Sarah Lesch überzeugte im Waschhaus mit tiefgründigen Texten und einer starken Präsenz. Foto: Sandra Ludewig/promo
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Liedermacherin in Potsdam Sarah Lesch sang im Waschhaus

Oliver Dietrich

Sie singt trotzig, geradezu und mit einer poetischen Kraft: Die Liedermacherin Sarah Lesch präsentierte in der Waschhaus-Arena Popsongs mit Tiefgang.

Potsdam - Es gibt Dinge, die kann man schrullig, langweilig, plakativ finden. Liedermacher am Lagerfeuer etwa. Kennt man ja schon: seichte Gitarren und gebrochene Herzen. Richtig gut wird es meist erst, wenn die nötige lyrische Tiefe erreicht ist. Eine Kunst, denn allzu oft bleibt es, nun ja, oberflächlich.

Nicht so am Mittwochabend in der Waschhaus-Arena, als Sarah Lesch ihren Tourauftakt startete, der das neue Album „Der Einsamkeit zum Trotze“ promoten sollte. Die Liedermacherin erzählte viel an diesem Abend, sang berührend und hatte eine großartige Band an ihrer Seite. Außerdem hinterließ sie ein Gefühl der Zufriedenheit darüber, dass den deutschsprachigen Liedermacherinnen und Liedermachern längst noch nicht die Sensibilität für Sozialkritik abhanden gekommen ist.

Zunächst die oft undankbare Aufgabe des Anheizers: Die hatte Milian Otto, ein Berliner Liedermacher, der sich mit sonorer Stimme und Gitarre sichtlich berührt auf die Bühne wagte – offenbar eines der größeren Konzerte für ihn. Milian Otto wirkt trotz seiner großen schlacksigen Statur unscheinbar, die Gitarre manövriert er beeindruckend durch sein kurzes Konzert. Statt Gesang mehr ein Reden, das noch mehr Pathos als lyrische Tiefe besitzt: Nicht alles ergibt Sinn, manches reimt sich einfach nur zu gut. Das Konzert beinhaltet eine Steigerung, immerhin. Ganz bestimmt hätte ihm eine Band mehr Drive verliehen.

Eine tolle Stimme

Der Beweis dafür ist Sarah Lesch, die dank ihrer Musiker, eine geschlagene Stunde selbst nur vereinzelt Instrumente bediente. Eine Ukulele zunächst, später sogar ein Banjo, oft reichte aber nur ihre fesselnd-präsente Stimme. Erst nach sechzig Minuten nahm sie eine Gitarre in die Hand. Von hippieesker Lagerfeuer-Romantik war wenig zu spüren, auch wenn sie mit blumiger Alternativ-Optik kokettierte: Sie ist eine geradezu winzige Gestalt, die von strohblonden Dreadlocks gerahmt wurde. Aber was für eine Stimme! Und so viel doppelbödige Dramatik: „Wir halten uns alle nur auf, aber wenigstens halten wir uns“, sang Sarah Lesch.

Nun ist es gut zu wissen, dass Pop nicht nur aus seichten Doppeldeutigkeiten oder Belanglosigkeiten besteht, sondern eine Renaissance des Wichtigen spürbar wird. Etwa an der Interpretation von Georg Danzers „Die Freiheit“, eine in Licht getauchte, zärtliche Auslegung, bei der man kaum zu atmen wagte. Und bei der Sarah Lesch – wie oft an diesem Abend – die Erklärung gleich mitlieferte: „Warum macht Freiheit Angst?“, fragte sie. „Weil Freiheit mit Verantwortung zu tun hat. Wenn man frei ist, muss man für alles, was man tut, auch Verantwortung übernehmen.“ Huch, da ist sie wieder, die politische Ebene.

Ein trotziger Blick

Unüberhörbar wird die in dem Lied „Das Testament“, das sie für ihren Sohn schrieb und in dem es um die Abrechnung mit konsumfixierten Scheuklappenträgern geht. Dass nun ausgerechnet dieses Lied unlängst im nationalistischen Lager gefeiert wurde, spricht höchstens für die dumpfbackige Engstirnigkeit, die im Song angeprangert wird.

Dabei ist nichts so, wie es scheint. Nicht bei „Der rosa Elefant“, der von einer Familienfeier erzählt: „Reden ist Silber, Schweigen ist feige, und könnt ihr hören, wie laut ich schweige“, sang Sarah Lesch im Waschhaus. Oder erzählte zum Song „Lieblingsbeatle“, wie sie von einem Bestatter aus der Uckermark zum ersten Date ein Klappmesser geschenkt bekam. Die Bilder brennen sich ein, während man lacht. Vielleicht wird Lesch gerade das Sprachrohr einer sehnsuchtsvollen Generation, die mit einem gewissen Trotz in die Zukunft blickt. Wünschenswert wäre das allemal.


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