Hintergründig. Was es mit dem verlassenen Boot an der Küste Siziliens auf sich hat, wollen nicht nur die Touristen wissen. Der Zuschauer erfährt erst am Ende des Films, was sich an dem Strand wirklich zugetragen hat. Doch ahnen kann er das schon zuvor. Foto: Promos/Sehsüchte
© Promos/Sehsüchte

Kino in Potsdam Filmtipps für das Sehsüchte-Festival 2019

Ein Boot am Strand, ein Vagina-Monolog, ein junger Alkoholiker und eine postapokalyptische Endzeitstory. Die Filmtipps von PNN-Autor Jan Kixmüller beim 48. Studentenfilmfestival in Potsdam.

Potsdam - Es ist nur ein Boot zu sehen. Nur dieses leere Boot mit dem Namen „Bochra“ und einer arabischen Aufschrift. Es ist an der Küste Siziliens gestrandet. Es liegt ganz friedlich im Sand, egal ob der Herbststurm die Wellen heranpeitscht oder die ersten Sommertouristen vorbeilatschen. Immer wieder das leere Boot, unberührt – bis erste Urlauber darauf herumklettern. In dem italienischen Film „La Buona Novella“ von Sebastiano Luca Insinga (Samstag, 13.30 Uhr, Filmuni, Kino 1, Marlene-Dietrich-Allee 11) wird bis zum Schluss nichts erklärt. Doch es ist schnell klar, dass das Boot mit dem hoffnungsvollen Namen „Überbringerin guter Botschaften“ Flüchtlinge aus dem gegenüberliegenden Nordafrika nach Italien gebracht hat. Erst im Subtext am Ende erfahren wir, dass es 130 Menschen waren, auf dem kleinen Boot, das augenscheinlich nur ein gutes Dutzend Menschen zu fassen vermag. 130 gerettet von 40.000 Menschen, die in den vergangen 15 Jahren im Mittelmeer bei der Flucht ertrunken sind.

Ob die Nachwuchsfilme heute überhaupt noch so politisch sind wie vor Jahren, war eine Frage die zum Beginn des Studentenfilmfestivals Sehsüchte im Raum stand. Schließlich basiert manch einer der durchaus perfekt gemachten Kurzfilme eher auf einem flachen Inhalt. Etwa der vergnügliche Vagina-Monolog der jungen Hannah im Film „Hot Dog“ von Marleen Valin und Alma Buddecke. Die junge Frau erzählt, wie sie ihr Geschlechtsteil hat lieben gelernt, am Ende sogar mehr als Netflix. Ein drolliger Film mit Fremdschämgarantie, doch über die erwähnenswerte Tatsache hinaus, dass sich seit einigen Jahren auch Frauen in der Kunst mit ihrer Geschlechtlichkeit befassen, ein Film der inhaltlich nicht weiter zu bewegen vermag.

Doch man muss genauer hinschauen. Denn viele der Nachwuchsfilme entpuppen sich erst auf den zweiten Blick als politisch, kontrovers und gesellschaftskritisch. In „La Buona Novella“ zum Beispiel wird das jahrelange Fluchtdrama im Mittelmeer nur indirekt angedeutet. Doch so erreicht es den Zuschauer viel direkter als manch faktenschwere TV-Reportage.

Oder der Film „Et Arnaud“ (Freitag, 17 Uhr, fx.center) von Thomas Damas. Arnaud ist bereits in jungen Jahren Alkoholiker. Er spricht sehr offen darüber, warum er tagelang trinkt, es nicht lassen kann und will. Er offenbart sich seinem jüngeren Bruder gegenüber, der den Film gemacht hat. Und tippt dabei irgendwann auch das dunkle Geheimnis der Familie an, das ihn offenbar so weit gebracht hat. Missbrauch, Vergewaltigung, etwas Abgründiges muss es gegeben haben, wovor die Mutter nur noch den jüngeren Bruder beschützen konnte.

Am Abgrund. Der junge Arnaud verschwendet sein Leben an den Alkohol. Fotos: Promos/Sehsüchte Vergrößern
Am Abgrund. Der junge Arnaud verschwendet sein Leben an den Alkohol. © Fotos: Promos/Sehsüchte

Ein düsteres Geheimnis lastet auch auf der jungen Daniela in dem Film „El Verano Del Léon Eléctricio“ des chilenischen Filmemachers Diego Céspedes (Freitag, 17 Uhr, fx.Center, Quentin-Tarantino-Straße). Mit ihrem kleinen Bruder kann die Jugendliche zwar noch unbedarft spielen. Doch über allem lastet ein dunkler Schatten. Der sogenannte „Löwe Judas“ hat sich angekündigt. Ein alter Mann, der offenbar als Heiliger gilt, eine Art Sektenführer, der das frühe Erwachsenwerden von Daniela für seine abwegigen Begierden und Interessen ausnutzt. Die Abhängigkeiten werden nur angedeutet. Doch schließlich ist klar, dass die Angst, die Daniela nur ihrem Bruder anvertraut, begründet ist. Sie wird mit dem alten Mann zwangsverheiratet, sie wird seine siebte Frau. Ihr bleibt nur noch, dem Bruder zu sagen, dass sie keine Kinder von dem „Löwen“ will – dann wird sie mit ihm weggebracht.


Recht düster ist die Welt auch in dem Animationsfilm
The Bolt Connection“ (Frankreich, Regie: Shih-Hui Pan, Maurine Lecerf, Nicolas Lebas, Thibault Grunenberger, Mathilde Dourdy, Claire Cartier). Für ein lebendes Herz gehen die Roboter in dieser postapokalyptischen Endzeitstory über Leichen. Doch der aufputschende Rausch des Blutes währt nicht ewig – Analogien zum wirklichen Leben nicht ausgeschlossen. Die Welt, die hier gespiegelt wird, lässt einen gewissen Kulturpessimismus zumindest erahnen. Und letztlich ist auch die Vagina-Ode der jungen Hannah trotz aller Komik eine verborgene kritische Reflexion gesellschaftlicher Realitäten.

Potsdams Kulturbeigeordnete Noosha Aubel war es schließlich, die in einem kleinen intellektuellen Diskurs zum Start des Festivals ihre Erwartung einer kritischen Selbstreflexion formulierte. Ihr Fazit: „Film kann!“ – zum Beispiel einen kritischen Diskurs anregen. Vorausgesetzt allerdings, dass er sein Publikum findet. Und dazu gibt es bis Sonntag auf dem Festival in Babelsberg noch reichlich Gelegenheit. Schließlich verstehen sich die Sehsüchte nicht nur als studentisch-cineastische Veranstaltung, sondern auch als Angebot an alle Filmfreunde.

Zur Startseite