Hannes Schumacher und Lara Feith als Ferdinand und Luise.  Foto: Thomas M. Jauk
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"Kabale und Liebe" feierte Premiere am Potsdamer HOT Die zerstörerische Macht der Worte

Astrid Priebs-Tröger
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Tobias Rott inszeniert „Kabale und Liebe“ am Hans Otto Theater eng am Original – und überzeugt mit starker Körpersprache.

Potsdam - Es war ein wunderbares Anfangsbild. Unterm Sternenhimmel begegnen sich zwei junge Menschen. Wortlos und innig. Minutenlang tanzen sie zu Diskomusik miteinander. Und sie sitzen auch dann noch eng umschlungen, als das Intrigenspiel schon längst seinen Lauf nimmt. Am Freitagabend feierte im Hans Otto Theater Schillers „Kabale und Liebe“ Premiere. Tobias Rott, der 2006 hier selbst den Sekretär Wurm verkörperte, führte jetzt Regie bei der insgesamt siebten Inszenierung dieses deutschen Klassikers seit 1951 am Potsdamer Stadttheater.

Liberté, Égalité, Fraternité – so lauteten die Forderungen der französischen Revolution von 1789, die bis heute nicht eingelöst sind. Auch Schillers Sturm- und Drang-Drama arbeitete sich fünf Jahre vorher an diesen Menschheitsträumen ab. In Tobias Rotts zumindest äußerlich stark in der Gegenwart verorteten Inszenierung tun dies die beiden Liebenden auch. Ferdinand, der nachdenklich und energisch zugleich, in Jeans und Parka von Hannes Schumacher verkörpert wird. Und Luise, die Lara Feith kraftvoll und klarsichtig in grauem Overall und blauer Sternen-Strickjacke spielt, sind verliebt und das sieht man sofort.

Andreas Spaniol, Ulrike Beerbaum, Lara Feith und Hannes Schumacher. Foto: Thomas M. Jauk
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Was man nicht sieht, sind die Standesunterschiede, die beide trennen, ihre unterschiedlich geprägten Moralvorstellungen und Erwartungshaltungen ihrer Herkunftsfamilien. Zu Ostzeiten wurde das Thema des Dramas als historisch überholt angesehen und Standesschranken überwunden geglaubt. In den sozialen Umbrüchen, in denen sich (Ost-)Deutschland seit der Wiedervereinigung befindet, sind jedoch unterschiedliche soziale Herkunft, Religionszugehörigkeit oder fremde Kulturen durchaus ein Thema, das auch Liebesbeziehungen verhindert.

Zu Beginn tanzen alle zwischen weißen Wänden, die auf den ersten Blick durchlässig erscheinen und viel Raum – auch für die verschiedensten Projektionen – bieten. Doch dieses schicke, sehr praktikable Bühnenbild von Susanne Füller hat auch noch eine geschlossene Rückwand und die klappt wenig später wie ein Deckel einfach zu. Der lichte Kasten wird ganz schnell zur beengenden Schuhschachtel, in der alles beziehungsweise jede und jeder seinen Platz hat.

Und in der der Präsident von Walter, Ferdinands Vater, männlich raumgreifend seine Vorstellungen durchzusetzen versucht. Jörg Dathe verkörpert ihn auch als sexuell zügellosen Hedonisten, der qua adliger Geburt meint, Schicksal spielen zu können. Sein eigenes Kind will er dazu gebrauchen, seine Machtposition am Hofe zu verbessern. Dafür will er Ferdinand mit Lady Milford, der Mätresse seines Fürsten, verheiraten. Und auch die Millers glauben – beide auf unterschiedliche Weise – dass ihnen ihre einzige Tochter zu gesellschaftlichem Aufstieg verhilft. Die Mutter, die von Ulrike Beerbaum etwas zu schrill als genusssüchtig-dümmliche Rothaarige gegeben wird, hofft, dass sich ihre Tochter mit ihrer engelhaften Schönheit hochschlafen kann. Der Vater, den Andreas Spaniol als patriarchalisch-agilen Aufsteiger gibt, will dagegen vor allem in ihre Bildung investieren.

Was die blondgelockte, idealistische 16-Jährige selbst will, steht dabei überhaupt nicht zur Debatte. Wie überhaupt die Frauenfiguren, die mitspielen, nur drei Kategorien zuzuordnen sind: Heilige, Hure oder Mutter. Platz für eigene Ansprüche, Widersprüche oder gar Entwicklung wird ihnen nicht zugestanden. Das betrifft nicht nur das Vater-Tochter-, sondern auch das Mann-Frau-Verhältnis. Überall Abhängigkeiten – jedoch immer nur in eine Richtung. Doch die jungen Liebenden scheitern nicht nur an den Verhältnissen, sondern letztlich (auch) an sich selbst.

Ferdinand, der Luise zu lieben glaubt, erhebt mit dem ersten gesprochenen Wort an Ansprüche an sie. Letztendlich verfügt er über sie wie sein Eigentum. Bewusst ist das beiden nicht und nur so kann das Verhängnis in Form eines falschen Briefes seinen Lauf nehmen.

Kampf um die Liebe. Luise (Lara Feith)und Ferdinand (Hannes Schumacher) stammen aus unterschiedlichen Ständen, eine Beziehung ist ihnen kaum möglich.  Foto: Thomas M. Jauk
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Denn in „Kabale und Liebe“ werden – nur mithilfe von Worten – zwei Leben zerstört. Doch diese Worte können ihre Macht nur entfalten, weil die jungen Liebenden nicht wirklich miteinander reden – und auch nicht gemeinsam flüchten – können. „Ich fürchte nichts als die Grenzen deiner Liebe“, sagt Ferdinand zu Luise – doch austesten darf sie diese Grenzen nie. Er selbst traut ihr ernsthaft zu, dass sie mit Hofmarschall von Kalb, der von Henning Strübbe als Lackaffe mit homosexuellen Neigungen und PR-Talent verkörpert wird, ein Verhältnis hat. Das sind dann die Grenzen seiner eigenen (negativen) Vorstellungskraft.

Nur am Anfang und ganz am Ende klappt die Kommunikation zwischen Ferdinand und Luise. Doch da sprechen nur ihre Körper, ihre Seelen, ihre Herzen. Und (falsche) Worte haben keine Chance. Dies zeichnet Rotts Inszenierung aus. Die vielen Worte sagen bei ihm letztendlich weniger als die oft deutliche Körpersprache. Die Umarmung der Liebenden, der Würgegriff des adligen Vaters, die Kette aus Familienmitgliedern, die an beiden Kindern zerrt. Oder auch der Sekretär Wurm von Jonas Götzinger, der in seiner beige-braunen Kostümierung vordergründig an einen Stasi-Spitzel erinnert, und seine zersetzenden Ideen genüsslich in den Kahlkopf des Präsidenten hineinbohrt.

Zumindest äußerlich aus dem Konzept gefallen zu sein scheint Lady Milford, die von Nadine Nollau in großer Abendrobe und mit schwindelerregender Anpassungsfähigkeit gespielt wird. Präsident Walter bleibt sich indes bis zum Ende treu. Er greift noch nach der Hand seines sterbenden Sohnes – nur, um sich selbst freizusprechen.

>>Die nächsten Vorstellungen: 14. und 16. Februar, jeweils 19.30 Uhr im Hans Otto Theater

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