Von sich selbst erzählen muss er nicht. Der Schauspieler Thomas Arnold, seit Anfang des Jahres Potsdamer, geht auf der Bühne gern in fremden Figuren auf. Foto: Jochen Mittenzwey
© Jochen Mittenzwey

Lesung im Hans Otto Theater Frei in der Form

Ariane Lemme

Er wollte W-lan - und bekam Literatur: Der Schauspieler und Neu-Potsdamer Thomas Arnold liest in der Reithalle aus den Wende-Erinnerungen seines Nachbarn Karl Broda.

Sie waren zwei von Millionen – zwei von rund 16,6 Millionen, um genau zu sein. So viele Einwohner hatte die DDR, als vor 25 Jahren die Mauer fiel, der eine war damals Anfang 40, der andere ist es heute: Der Schauspieler Thomas Arnold und der Autor Karl Broda haben das Ende ihres Staates nicht ganz unterschiedlich erlebt, trotzdem fand der eine im Text des anderen etwas, das sie verbindet. Was das ist, wird sich wohl am kommenden Samstag auf der Bühne der Reithalle des Hans Otto Theaters entfalten. „1989 – Das Jahr der fliegenden Fische“ heißt der Abend, bei dem Arnold aus Brodas in Tagebuchform aufgezeichneten Erinnerungen an das Wendejahr liest. Ein bisschen singen und Schlagzeug spielen wird er dabei auch – begleitet von Florian Schmidtke aus dem Ensemble des Hans Otto Theaters und dem Filmmusik-Komponisten Wolfgang Adams.

Das ganze Projekt wäre ohne Arnolds Umzug nach Potsdam Anfang dieses Jahres nie zustandegekommen – Karl Broda – der Name ist übrigens nur ein Pseudonym – ist sein neuer Nachbar. „Ich wollte eigentlich nur W-Lan von ihm, stattdessen bekam ich Literatur.“ Broda hat seine Aufzeichnungen bereits 2004 veröffentlicht, allzu bekannt ist das aber selbst in Potsdam nicht. „Ich glaube, das ist das erste Mal, dass öffentlich aus dem Buch gelesen wird“, sagt Arnold. Beim Lesen stellten sich schnell Heimatgefühle ein – auch wenn Brodas Sicht die eines Einzelnen ist, und die beiden 1989 an verschiedenen Punkten in ihrem Leben waren.

Arnold war damals 18 Jahre alt, fixiert aufs Theater und gerade bei der NVA eingerückt. Dort war er Koch und wartete darauf, endlich an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Rostock anfangen zu dürfen. Broda war Lehrer, stand mitten im Leben. „Das war keiner, der von einer Demonstration weggeschliffen wurde“, sagt Arnold. Seine Aufzeichnungen sind die eines Mannes, der bis zum Schluss an den Sozialismus geglaubt hat, auch wenn er manches kritisch sah. Interessant findet Arnold dieser Wandel jener Zeit von „Wir sind das Volk“ hin zu „Wir sind ein Volk“. „Wir wollten mitregieren – und dann wurden wir plötzlich regiert, das ging alles viel zu schnell.“ Ein bisschen will Arnold sich und seinen Zuhörern ins Bewusstsein rufen, dass die Leute noch auf die Straßen gingen, „als der Drops längst gelutscht war“, dass es vielen eben nicht vordergründig um eine Wiedervereinigung ging – sondern um ein neues Staatssystem.

Für Arnold selbst vollzog sich der Wandel nach der Wende zunächst gar nicht unbedingt auf der politischen Ebene, er spürte ihn in der Kunst: Es gab mehr Theater in der DDR, sagt er, die Inszenierungen liefen viel länger, waren formeller, es war wichtig, wie jemand spricht, die versteckten, systemkritischen Botschaften verstand jeder. „Wenn man zusammen in einem Haus eingesperrt ist, sprechen alle eine Sprache.“ Nach der Wende veränderte sich seine Theaterwelt, plötzlich ging es mehr darum, sich zu offenbaren, Dinge von sich selbst preiszugeben. „Privates wurde ganz wichtig, das war plötzlich interessanter als die Kunst.“ Das ist nicht unbedingt eine Entwicklung, die ihm gefällt. Wie spannend sind die Menschen privat denn schon – verglichen mit vielen geschriebenen Figuren?

Zu dieser Haltung passt auch ein wenig, dass er die privaten Wende-Erlebnisse eines Anderen auf der Bühne liest. Sein eigener erster Eindruck vom Westen, abseits der Theaterwelt? Die vielen Lichter in Westberlin und diese Anstrengung, die sie in ihm auslösten. „Diese Anstrengung“, sagt er, „die blieb“. Gerade im Beruf. „Früher wartete man morgens auf ein Telegramm, das einen zum Vorsprechen einlud, heute muss man hingehen und fragen: Darf ich auch mal?“ Dieses Hingehen, sich selbst vermarkten, sich anbieten, das wurde einem zu Ostzeiten eher so ausgelegt: Der muss es nötig haben – das war verpönt. Zurück in diese Zeit vor der Wende will Arnold natürlich trotzdem nicht, aber diese verlorene Ruhe ist etwas, auf das er auch immer wieder stößt, wenn er die DDR als Schauspieler aufarbeitet.

In vier Wende-Filmen hat er inzwischen mitgespielt, „Das Leben der Anderen“ etwa oder „Die Stille nach dem Schuss“, dreimal haute er auf diese Weise in den Westen ab – „einmal kam ich sogar an“, er kennt also, vermittelt durch seine Kunst, die verschiedensten Facetten, auf die Menschen das System erlebt haben. Wie schrecklich das war, auch wenn er selbst, wie er sagt, das nicht so erlebt hat. „Meine Mutter sorgte sich zwar zu Tode, als ich eingezogen wurde, und klar, hätte Egon Krenz sich damals nicht gegen die chinesische Variante entschieden, hätte ich wohl keine so tolle NVA–Zeit gehabt.“ Dort war er so eine Art Schwejk, sagt er, hatte einen Reservisten, der ihn beschützte, weil er für die älteren Soldaten die Liebesbriefe schrieb – dass er ein lyrisches Talent besitzt, hatte sich in der Kaserne schnell herumgesprochen. Die politische Realität kam auch dort via Westfernsehn an.

Broda hat seine persönlichen Erinnerungen mit Fakten im Aktuelle-Kamera-Charakter überschrieben. Seine Erlebnisse lassen sich so wunderbar abgleichen mit den sich überschlagenden politischen Ereignissen: „Politbüro löst sich auf“, „Volkskammer löst sich auf“ und so fort. Das Ganze will Arnold am Samstag unter anderem mit Liedern von Brecht kombinieren, was könnte schließlich besser passen? Er mag es, wenn es im Theater und bei Lesungen etwas zu erleben gibt. „Das Licht geht runter, Kunstlicht fährt auf – und dann kommt Wahrheit durch Form.“

Thomas Arnold liest am Samstag, 20. September, um 21 Uhr in der Reithalle des Hans Otto Theaters, Schiffbauergasse. Der Eintritt kostet 8 Euro.

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