Heinrich von Kleist lebte einige Jahre in Potsdam. Foto: imago images/H. Tschanz-Hofmann
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Literatur auf der Spur Die verlorene Zeit des Heinrich von Kleist

Während des Sommers wandeln wir auf den Spuren von Autor:innen, die zeitweise in Potsdam gelebt haben. Heinrich von Kleist begann und beendete hier seine kurze Militärkarriere – und fand Louise von Linckersdorff.

Potsdam - Potsdam war für Heinrich von Kleist, den begnadeten Dichter von Dramen, Lustspielen und Erzählungen, eine „unwiederbringlich verlorene Zeit“. 1792, da war er gerade noch 14 Jahre alt, führte ihn sein Weg aus seiner Geburtsstadt Frankfurt an der Oder in das dritte Bataillon des Garderegiments nach Potsdam. Eine Karriere als Offizier war ihm vorgezeichnet. Doch Kleist verabscheute jeglichen militärischen Drill. Das Garnisonsleben in Potsdam war ihm zu eintönig, bot aber Freiräume, die er für Reisen nutzte. Lebenslange Freundschaften schloss Heinrich in dieser Zeit mit anderen angehenden Offizieren, vor allem mit Ernst von Pfuel, der den Schwimmunterricht für Soldaten einführte, und später Ministerpräsident Preußens wurde.

1795 wurde Kleist zum Fähnrich, zwei Jahre später zum Leutnant befördert. Die Militärkarriere interessierte ihn aber nicht. Er suchte Ablenkung, lernte die 24-jährige Potsdamer Generalstochter Louise von Linckersdorff kennen. Es entwickelte sich eine zarte Liebe. Eine Eintragung im Albumblatt Louises – der 21-jährige Kleist zitierte Zeilen des Weimarer Dichters Christoph Martin Wieland – sagt zwar nichts über die Beziehung der beiden aus, jedoch über seine Sicht auf Freundschaft: „Geschöpfe, die den Wert ihres Daseins empfinden, die ins Vergangene froh zurückblicken, das Gegenwärtige genießen, und in der Zukunft Himmel über Himmel in unbegrenzter Aussicht entdecken; Menschen, die sich mit allgemeiner Freundschaft lieben, deren Glück durch das Glück ihrer Nebengeschöpfe vervielfacht wird, die in der Vollkommenheit unaufhörlich wachsen – o wie selig sind sie.“

Immer tiefere Abneigung gegen alles Militärische entwickelt

Das Verhältnis mit Louise wurde jedoch auf Anraten ihrer Familie gelöst. „Der Schmerz darüber führte ihn wohl zum ersten Mal tiefer in sein Inneres“, schrieb Karl Eduard von Bülow, Dichter und Herausgeber der Schriften Kleists. Der Enttäuschte soll daraufhin sein Äußeres vernachlässigt haben, zog sich zurück und intensivierte die Beschäftigung mit den philosophischen Wissenschaften im privaten Unterricht an der Grande École, der Großen Stadtschule, mit der wunderbaren Barockfassade in der Nauener Straße (heute Friedrich-Ebert-Straße).

Grande École. In der Friedrich-Ebert-Straße 17 tröstete Kleist sich mit Philosophie über seinen Liebeskummer hinweg. Die „Große Stadtschule“ ist heute nach ihm benannt. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Grande École. In der Friedrich-Ebert-Straße 17 tröstete Kleist sich mit Philosophie über seinen Liebeskummer hinweg. Die „Große Stadtschule“ ist heute nach ihm benannt. © Andreas Klaer

Kleist entwickelte eine immer tiefere Abneigung gegen alles Militärische. Er nahm seinen Abschied von der Armee. Dem Hauslehrer in Frankfurt an der Oder, Christian Ernst Martini, teilte der junge Mann die Beweggründe mit: „Die Offiziere hielt ich für so viele Exerziermeister, die Soldaten für so viele Sklaven, und wenn das ganze Regiment seine Künste machte, schien es mir als ein lebendiges Monument der Tyrannei.“ General Ernst von Rüchel bat ihn, am Soldatenstand festzuhalten, denn ihm schmeichelte es, „unter seinen Befehlen gebildete Offiziere zu haben“. Kleist lehnte ab.

Bruch mit der Familientradition

Sein Ausstieg ließ Heinrich von Kleist mit der Familientradition brechen und stellte ihn vor eine ungewisse Zukunft. König Friedrich Wilhelm III. ließ ihm am 13. April 1799 in einer Kabinettsorder wissen „Ich habe gegen Euern Vorsatz, Euch dem Studium zu widmen, nichts einzuwenden, und wenn Ihr Euch eifrig bestrebet, Eure Kenntnisse zu erweitern, und Euch zu einem besonders brauchbaren Geschäftsmanne zu bilden, so werde ich dadurch auch in der Folge Gelegenheit erhalten, Mich zu bezeigen.“ 

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Nach sieben Jahren in Potsdam kehrte Kleist 1799 zurück nach Frankfurt an der Oder und begann ein Studium der Naturwissenschaften an der Universität Viadrina, brach es aber nach drei Semestern ab. Es begann ein unstetes Wanderleben, das ihn auf der Suche nach verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten und Lebensentwürfen kreuz und quer durch Deutschland führte. Glücklich war Kleist wohl nur bei seinen Manuskripten. Er hatte sie selbst geschaffen, sie halfen ihm über Höhen und Tiefen hinweg. Aus seiner Potsdamer Zeit sind aber keine Texte bekannt geworden, die ihn als Dichter ausweisen.

Louise von Linckersdorff heiratete einen hochrangigen Offizier

Und Louise von Linckersdorff? Sie heiratete Carl Wilhelm von Niesemeuschel, einem hochrangigen Offizier der preußischen Armee. Das Ehepaar war mit der Bornstedter Kirchengemeinde eng verbunden, die Niesemeuschels spendeten für die fehlende Orgel der 1805 erbauten klassizistischen Kirche. Doch der Orgelbau kam nicht zustande, da das Gotteshaus bereits 30 Jahre nach ihrer Einweihung wegen Baumängeln abgerissen werden musste. Die Niesemeuschel-Spende ging dennoch nicht verloren. Sie wurde für die „Königin der Instrumente“ im Nachfolgebau (1856) verwendet. Auf dem Friedhof direkt neben der Kirche fand das Ehepaar seine letzte Ruhestätte.

Als Louise 1843 starb, war Heinrich schon 32 Jahre tot. Für ihn und seine Freundin Henriette Vogel gab es kein Grab auf einem Friedhof. Nach ihrem gemeinsamen Suizid am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee wurden sie an Ort und Stelle beigesetzt. Eine Beerdigung auf einem Friedhof mit kirchlicher Begleitung wurde gemäß den herrschenden Moralvorstellungen nicht in Erwägung gezogen.

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