Gerhard Preuß, der 2014 in Treuenbrietzen brachte des Öfteren die eigene Gesellschaftskritik zum Ausdruck, wie hier mit „Das Kapital marodiert auf dem Schlachtfeld“ von 1991. Fotos: Anne Preuß
© Fotos: Anne Preuß

Künstlernachlass von Gerhard Preuß Der ungehörte Mahner

Sein Werk kennen viele, seinen Namen nicht: Gerhard Preuß ist der 18. Künstler in der brandenburgischen Nachlass-Datenbank. 

Potsdam - Thomas Kumlehn hat seinen Laptop gastweise im Erkerzimmer von Familie Rose aufgeschlagen. Vor ihm liegt malerisch der Jungfernsee. Doch sein Blick verweilt weniger in der Naturidylle, als in der vielgestaltigen Bilderwelt der 2017 verstorbenen Malerin Squaw Hildegard Rose. Seit Wochen ist er dabei, ihren Nachlass zu erfassen. Die Ruhe des verwaisten Ateliers, in dem alle Wände von den großformatigen Werken der Künstlerin überzogen sind, kommt der akribischen Arbeit Kumlehns sehr entgegen. Jedes Detail der Bilder trägt er in ein digitales Formular ein: Titel, Datierung, Technik, Material, Maße, Signatur, Zustand, Provenienz – nichts soll verloren gehen. So bleiben die Künstler auch nach ihrem Tod im kulturhistorischen Gedächtnis der Stadt verankert. Das Formular entwickelte Kumlehn gemeinsam mit seiner Kollegin, der Kunsthistorikerin Liane Burkhardt, und dem Programmierer Daniel Burckhardt. Seit 2014 ist es unter www.private-kuenstlernachlaesse-brandenburg.de online.

Anlass des Besuchs bei dem Kulturarbeiter sind jedoch zwei andere Nachlassverzeichnisse, die Kumlehn bereits Ende Januar ins Netz gestellt hat: die von Gerhard Preuß. Er ist der 18. Künstler in der Datenbank. Doch anders als Squaw Hildegard Rose ist er den meisten Potsdamern unbekannt, obwohl er mehr als zehn Jahre hier lebte und sein Werk durch Millionen von Händen ging. Der Grafiker illustrierte rund 60 Bücher, darunter Schulbücher, Abenteuerromane, aber auch Publikationen für den Militärverlag. Über 2000 Illustrationen entstanden insgesamt. Als besonders beliebt galt die populärwissenschaftliche Reihe über die Urgesellschaft von Gerda Rottschalk. An „Die Wildpferdjäger“ und „Das Feuertier“ kann sich Kumlehn gut erinnern: „Preuß fand in seinen Cover-Gestaltungen nicht nur typografische Lösungen, sondern trumpfte mit malerischen Auffassungen auf.“ Das habe nicht nur seine Kinder fasziniert, sondern fasziniere auch heute seine Enkel.

Gerhard Preuß. Foto: H.H.W.Preuß Vergrößern
Gerhard Preuß. © H.H.W.Preuß

„Schönste Bücher der DDR“

Mehrere von Preuß illustrierte Bücher wurden als „Schönste Bücher der DDR“ ausgezeichnet. Auch auf den großen Kunstausstellungen in Dresden war er vertreten. Dennoch: Sein Name und auch die Vielfalt seines Schaffens sind den wenigsten bekannt. Wer sich nun online durch das künstlerische Werk klickt, kommt dem 2014 in Treuenbrietzen verstorbenen Künstler immerhin postum nahe: Da gibt es Figürliches, Abstraktes und immer wieder expressive politische Botschaften.

Erst als Gerhard Preuß’ Nichte Anne auf ihn zugekommen sei, nahm Kumlehn von dem riesigen Oeuvre Kenntnis, zu dem auch Plakate, Briefmarken, Spielkarten, Mappen mit Architekturzeichnungen und selbstgebaute Möbel gehören. Ebenfalls rund 1000 Handzeichnungen sowie über 400 freie farbige Arbeiten.

Familie Preuß ist den Potsdamern dennoch bekannt: durch den umtriebigen Neffen Ulrich „Stan“ Preuß, einen Schriftsteller und Filmemacher, der im Jahr 2000 tot in seiner Potsdamer Wohnung aufgefunden wurde, gerade einmal 39 Jahre alt. „Anne Preuß erzählte mir, dass ihr Onkel Gerhard für sie und ihren Bruder Ulrich eine Art Meister gewesen sei“, so Kumlehn.

Diese undatierte Arbeit soll nach 1980 entstanden sein. Foto: Anne Preuß Vergrößern
Diese undatierte Arbeit soll nach 1980 entstanden sein. © Anne Preuß

Gegen Konsumgier und Nationalismus

Nachdem sich Gerhard Preuß 1987 nach über 20 Jahren als Dozent für das Grundlagenstudium im Bereich Grafik von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee verabschiedet hatte, widmete er sich seinen eigenen, inneren Aufträgen, malte zu den Kriegen am Golf und in Jugoslawien, zu Mauerfall und Nachwendezeit. Er richtete sich gegen Konsumgier und Nationalismus.

In seinen Bildern und Texten ist deutlich abzulesen, dass Preuß ein absolut linker Denker und ein entschiedener Gegner des Kapitalismus gewesen sein muss. Nach 1989 kam dann noch persönlicher Unmut dazu. In der Hochschulzeit erhielt Preuß Anerkennung und war als Grafikdesigner gefragt, doch nach seinem Ausscheiden war nichts mehr davon zu spüren. Keine Aufträge gingen ein, keine Ausstellungen wurden gezeigt. „Schwierig für einen Menschen, der Botschaften vermitteln und in den Dialog treten wollte“, sagt Kumlehn. Die Wut ist den Arbeiten abzulesen, auch findet sie sich in längeren Texten auf den Rückseiten der Bilder wieder.

Das schönste Buch der DDR des Jahres 1963. Foto: Anne Preuß Vergrößern
Das schönste Buch der DDR des Jahres 1963. © Anne Preuß

Das kulturelle Erbe des Landes Brandenburg öffentlich sichtbar machen

Wie gehen die Nachlass-Erfasser mit den unterschiedlichen politischen Ausrichtungen ihrer aufgelisteten Künstler um? Gibt es Abgrenzungen, würden sie auch Anfragen ablehnen? Kumlehn macht deutlich: „Wir veröffentlichen faktenreiche werk- und zeitgeschichtliche Zusammenhänge in der Biografie und den Kommentaren zu Einzelwerken.“ Würden Nachlasshalter dies nicht akzeptieren, würden sie die Nachlässe nicht veröffentlichen. Wie bei allen 18 Künstlern auf ihrer Internetseite wiesen Kumlehn und Burkhardt auch bei Preuß den Kernbestand aus. Ihr Traum ist es, dass diese Kernbestände – in der Regel sind das fünf bis zehn Prozent eines Nachlass- oder Werkverzeichnisses – in den Bestand eines Depots übergehen. Museen wie das Potsdam Museum sind im Fokus.

Jährlich fördert das Land Brandenburg den 40-köpfigen Verein Private Künstlernachlässe mit 25 000 Euro. Die Stadt Potsdam erkannte inzwischen die Bedeutung der digitalen Werk-Dokumentation zu Lebzeiten: Der Maler Peter Rohn bekam von der Stadt eine Projektfinanzierung dafür. „Diese Förderung ist ein unglaublich wichtiges kulturpolitisches Signal für Potsdamer Künstler und wir hoffen, dass Rohn kein Einzelfall bleibt“, betont Kumlehn. „Wir wollen keinen Alleingang, sondern mit möglichst vielen Partnern das kulturelle Erbe des Landes Brandenburg öffentlich sichtbar machen und teilen.“ Dazu gehört demnächst auch die Bilderwelt von Squaw Hildegard Rose.

>>Alle Nachlässe unter https://private-kuenstlernachlaesse-brandenburg.de


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