Foto: Manfred Thomas
© Manfred Thomas

Kultur in Potsdam „Es geht darum, hinzusehen“

Die Regisseurin spricht im PNN-Interview Barbara Albert über ihren neuen Film „Licht“, klassische Frauenrollen und die MeToo-Debatte.

Frau Albert, Sie erzählen mit Ihrem Film „Licht“ von einem Lebensabschnitt der blinden Komponistin Maria Theresia „Resi“ Paradis, in dem sie kurzzeitig ihre Sehkraft zurückerlangte. In einer wunderschönen Szene inspiziert Maria Dragus als Maria Theresia nackt ihren Körper. Ist das Sehen bei Ihnen auch ein Ertasten?

Ja, absolut. Denn bis Resi dahin kommt, wieder sehen zu können und sich eben auch selbst sehen darf, ihren Körper sehen darf, vergeht einige Zeit. Sie selbst wandelt sich im Film von einem Objekt zu einer Person. Wir betrachten sie zu Beginn eher voyeuristisch, mehr als Phänomen, als als Mensch. Manchmal wird sie gar nicht gesehen. Ihre Eltern entscheiden über sie hinweg, ziehen sie an wie eine Puppe, aber sehen sie nicht. Und auch wir kommen ihr nur langsam nahe, tasten uns an sie heran. Dann fühlen und hören wir mit ihr.

Der Film erzählt also eine Emanzipationsgeschichte?

Genau. Es geht darum, dass eine Frau, die so sein muss, wie sie die Gesellschaft und letztendlich auch der Kinozuschauer haben möchte, ein Ich entwickelt. Sie erkennt, dass sie auch einen eigenen Blick, einen eigenen Willen hat. Sie ist nicht nur ein Star, der mit Perücke und Schminke ausstaffiert wird. Mir war es wichtig, einen Film über das Sehen, aber auch über das Gesehenwerden zu machen.

„Licht“ spielt im Rokoko und ist in seinen Themen trotzdem sehr zeitgemäß. Etwa in Bezug auf das Schönheitsideal: Auch heute noch sind Frauen dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, gut auszusehen.

Das freut mich sehr, dass Sie das sagen. Der Film sollte diese Relevanz zeigen. Obwohl er eindeutig historisch ist, soll man auch die Zeit ein wenig vergessen. Auch wenn ich natürlich die Geschichte der Frau in der Zeit erzähle, die sich stark durch die jeweilige Stellung definiert. Resi muss etwa nur nicht heiraten, weil sie als Virtuosin gefeiert wird. Mozarts Schwester Maria Anna, uns nur als „das Nannerl“ bekannt, hingegen, die musikalisch sehr talentiert war, wurde verheiratet und der Bruder blieb der Star. Da hat Resi eine Sonderstellung.

Und trotzdem ist sie gefangen in den Normen.

Im Prinzip steckt sie in einem Dilemma, das sehr heutig ist. Junge Menschen wollen heute so angepasst wie möglich sein und trotzdem eine Sonderstellung einnehmen. Durch die Medien stehen Frauen unter großem Druck, aber vermehrt auch Männer. Wie habe ich zu sein, wie muss ich mich verhalten, ohne anzuecken und trotzdem individuell zu sein. Ein Widerspruch. Von diesem gesellschaftlichen Druck müssen wir uns befreien, uns Alternativen überlegen. Wir fahren jetzt schon gegen die Wand.

Wie meinen Sie das?

Unsere Blasen werden immer größer. Jeder lebt in seiner eigenen und wir kommunizieren nicht mehr genug.

Durch die sozialen Netzwerke kommunizieren wir mehr denn je, könnte man sagen. So scheint es. Aber tatsächlich sendet jeder nur noch und niemand hört wirklich zu. Es fehlt die Reaktion, das miteinander Agieren. Wenn das funktionieren würde, gäbe es viel mehr Verständnis, weniger Menschenverachtung, weniger Vorurteile.

Auch das thematisieren Sie in Ihrem Film. Es gibt einen kleinen Jungen mit einer Behinderung, der lediglich von seiner Schwester und seiner Mutter akzeptiert wird.

Ja, und selbst sie sagt nach einem tragischen Unfall, dass es vielleicht besser ist, dass er nicht mehr lebt. Das ist ganz furchtbar tragisch und stellt natürlich die Frage, welchen Wert jeder hat. Das sind sehr aktuelle Fragen, denn als Menschen haben wir alle den gleichen Wert. Das erkennen nur leider nicht alle.

Gerade Frauen werden immer wieder Opfer von Diskriminierungen. Gerade ist die MeToo-Debatte in aller Munde. Eine Szene in Ihrem Film erinnert auf erschreckende Weise daran, das Dienstmädchen Agnes wird von einem Adligen hemmungslos begrapscht.

Die Frau, die nicht Nein sagen kann, weil sie über Jahrhunderte hinaus diese Rolle hatte, diese Agnes-Rolle. Wir müssen immer noch lernen, uns da heraus zu arbeiten – und die Männer leider auch. Diese Selbstverständlichkeit der Macht und des Machtmissbrauchs wollte ich zeigen. Diese Klarheit, dass die Figur der Agnes einfach nicht reagieren kann – wie es viele Frauen nach ihr nicht konnten und immer noch nicht können.

Welche Erfahrungen haben Sie als Regisseurin mit solchen Machtstrukturen gemacht?

Als Regisseurin habe ich immer gut arbeiten können. Aber man spürt natürlich die Unterschiede. Das Erstlingswerk ist vielleicht sogar noch einfacher, dann wird es schwieriger. Wenn ich als junge Regisseurin zu einem Produzenten sage, ich möchte das und das nicht, dann hieß es zu meiner Zeit schnell, ich sei hysterisch. Ein Mann ist im gleichen Fall willensstark. Diese unterschiedliche Bewertung müssen wir ändern. Ich habe schon vor fast zehn Jahren in Österreich den Verein FC Gloria mitgegründet, eine Gruppe von Individuen aus verschiedensten Bereichen der Filmbranche, die einander und weibliche Filmschaffende im Generellen aktiv unterstützen und stärken. Das Bewusstsein muss sich insgesamt ändern, da geht es vor allem um Gleichberechtigung.

Und um Macht?

Ja, vor allen Dingen bei den sexuellen Übergriffen. Ich wage zu behaupten, dass es in meinem Alter kaum eine Frau gibt, die solche nicht erlebt hat. Und natürlich gibt es auch Männer, die das erleben. Wichtig ist aber auch, dass sich Unbetroffene nicht angegriffen fühlen oder die Schuld bei den Opfern suchen. Ich finde es schade, dass in der MeToo-Debatte Fronten gebildet werden. Zum Glück gibt es aber auch viele Männer, die sich nicht angegriffen fühlen und denen Sätze wie „Dann darf ich jetzt nicht mehr flirten“ gar nicht einfallen würden. Letztendlich geht es darum, aufzuklären und aufmerksam hinzusehen.

Stichwort hinsehen. Sie haben Maria Dragus als Resi besetzt. Gab es Überlegungen, eine blinde Darstellerin zu besetzen?

Das hatte ich überlegt, aber letztendlich konnte ich von einer blinden (Laien-)Darstellerin nicht verlangen, dass sie das erste Sehen der Resi darstellen kann. Und Maria hat mir beim Casting einfach unglaublich gut gefallen. Sie hat sich sehr intensiv vorbereitet, mit blinden Frauen gesprochen und ist auch noch sehr musikalisch. Dadurch fiel ihr auch der Wiener Dialekt gar nicht schwer.

Das Drehbuch von Kathrin Resetarits basiert frei auf Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“. Wie wichtig war die Vorlage für Sie?

Sehr. Durch das Buch bin ich überhaupt zu dem Film gekommen. Resi hat mich begeistert als Figur. Im Buch ist sie noch aufbrausender, eine sehr eigenwillige Figur, die mich berührt hat. In der Zukunft sind auch wieder zwei Romanadaptionen geplant. Fremde Stoffe erlauben mir einfach früher Regisseurin zu sein, was in vielerlei Hinsicht erleichternd ist.

Sie sind Professorin an der Filmuniversität Babelsberg. Interessiert Sie Potsdam als Filmsetting?

Ich nähere mich Geschichten über die Figuren an, nicht über Orte, von daher müsste ich eine interessante Potsdamer Figur finden. Die Umbrüche in der Stadt nehme ich ehrlich gesagt nur am Rande wahr, die Filmuni ist doch ein bisschen eine Insel. Aber eine, die mich beeinflusst und mir die Zusammenarbeit mit tollen kreativen Menschen ermöglicht, das schätze ich sehr. Und mich faszinieren tatsächlich der Park Sanssouci und die Historische Mühle. Der Blick einer Touristin – auch eine besondere Art des Sehens (lacht).

Das Gespräch führte Sarah Kugler

„Licht“ läuft ab Donnerstag deutschlandweit in den Kinos

Die Regisseurin Barbara Albert, 1970 in Wien geboren, ist seit 2013 Professorin für Spielfilmregie an der Filmuniversität Babelsberg. Sie lebt in Berlin. Ihr letzter Film war 2012 „Die Lebenden“.

Zur Startseite