musste aber auch dem Regisseur ergeben sein.“ Schließlich führte sie nach ihren Assistenzen selbst Regie: zu „Rotkäppchen“ und „Die Bremer Stadtmusikanten“. „Es ging zwar nicht in die Hose, aber ich fühlte mich nicht angenommen.“

So richtig groß raus kam sie währenddessen im Chansonstudio von Christian Kozik, das einst an der HFF und später bei der Konzert- und Gastspieldirektion angesiedelt war. „Dort sang ich hehre dramatische Werke.“

Der Musikdozent und Pianist Christian Kozik, der sie 45 Jahre künstlerisch begleitet hat, erinnert sich in seinem Nachruf, den er an die PNN sandte, „an die kleine, energische und attraktive Person, die schauspielerisch hochbegabt war. Zudem besaß sie eine eigenwillige Stimmklangfarbe, hochmusikalische Intelligenz und eine bezaubernde Ausstrahlung.“ Er würdigt ihre großartige Interpretation von Brecht- und Eisler-Liedern, die maßgeblich zum Erfolg seiner Chansongruppe auf Festivals in Frankfurt und Dresden beigetragen habe. „In dieser Zeit erarbeitete sie sich das Rüstzeug für ihre spätere Arbeit am Kabarett Obelisk. Als festes Mitglied des Chansonstudios Potsdam ist sie zwischen 1967 bis 1989 immer strahlender Mittelpunkt gewesen.“

Nachdem sie während des Studiums beim Chansonwettbewerb in Dresden bei den Amateuren den zweiten Preis gewonnen hatte, bekam Gretel Schulze das Angebot der Musikhochschule Berlin, Gesang zu studieren. „Das lehnte ich indes arrogant ab. Ich rauchte damals wie ein Schlot, und immer nur auf meine Stimme aufpassen – nee“, sagte sie damals in dem PNN-Gespräch. 1980, Gretel Schulze war gerade 31, bewarb sie sich beim Kabarett, wurde aber als zu alt abgelehnt. „Der Grund war sicher ein anderer, ich war nun mal nicht das direkte Sonnenscheinchen.“ Als sie 1981 zum Chansonwettbewerb nach Frankfurt (Oder) reisen wollte, schüttelte Gisela Steineckert, die DDR-Unterhaltungs-„Päpstin“, bedenklich den Kopf: „Du singst immer so traurige Lieder. Tu es dir nicht an.“ Das saß. Gretel Schulze grub Blödellieder wie „August, wo sind deine Haare“ aus und wurde damit zum „Publikumsknaller“. Sie holte den Fernsehpreis.

Fortan tingelte sie freiberuflich durch die Gegend, trumpfte mit „Lola Blau“ auf jeder Studio-Bühne der Republik auf. Nach sieben Jahren Wildbahn sehnte sich Gretel Schulze nach einem Hafen. Und fand ihn, 1989, nun doch im Potsdamer Kabarett. Kurz darauf kam Sohn Lion zur Welt. Wenn Gretel Schulze abends ins Kabarett ging, übernahm der Vater das Babysitting. „Meine beiden Männer haben einen guten Draht zueinander“, sagte sie damals.

Nun stützen sie sich gegenseitig in ihrer Trauer um die geliebte Frau und Mutter. Sie wissen einen großen Anhängerkreis an ihrer Seite, der Gretel Schulze immer dafür feierte, dass sie sich nie hinter einer Kunstfigur oder Requisite versteckte. Sie provozierte ihr Publikum – und liebte es. Und erntete dafür verdienten Beifall. Das letzte Mal am 8. März, zum Frauentag.

Die Gedenkstunde für Gretel Schulze findet am Montag, dem 29. April, um 17 Uhr im Potsdamer Kabarett Obelisk, Charlottenstraße 31, statt. „Die Nähe zu ihren Freunden und Bewunderern ihrer Kunst wird uns hilfreich sein“, heißt es in der Einladung von den Kollegen.

>>In diesem Beitrag finden sich Auszüge aus dem Porträt über Gretel Schulze, das Heidi Jäger im Jahr 1999 in den PNN veröffentlichte.


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