Kunst von Lehramtsstudierenden im Kunstraum Potsdam. Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Kulturfestival in Potsdam Lernen zweckfrei zu denken

Zum Festival "Made in Potsdam" gehört eine Ausstellung im Kunstraum. Dort untersuchen Dozent:innen der Universität Potsdam, wie Kunst Schule bereichern kann.

Potsdam - Pisa 2019 hat alles schlimmer gemacht, sagt Ivette Widmann. Das rein ergebnisorientierte Lernen, den Benotungsfetisch, den Leistungsdruck. Denn damals schnitt Deutschland im internationalen Vergleich so schlecht ab wie lange nicht. Der Druck auf Schulen, Lehrende, Schülerschaft stieg. Resultate, Resultate – so lautete dann das Motto.

Wo es aber nur um Ergebnisse geht, bleibt Widmann zufolge das Wichtigste auf der Strecke: der Forscherdrang, der Kindern eigentlich immer eigen ist. Der Wunsch, die Welt begreifen zu lernen – und damit auch sich selbst. Wenn Kinder in die Schule kommen, haben sie diesen Drang meistens ohnehin, sagt sie. Die Schule treibe ihnen das dann aus.

Gegen den Erfolgsfetisch an Schulen

Ivette Widmann hat selbst als Lehrerin gearbeitet, bevor sie Projekte zu Tanz und Körperwahrnehmung leitete und schließlich als Dozentin am Fachbereich Ästhetische Bildung der Universität Potsdam landete. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen Christoph Balzar und Maja Dierich-Hoche hat sie zum Auftakt des Festivals "Made in Potsdam" im Kunstraum eine Schau gegen den Erfolgsfetisch an deutschen Schulen auf die Beine gestellt: „art + school“.

Maja Dierich-Hoche (l.), Christoph Balzar (2. v. r.), Ivette Widmann (r.) und ihr Team. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Maja Dierich-Hoche (l.), Christoph Balzar (2. v. r.), Ivette Widmann (r.) und ihr Team. © Ottmar Winter

Die Ausstellung zeigt die Ergebnisse von Seminaren, die Balzar, Dierich-Hoche und Widmann Lehramtsstudierenden in Potsdam gegeben haben. Das klingt viel trockener, als es ist. Denn was im Kunstraum versammelt ist, sind keine Protokolle oder Lehrpläne, sondern künstlerische Arbeiten der Studierenden selbst. Keine Kunststudierenden wohlgemerkt, sondern künftige Lehrkräfte für Sport und Mathe, Deutsch, Englisch oder Sachkunde. Menschen, die von sich sagen: Ich bin doch kein Künstler. Menschen, denen der Künstler Joseph Beuys entgegnet hätte: Doch, das seid ihr. Ihr müsst es nur versuchen.

Ziel ist, das Fach durch die Kunst zu sehen

Beuys’ erweiterter Kunstbegriff war der Ausgangspunkt für die drei Dozent:innen. Ziel ihrer ästhetischen Bildung ist es nicht in erster Linie, Kunst in den Unterricht zu bringen – sondern das jeweilige Fach durch die Kunst zu sehen, wie Widmann sagt. Womit gemeint ist: zweckfrei denken lernen. Sich als Teil eines offenen Prozesses begreifen. Wissen sinnlich erleben. Die Idee der drei: Nur so, durch eine Verinnerlichung, die durch Kunst wiederum zur Form wird, könne die Lust am Lernen wieder aus den Kindern selbst kommt. So lernen sie, nicht zu lernen, um anderen zu gefallen – sondern weil man selbst es will. An dem Umstand, dass die Schule oft anderes vermittele, kranke das System, sagt Widmann.

Bilder, verbunden mit einem roten Faden, in der Ausstellung zu "Made in Potsdam". Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Bilder, verbunden mit einem roten Faden, in der Ausstellung zu "Made in Potsdam". © Ottmar Winter

Es war nicht immer leicht, die angehenden Deutsch-, Mathe- und Sportlehrer:innen von diesem Ansatz zu überzeugen. Das sagen alle drei. Gelungen sei es dann mit theoretisch fundierter Überzeugungsarbeit. Nicht erst Beuys hat sich mit der Bedeutung von Kunst im Alltag beschäftigt, sondern schon Schiller, Kant, sogar Platon. Der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten prägte die Idee von Kunst nicht nur als etwas Schönem und Erhabenen – sondern als eine Art und Weise, die Welt sinnlich zu begreifen.

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Das Unsichtbare soll sichtbarer werden

Hier will die ästhetische Bildung der Universität Potsdam ansetzen. Balzar, Dierich-Hoche und Widmann brachten eigene ästhetische Impulse in die Seminargruppen ein – die konkrete Ausgestaltung aber lag bei den Studierenden, betonen sie. Widmann schlug Gips als Material vor.

Roter Gipsabdruck einer Faust. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Roter Gipsabdruck einer Faust. © Ottmar Winter

Im Kunstraum ist das Resultat zu sehen: eine Reihe von Gipsabdrücken auf dem Boden. An der Wand die Fotografie einer rot bemalten Form: der Abdruck einer Faust. „Es geht darum, das Unsichtbare sichtbarer zu machen“, sagt Widmann. In der Arbeit sieht sie eine Metapher auf das Ziel ästhetischer Bildung insgesamt: dem sonst Verborgenen eine Form geben.

Besucher:innen sind eingeladen, ihre eigenen Abdrücke vor Ort zu gestalten und dazuzulegen. Ein Happening ist das Ziel – eine Kunstform, von der auch Beuys Fan war.

Maja Dierich-Hoche ist selbst Künstlerin und in der Kunstvermittlung tätig. Sie brachte die Berliner Klebebande mit dem Waschhaus zusammen und machte das neugestaltete Kesselhaus möglich. „Tape is the new Paint“, das Motto der Klebebande, gab sie ihren Studierenden mit auf den Weg.

Blaue Bänder als Kunstinstallation. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Blaue Bänder als Kunstinstallation. © Ottmar Winter

Kein bierernstes künstlerisches Credo, sondern der Versuch, den Studierenden eine konkrete künstlerische Praxis an die Hand zu geben. Tape Art eignet sich dazu, weil es relativ einfach zu handhaben ist – und vor allem: schnell umzusetzen. Ganze Hausfassaden lassen sich so gestalten, oder auch nur einzelne Flächen, die geometrische Formen nachbilden – oder Skulpturen. Aus der Wand des Kunstraums ragen einzelne Hände aus Klebeband, die den Dialog zu suchen scheinen. Am großen Fenster hängt eine ganze Figur am Strick, vermummt unter einer Kapuze. „Silent Suffer (Stilles Leiden)“ heißt die Skulptur der Studentinnen Jolina Mundt und Sophie Lehnert. Vorbild war eine ähnliche Skulptur des amerikanischen Künstlers Mark Jenkins.

Bedrückende Skulptur "Stilles Leiden". Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Bedrückende Skulptur "Stilles Leiden". © Ottmar Winter

Die Beschäftigung mit der Corona-Pandemie und ihren Folgen, wie Vereinzelung und Einsamkeit, war ein zentrales Motiv für viele Studierende, beobachteten die Dozent:innen.

Wem all das zu abstrakt ist, der sollte den ersten Stock des Kunstraums erkunden. Hier sind ganz konkrete Handlungsfäden zu finden. Das Thema steht groß in Schönschrift an der Wand: „Schule dekolonisieren“. Christoph Balzar hat seine Studierenden auf die Suche nach der eigenen Identität geschickt. Wie vielgestaltig die sein kann, zeigt der dicke Rucksack aus Stoff, den jemand gebaut hat.

Benachteiligung an Schulen soll beendet werden. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Benachteiligung an Schulen soll beendet werden. © Ottmar Winter

„Kinder mit Migrationshintergrund werden in der Schule im Schnitt zwei Noten schlechter bewertet“, sagt Balzar. Ein Skandal, auf den er mit diesem Raum aufmerksam machen will. An der Wand stehen konkrete Vorschläge, wie Rassismus in der Schule wieder verlernt werden kann. Jetzt muss nur noch jemand all das in die Praxis umsetzen. Was Widmann Hoffnung macht: Für die Pisa-Studie 2022 sind zwei neue Kategorien dazugekommen. Kreatives Denken und emotionale Kompetenz.

Bis 30.1.22, Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr im Kunstraum. "Made in Potsdam" läuft bis 27.2. in der Schiffbauergasse

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