Der Fallschirm als Blase. „Feeding Back“ hatte seine Vorpremiere.  Foto: Julia Thurnau
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Made in Potsdam-Festival Zu Gast bei den Nerds

Astrid Priebs-Tröger

Im Tanz „Feeding back“ von Malgven Gerbes und David Brandstätter von der Künstlergruppe „ shifts – art in movement“ wird es digital.

Auf die Frage „Kann man das Phänomen der Digitalisierung tanzen?“, würden die meisten wohl spontan mit Nein antworten. Malgven Gerbes und David Brandstätter von der Künstlergruppe „shifts – art in movement“ haben in „Feeding back“ diesen Versuch unternommen und damit am Mittwochabend das 8. Made in Potsdam-Festival in der fabrik eröffnet.

In einer Art Vorspiel befindet sich ein junger Mann mit blauer Windjacke und schwarzem Rucksack allein auf der halbdunklen Bühne. Mal posiert er direkt ins Publikum – zum Beispiel auf allen Vieren mit einer Faust im Mund oder auch in einer heute typischen Siegerpose. Dann wieder erscheint er sehr privat, wenn er sich beispielsweise mit dem Rücken den Zuschauern zugewandt, lautstark die Nase putzt oder zu weinen beginnt.

Wie in den sozialen Medien

Drei Bluetooth-Boxen, drahtlose Lautsprecher, die Audiosignale über Radiofrequenzwellen empfangen, sind das einzige, was neben zahlreichen Scheinwerfern technisch das Thema Digitalisierung andeuten. Daneben spiegelte die einstündige Performance auch, wie sehr man in der digitalen Welt an die englische Sprache gebunden ist und wie stark inzwischen Begriffe wie copy und paste unsere Alltagssprache beeinflussen.

Vereinzelt in ihren Aktionen sind anfangs auch die drei anderen Performerinnen, die zu dem Nerd dazustoßen. Auch sie agieren singulär, finden sich jedoch bald, genauso wie im World Wide Web, über „Social Media“ zusammen. Körperlich wirken sie jedoch seltsam kraft- und saftlos dabei. Da hilft es auch nicht, dass zwei sich finden und üben, wie Tiere miteinander heulen oder andere, wie es im Netz so schön heißt, einander supporten.

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In einer digitalen Blase

Im letzten Drittel erscheint das Highlight der Aufführung: ein riesiger weißer Fallschirm, der mit unzähligen Schnüren zusammengehalten am Boden liegt. Der Nerd versucht, diese zu entwirren und man weiß sofort, dass ihm dies sowie die Entfaltung des Schirmes niemals allein gelingen kann. Im besten Sinne entfaltet sich – analog wie digital – dieses seidig amorphe Material, wenn alle planvoll zusammen agieren, was auf dem Höhepunkt der Performance auch geschieht.

Zu viert wird der Schirm mit Leichtigkeit in die Höhe gehoben und bildet dort die sprichwörtliche (digitale) Blase, aber er erinnert auch an eine im Wasser schwebende Qualle. Transparent, ästhetisch schön, sehr beweglich und sehr vergänglich – vor allem, als die drei Performerinnen diese alsbald wieder verlassen. Der Mann bleibt allein darin zurück, sie schwebt noch eine Weile über ihm wie ein Ufo über der Bühne, bis er sie schließlich energisch in seinem kleinen Rucksack verstaut.

Nur bedingt beherrschbar

Dieses Schlussbild zeigt das eigentliche Phänomen der Digitalisierung: Sie ist menschengemacht- und gesteuert, aber immer stärker in allen Lebensbereichen präsent und überbordend, und, ein wenig wie in Goethes „Zauberlehrling“, nur bedingt beherrschbar.

Genau darum drehte sich auch die anschließende Publikumsdiskussion, die bei diesem Künstlerkollektiv obligatorisch ist. Zumal die Aufführung in Potsdam erst eine Vorpremiere war. 

Der Name der 2007 gegründeten Künstlergruppe ist bezeichnend für ihre Arbeitsweise. Die Choreografen präsentieren Stücke, die die Ungewissheiten ihrer Arbeit zur Diskussion stellen. Es sind keine Produktionen, die ein Thema abhandeln. Jedes Stück ist ein Ausschnitt aus der Zeitleiste ihres Arbeitsprozesses.

Eine tänzerische Antwort

Neu bei „Made in Potsdam“ ist zudem, dass zum ersten Mal eine tänzerische „Antwort“ auf eine Aufführung erarbeitet wird. Diese Neuerarbeitung heute im Kunstraum – direkt in der Ausstellung „Eine Frage der Zeit“ – wird versuchen, die Impulse der Diskussion vom Mittwoch aufzugreifen. Ob allerdings das zerfransende Publikumsgespräch dazu beigetragen hat, das Thema zu vertiefen, bleibt abzuwarten. Das direkte Miteinander wurde jedenfalls als eine Strategie des Widerstandes gegen die Digitalisierung ins Feld geführt. Nur leider wird sich dabei zu wenig gegenseitig zugehört und viel zu viele Themen gleichzeitig aufgemacht.

Heute um 19 Uhr gibt es im Kunstraum-Waschhaus die Antwort auf „Feeding Back“: „Feedback: Potsdam“

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