Anfang des 20. Jahrhunderts wurde im Palast Barberini, dem Vorgängerbau des heutigen Museums, Kinogeschichte geschrieben. Foto: Andreas Klaer
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Kinonächte im Barberini Der Clou Potsdams

Das Museum Barberini zeigt eine Schau zu Fotografie und Impressionismus – und erinnert am Rande an eine vergessene Facette des Vorgängerbaus.

Potsdam - Der Lelbach-Saal ist kaum wiederzuerkennen. Zur Eröffnung des Museums Barberini konnte man aus den großen Fenstern im Obergeschoss noch auf die Alte Fachhochschule blicken. In „Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus“ sind die Fenster verschwunden. Der Raum, sonst lichtdurchflutet, liegt im Dämmerlicht. An den Wänden leuchten großformatige Autochrome – farbige Lichtbilder vom Beginn des 20. Jahrunderts. Die Glasplatten werden, wie damals, von hinten angeleuchtet. Fast meint man, den Wind im Gestrüpp zu spüren, ahnt, wie sich das Gras anfühlt, das eine Frau mit der Hand berührt. Kinoeffekt.

Die neue Schau im Museum Barberini schaut auf frühe Formen der Fotografie und untersucht, wie die Impressionisten sich darauf bezogen – und andersherum. „Wir knüpfen damit aber durchaus auch an die lokale Filmgeschichte an“, sagt Co-Kuratorin Helene von Saldern beim digitalen Rundgang mit der Presse. Nirgends kommt diese Ausstellung früher Fotografie dem Film so nahe wie hier im Lelbach-Saal. Der Saal wird so wieder einer seiner ursprünglichen Funktionen zugeführt: jener als Kinosaal.

Barberini wollte "ein Großstadtprogramm" vermitteln

Der Lelbach-Saal und der darunter liegende Saal waren schon als Orte für Lichtspiele genutzt worden, als das Medium noch ein absolutes Novum war. Ab Oktober 1910 wurden hier Filme gezeigt. Das erste Potsdamer Kino wurde der Filmwissenschaftlerin Jeanette Toussaint zufolge zwar in der Brandenburger Straße eröffnet – aber die Vorführungen im Barberini hoben sich offenbar durch ein besonderes Programm hervor. Sie versuchten, so beschreibt es der Historiker Tobias Büloff in einer Recherche, „stärker als die lokalen Mitbewerber ein Großstadtprogramm zu vermitteln.“ 

Ab 1910 wurden im Lelbach-Saal Filme gezeigt.  Foto: Stadtarchiv Postdam Vergrößern
Ab 1910 wurden im Lelbach-Saal Filme gezeigt.  © Stadtarchiv Postdam

Büloff hat auch recherchiert, wie die „Potsdamer Tageszeitung“ das damals beurteilte: Der Konzertsaal sei „vollständig mit elektrischer Lichtanlage versehen worden“, die Aufgänge „teppich-belegt, der Saal selbst mit Blattpflanzenarrangements und Läufern geschmückt“. Kurzum, im Vergleich zu anderen konnte das Kino „rein äußerlich eine besondere Note aufweisen.“ Das Programm speiste sich vor allem aus den Produktionen des französischen Filmunternehmens Pathé-Frères. Die 1896 in Paris gegründete Firma verband Filmproduktion mit einem eigenen Netz von Lichtspieltheatern, schreibt Büloff. Potsdam gehörte dazu.

Ein Leichenbegräbnis, Pariser Mode, englische Manöver

Die Eröffnung im Oktober 1910 wurde von einigem Rummel in Formen von reißerischen Anzeigen in der „Potsdamer Tageszeitung“ begleitet. Das Lichtspieltheater im Palast Barberini pries sich als nichts Geringeres als „der Clou Potsdams“: alles „hochaktuell“, „hochinteressant“, wenn nicht gar „das Schönste, was das Auge der Kinematographie je geschaut hat.“ Das Programm der Eröffnungswoche gibt Einblick in die bunten Inhalte: ein Leichenbegräbnis, Pariser Mode, englische Manöver und die Hundertjahrfeier der Berliner Universität. „Besonders beliebt waren in Potsdam Kurzfilme über aktuelle Ereignisse aus dem Kaiserhaus“, so Büloff.

Das Lichtspieltheater pries sich als „der Clou Potsdams“. Foto: BLHA/Potsdamer Tageszeitung Vergrößern
Das Lichtspieltheater pries sich als „der Clou Potsdams“. © BLHA/Potsdamer Tageszeitung

Gespielt wurde offenbar in Dauerschleife, stets mit musikalischer Untermalung. „Die Vorstellung beginnt Sonnabend 6 Uhr, Sonntag 4 Uhr und dauert beide Tage bis 11 Uhr“, schrieb die „Tageszeitung“. „Das Programm dauert ca. 2 ½ Stunden und wird dann wiederholt, sodaß auch später Kommende das vollständige Programm zu sehen bekommen.“ Der Andrang bei den Sonntagsvorstellungen muss erheblich gewesen sein – bald wurden Vorverkaufsstellen außerhalb des Palastes Barberini eingerichtet. 

Im Oktober 1916 scheint Schluss gewesen zu sein mit den Lichtspielen im Barberini. Die Kinobetreiber mussten auf Verlangen der Stadt Potsdam das Reklameschild für das Kino abmontieren, hat Tobias Büloff recherchiert – wohl ein Indiz für das Ende der kurzen, hochinteressanten Zeit der Lichtspiele im Palast Barberini. 

Das Lichtspieltheater hatte nur eine kurze Blütezeit. Foto: BLHA/Potsdamer Tageszeitung Vergrößern
Das Lichtspieltheater hatte nur eine kurze Blütezeit. © BLHA/Potsdamer Tageszeitung

Foto, Kino, Konzert

Die Schau (12. Februar bis 8. Mai) wird durch ein vielfältiges Programm ergänzt (museum-barberini.de). In der Reihe „Online Zu Gast“ werden etwa deutsche Fotosammlungen vorgestellt: Am 28. März um 18.30 Uhr spricht Judith Granzow, Leiterin der Sammlung Fotografie am Potsdam Museum, über die Sammlung des Hauses. 

Am 8. März um 19 Uhr gibt die Kammerakademie Potsdam im Nikolaisaal ein Gesprächskonzert zum Thema „Maschine und Geist“ mit Musik von Ravel und Debussy. Am 16. April und 7. Mai, jeweils um 19.30 Uhr zeigt das Filmmuseum Potsdam „The Brilliant Biograph. Europas früheste Bewegtbilder“, ein Kurzfilmprogramm mit Filmen von 1897 bis 1902.

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