Autor Lutz Seiler (Archivfoto). Foto: dpa
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Lesung von Lutz Seiler Nicht ohne Akkordeon

Babette Kaiserkern

Im Nikolaisaal las der Schriftsteller aus Wilhelmshorst aus seinem gefeierten Roman „Stern 111“ – und Tobias Morgenstern spielte dazu.

Potsdam - Als historischer Wenderoman und tiefgründige Familienerzählung, als schmerzliche Liebesgeschichte und moderner Künstlerroman wurde Lutz Seilers Buch „Stern 111“ gefeiert. Der fast 500 Seiten lange Roman erhielt 2020 den Hauptpreis der Leipziger Buchmesse. Dass darin ein Akkordeon eine Schlüsselrolle spielt, wurde meistens übersehen. 

Doch nicht vom Team des Nikolaisaals Potsdam, wo am Freitagabend eine „Weltpremiere“ mit „Variationen auf Stern 111“ stattfand. Auf dem Podium saßen Lutz Seiler, Lyriker, Romancier und Leiter des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst, und Tobias Morgenstern, begnadeter Akkordeonist, Komponist und Gründer des Theaters am Rand im Oderbruch.

Lutz Seilers „Roadtrip durch die Utopien der Nachwendezeit“ erzählt von der Übergangszeit zwischen dem Mauerfall und der offiziellen Wiedervereinigung. Im Mittelpunkt stehen der dichtende Maurer und werdende Dichter Carl und seine Eltern Inge und Walter Bischoff aus Gera. Nur zwei Tage nach dem 9. November 1989 wandern sie nach Westdeutschland aus. 

Das Akkordeon wird zum Problem

Dabei lassen sie fast alles – Wohnung, Garten, Arbeit, Auto – zurück. Nur ein altes Akkordeon nimmt der Vater mit, was Carl verwundert konstatiert: „Sein Vater trägt einen kleinen schwarzen Sarg auf dem Rücken bei seinem mühsamen Aufstieg immer weiter in Richtung Westen.“

Einmal im Aufnahmelager in Bremerhaven angekommen, wird das Akkordeon erst recht zum Problem. In der engen Unterkunft ist kein Platz, so dass Walter den klobigen Kasten ans Fußende seines Betts legt und nachts seine Beine darauf platziert. Aber er beginnt wieder darauf zu spielen. Was Walter und Inge im Westen erleben, ruft Staunen und so manchen Lacher im Publikum hervor.

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Das zunächst noch dumpfe Unterlegenheitsgefühl verwandelt sich zunehmend in einen Drang nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Im Rückblick erzählt Walter von seiner Vergangenheit als Akkordeon-Wunderkind und Mitglied des Akkordeon- und Mandolinenorchesters der SDAG Wismut. 

Heimlich hörte er Rhythm and Blues und Rock’n’Roll beim amerikanischen Sender AFN auf dem kleinen Kofferradio aus DDR-Produktion namens Stern 111: „Das war die Musik, die uns klarmachte, was wir zerstören mussten und wohin die Reise ging, immer weiter hinaus.“

Carl löst das „Elternrätsel“

Im Finale geht es nach Kalifornien, wo Carl endlich das „Elternrätsel“ löst. Seine Eltern hatten „eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. Das zweitbeste Leben.“ Das Wiederfinden, Erzählen und Ausleben der alten Träume führt zu einem versöhnlichen Ausgang der Wendezeit – unter dem Vorzeichen der Musik.

Lutz Seiler, der selbst in Gera geboren wurde, liest mit weicher, man möchte sagen samtiger Stimme. Tobias Morgenstern stellt seine Improvisationskunst ganz in den Dienst des Textes und setzt nur dezente Akzente, ohne in sentimentale Wallungen zu geraten. 

Das ergänzt den zarten, poetischen und zugleich anschaulich-sachlichen Tonfall des Romans hervorragend. Viel Beifall im gut besuchten, wenn auch coronabedingt ausgedünnten Nikolaisaal für diesen gelungenen Auftakt der Reihe von Musikalischen Lesungen.
 

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