Die Kammerakademie Potsdam mit Dirigent Antonello Manacorda, der seit 2010 das Ensemble leitet. Foto: Beate Wätzel
© Beate Wätzel

Jubiläum der Kammerakademie Potsdam Von der Schmerzensgeburt in den Klassik-Olymp

Das Orchester der Landeshauptstadt hat Geburtstag: 20 Jahre Kammerakademie Potsdam. Anlass für einen Blick zurück auf schwierige Anfänge und schillernde Momente

Potsdam - Wenn die Kammerakademie Potsdam heute Abend im Nikolaisaal die Saison eröffnet, feiert sie gleichzeitig ihr 20. Jubiläum. Das schreibt sich leicht dahin, ist aber alles andere als selbstverständlich. Schon die Gründung 2001 als Orchester der Landeshauptstadt Potsdam und Hausorchester des Nikolaisaals war es nicht. Blickt man auf die Anfänge dieses heute regional, national und international erfolgreichen Orchesters, kommt man um einen Begriff nicht herum: Schmerzensgeburt.

Eine Zäsur in Potsdams Musikszene

Voraussetzung für die Gründung dieses Orchesters war die Auflösung eines anderen. Bis zum Jahr 1999 hieß das Orchester der Landeshauptstadt Brandenburgische Philharmonie. Bis dahin hatte das Hans Otto Theater auch eine Musiktheatersparte. Im Zuge des vom Land Brandenburg gewünschten Orchesterverbunds erfuhr Potsdams Musikszene eine wesentliche Zäsur: Die Brandenburgische Philharmonie wurde abgewickelt, Musik sollte über Gastspiele abgehakt werden. 

„Johannas Resterampe“ spöttelte man damals über die Kürzungen von Kulturministerin Johanna Wanka (CDU). Diese führten in Potsdam zu erheblichem Widerstand - zumal zeitgleich zur Auflösung des Orchesters ein neuer Saal für eben dieses Orchester gebaut worden war: der Nikolaisaal. Bei dessen Eröffnung im Jahr 2000 gab es die Brandenburgische Philharmonie schon nicht mehr. Es musste das Staatsorchester Frankfurt anreisen.

Mit Chefdirigent Antonello Manacorda begannt 2010 das zweite Kapitel der KAP.  Foto: Sebastian Gabsch PNN Vergrößern
Mit Chefdirigent Antonello Manacorda begannt 2010 das zweite Kapitel der KAP.  © Sebastian Gabsch PNN

Aus zwei Orchestern entsteht ein neues  

Der Druck aus der Bevölkerung war so groß gewesen, dass die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung der Auflösung des Orchesters nur unter einer Voraussetzung zugestimmt hatte: Die Stadt sollte ein eigenes Kammerorchester erhalten. In freier Trägerschaft, das war Bedingung. Den Zuschlag erhielten das Potsdamer Persius Ensemble und das Berliner Ensemble Oriol. Gemeinsam bildeten sie die neue Kammerakademie Potsdam (KAP).

„Das Ensemble Oriol war das Zünglein an der Waage“, sagt die Violinistin Renate Loock in einem Gespräch, das man auf der neu gestalteten Webseite des Orchesters nachlesen kann. „Denn die Stadt hatte bestimmt, dass ein großer Anteil der Musiker:innen aus Potsdam stammen sollte. Deshalb war klar: Für wen sich das Ensemble Oriol entscheidet, der wird's.“ 

Geigerin Renate Loock spielte in der Brandenburgischen Philharmonie Potsdam, dann im Oriol Ensemble, und nun in der KAP. Foto: Manfred Thomas Tsp Vergrößern
Geigerin Renate Loock spielte in der Brandenburgischen Philharmonie Potsdam, dann im Oriol Ensemble, und nun in der KAP. © Manfred Thomas Tsp

Existenzängste bei den Musiker:innen

Renate Loock spielte zur Zeit der Neugründung im Oriol - und war selbst kurz zuvor noch Konzertmeisterin der Brandenburgischen Philharmonie gewesen. Das Oriol machte anspruchsvolle Programme, aber wirtschaftlich funktionierte es nicht, die Musiker:innen arbeiteten „absolut unterhalb jedes Existenzminimums“, sagt Cellist Christoph Hampe im KAP-Gespräch.

Cellist Christoph Hampe spielte im Berliner Ensemble Oriol, bevor dieses mit dem Potsdamer Persius Ensemble fusionierte und zur KAP wurde. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Cellist Christoph Hampe spielte im Berliner Ensemble Oriol, bevor dieses mit dem Potsdamer Persius Ensemble fusionierte und zur KAP wurde. © Andreas Klaer

Das Potsdamer Persius Ensemble hingegen, ein Nonett mit fünf Blas- und vier Streichinstrumenten, hatte sich gänzlich aus Mitgliedern der Brandenburgischen Philharmonie gegründet. Angesichts der drohenden Auflösung der Philharmonie hatte man auch hier mit Existenzängsten zu kämpfen. In einem Orchester zu spielen, dessen Gründung Bedingung für die Auflösung des Vorgängers war, war für die Musiker:innen des Persius Ensembles zunächst ein zweischneidiges Schwert. 

Alexander Hollensteiner ist seit 2014 Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam. Foto: Sebastian Gabsch PNN Vergrößern
Alexander Hollensteiner ist seit 2014 Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam. © Sebastian Gabsch PNN

Eine Scheu vor Stolz?

„Die Musiker haben mit sich gehadert“, sagt Alexander Hollensteiner. Als er 2014 als Geschäftsführer zum Orchester stieß, waren Reste davon noch zu spüren. Aus dem Publikum kam auch 13 Jahre nach der Gründung noch die Frage: „Wie soll das Orchester in Potsdam ankommen?“ Hollensteiner spricht von einer „Scheu vor Stolz“, die er an der KAP von Beginn an wahrgenommen habe - vielleicht Teil dessen, was Chefdirigent Antonello Manacorda als Authentizität des Orchesters beschreibt. 

Manacordas Ankunft 2010 markiert Hollensteiner zufolge den Beginn des zweiten KAP-Kapitels. Bis dahin hatte es viele künstlerische Wechsel gegeben: Auf Peter Rundel folgten Sergio Azzolini, Andrea Marcon und Michael Sanderling. In künstlerischen Fragen tat sich oft die alte Spaltung zwischen Oriol und Persius auf. Manacorda brachte das Orchester zusammen.

Mit dem Format KAPmobil ist die das Orchester seit Beginn der Corona-Pandemie im Stadtgebiet unterwegs, wie hier in Drewitz.  Foto: Sebastian Gabsch PNN Vergrößern
Mit dem Format KAPmobil ist die das Orchester seit Beginn der Corona-Pandemie im Stadtgebiet unterwegs, wie hier in Drewitz.  © Sebastian Gabsch PNN

Ein Ritterschlag für das Orchester

Eine wesentliche Rolle spielten die CD-Aufnahmen, die Manacorda von Anfang einspielen ließ - zunächst selbst finanziert, bald beim renommierten Plattenlabel Sony. Für den Schubert-Zyklus erhielt die KAP 2015 den „Echo“-Preis als bestes Orchester. Ein Ritterschlag. Hollensteiner nennt als markante Meilensteine natürlich auch die Ehre, als eines der ersten Orchester in der neu eröffneten Elbphilharmonie Hamburg spielen zu dürfen.

Und er nennt den Bundespreis „Kultur öffnet Welten“ für das KAP-Programm „Musik schafft Perspektive“ im Jahr 2017. Sichtbarstes Resultat dieser Zusammenarbeit zwischen dem Orchester, der Grundschule „Am Priesterweg“ und dem Begegnungszentrum „Oskar“ in Drewitz ist die Stadtteiloper.

Engagement für die Stadt Potsdam

Dieses Engagement in der Stadt ist von dem Orchester ausdrücklich gewünscht, darüber sei man sich beim Überprüfen und Hinterfragen des eigenen Profils während der Pandemie noch einmal klar geworden, sagt Hollensteiner. So kommt es, dass Anna Prohaska, Artist in Residence im Jubiläumsjahr, nicht nur heute im Saal glänzen, sondern auch Workshops geben wird. Selbstverständlich ist es nicht, dass sich Stars wie sie auf Formate wie diese einlassen. In Potsdam ist es einfach Bedingung.

Das Konzert am 28.8. im Nikolaisaal ist ausverkauft. Für den Familiensonntag am 29.8. (Eintritt frei) gibt es noch Karten an der Ticketgalerie. Vom 26.3. bis 3.4. feiert die KAP eine Jubiläumswoche an verschiedenen Orten in der Stadt.


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