Filmatelier 1933. Vergrößern
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Max Beckmann im Museum Barberini Geh voran, alter Cowboy, geh voran

Über die Spur von Heinrich George fand Max Beckmann auch den Weg nach Potsdam.

Potsdam - Auf einem der Bilder in der Ausstellung „Welttheater“ bringt der Schöpfer selbst seine Hand mit ins Spiel. In dem Gemälde „Filmatelier“ von 1933 ist ganz vorn links im Bild eine Hand zu sehen. Der Schöpfer trägt Anzug, darunter ein weißes Hemd. Er hat lange Finger, sie liebkosen eine Kamera. Oder weisen in das Bild hinein? Das würde zu dem Gestus des Zeigens passen, in dem sich Beckmanns Bilder üben: Nur herein in diese Welt, die Welt des Films.

Das „Filmatelier“ entstand nach einem Besuch Beckmanns in den Ufa-Filmstudios in Babelsberg. Es ist bildgewordener Beweis, dass Beckmann nicht nur Theater, Zirkus und Varité liebte, sondern sich auch für den Film interessierte – und ja, es zeigt auch, dass Beckmann, zumindest dieses eine Mal, auch in Potsdam unterwegs war. Nach Babelsberg eingeladen hatte ihn der Schauspieler Heinrich George, damals bereits ein berühmter und schwerbeschäftigter Mann, ungefähr zur gleichen Zeit entstand der NS-Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“, Untertitel: „Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend“. George spielt den Vater des Hitlerjungen Heini.

Beckmann und George waren sich bereits begegnet, lange bevor der eine als „entarteter“ Künstler diffamiert und der andere NS-Propagandafilme (darunter auch „Jud Süß“) drehen würde. Sie trafen sich im Frankfurt der 1920er Jahre, zogen gemeinsam durch die Jazzbars. Beckmann, der Theaterliebhaber, fand irgendwie die Zeit, neben der Malerei drei Theaterstücke zu schreiben und eines davon, die Komödie „Ebbi“, sollte George für Beckmann aufführen. Wozu es aber nicht kam.

Beckmann ging ins Exil - George sollte 1937 Intendant des Schiller-Theaters werden

Auch zu der Begegnung in den Ufa-Studios, zu der George geladen hatte, kam es nicht. Beckmann traf ein, George nicht, wie Mayen Beckmann auf der Pressekonferenz im Museum Barberini erzählte. Stattdessen ließ sich der Maler die Ateliers zeigen – und schuf als Folge dessen das „Filmatelier“, diesen düsteren, schattendominierten Vorläufer der später so oft verwendeten Triptychonform. Der Star Heinrich George ist hier, wenn überhaupt, nur als Schatten zu sehen.

Dafür hob ihn Beckmann zwei Jahre später umso wuchtiger ins Bild. 1935 entstand das Familienporträt „Familienbild George“, das in der Ausstellung schon wegen seines massiv roten Rahmens herausfällt. In diesem Rahmen hing das Gemälde anno dazumal schon in der Villa der Georges am Wannsee. Auf den ausdrücklichen Wunsch von Georges Sohn Jan, ist es jetzt erstmals wieder so zu sehen. Es ist ein verstörendes Bild, weit entfernt von harmonischer Familienidylle. Georges riesiger Wanst dominiert etwa die Hälfte des hochformatigen Bildes, den Rest teilen sich eine blonde Schauspielkollegin, Georges Frau Berta Drews, deren gemeinsamer Sohn und ein hünenhafter schwarzer Hund. Das Kind, der junge Jan Beckmann, hebt die rechte Hand, wie um den Hund abzuwehren. Die anderen kümmern sich nicht um die Bestie, dabei sitzt sie auf einem Papier mit der Aufschrift „Programm“. George selbst hat die Augen starr in unbestimmte Ferne gerichtet, die rechte Hand pathetisch auf die Brust gelegt. Ein Textbuch zeigt, was er probt: Schillers „Wallenstein“.

„Geh voran, alter Cowboy, geh voran“

Als das Bild entsteht, hatten die Nazis das Theater, in dem George den Wallenstein geben wird, bereits in „Theater des Volkes“ umbenannt. Beckmann hingegen war als „entarteter Künstler“ aus seinem Lehramt an der Frankfurter Städelschule entlassen worden. Er sah in Deutschland keine Zukunft. Anders George: Er sollte 1937 Intendant des Schiller-Theaters werden. Im gleichen Jahr emigrierte Beckmann nach Amsterdam.

Bis dahin sind noch zwei Jahre Zeit, als das „Familienbild George“ entsteht. Und doch dürfte damals schon klar gewesen sein, was die beiden Künstler, die früher mal gemeinsam um die Frankfurter Kneipen gezogen waren, trennt. Wie sie mit dieser Differenz umgegangen sind, wusste auch Mayen Beckmann nicht zu sagen. Über einen weiteren Kontakt der beiden nach 1937 ist nichts bekannt. Womöglich war das Familienbild, für das es keinen Auftrag gegeben hatte, ein Abschiedsgeschenk an George. Es gibt aus dem Jahr 1935 auch eine Postkarte von ihm an Max Beckmann, ein Urlaubsgruß eigentlich, der sich ebenfalls liest wie ein Abschiedsgruß. Sie zeigt vorne das niederländische Meer. Hinten steht: „Geh voran, alter Cowboy, geh voran“.

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