Robert Neumann. Foto: promo/wildundleise
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Interview „Was man Ausgleich nennt, brauche ich nicht“

Robert Neumann stellt sich mit Klaviersonaten von Haydn und Prokofjew in der Reihe „Debüt im Nikolaisaal“ vor. In Interview spricht er darüber, wie man junge Menschen für Klassik begeistern kann.

Potsdam - Herr Neumann, ärgert es Sie manchmal, dass das Publikum in klassischen Konzerten so viel älter ist als Sie?
 

Ich bin nicht enttäuscht. Aber mich macht diese Entwicklung nachdenklich, dass in vielen Sälen das Durchschnittsalter bei klassischen Reihen mittlerweile bei 70 liegt, oder sogar bei 80. Das ist tatsächlich nicht überall so, in Spanien gehen sehr viele junge Menschen in klassische Konzerte. In Polen auch. Ich weiß nicht, warum diese Entwicklung in Deutschland noch nicht eingesetzt hat. Hoffentlich wird sich etwas ändern – sonst kommt bald keiner mehr.

Wie kann man denn junge Leute für klassische Musik begeistern?

Es ist natürlich immer ein Kompromiss zwischen dem Zeitgeist, dem Sich-Treiben-Lassen – das soll jetzt nicht negativ klingen – und dem Aufrechterhalten der professionellen, traditionellen Kunst. Das ist immer ein Spagat. Es gibt ja mittlerweile haufenweise Projekte, die sich damit beschäftigen, ein junges Publikum zu rekrutieren. Das boomt ja geradezu. Viele Vermittlungskonzepte sind wirksam, viele nicht. Ich bin da sehr gespalten. Aber es ist generell wichtig, darauf hinzuarbeiten. Wir sind in Europa eigentlich Vorreiter: Wir haben die höchste Dichte an kulturfördernden Vereinen und die höchste Dichte an klassischen Veranstaltern. Damit sich das weiter halten kann, muss sich etwas tun. Es gibt viele Leute in meinem Alter – viele davon noch Studenten –, die in Projekte wie „Rhapsody in School“ involviert sind und Schulen besuchen. Dieses Projekt finde ich sehr wirksam.

Wann haben Sie Ihre ersten Töne gespielt?

Wollen Sie wissen, wann ich angefangen habe, Klavier zu spielen, oder wann ich meine ersten Töne gespielt habe?

Beides natürlich.

Mit vier Jahren hatte ich zum ersten Mal Klavierunterricht. Meine Mutter, die auch Pianistin ist, hat mich zu einer Lehrerin an die Stuttgarter Musikschule gebracht. Dort bin ich fast zehn Jahre geblieben. Meine Eltern sind beide Musiker – die erste Taste dürfte ich also schon weit früher gedrückt haben.

Und wie viel müssen Sie üben?

Das spielt doch überhaupt keine Rolle, oder? Üben muss keiner. Entweder man will üben, dann übt man. Oder man hat das Gefühl, üben zu müssen. Das ist dann schlecht, so als würde man einen Dienst verrichten müssen. Das hat schon etwas Trauriges, wenn der Beruf nicht die Berufung ist. Ich denke, ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich nicht üben muss.

Haben Sie sich irgendwann bewusst dazu entschieden, eine klassische Laufbahn zu gehen, oder stand das fest?

Weder noch. Ich glaube, das ist ein Prozess, in den man langsam hineingerät. Und es war nie die Frage, ob ich mich damit abfinde oder nicht, denn es war ja das, worauf es hinauslief. Und ich konnte mich darauf vorbereiten. Ich bin eine Person, die Widerstand geleistet hätte. Wenn der Beruf nicht meine Berufung wäre, dann wäre ich ihm auch nicht länger nachgegangen. Ich kann mir schon seit vielen Jahren nicht vorstellen, etwas anderes zu tun.

Oft wird gesagt: Wer so jung so ehrgeizig ist, der kann keine schöne Kindheit gehabt haben. Was antworten Sie darauf?

Was heißt denn „schöne Kindheit“? Ich hatte eine außergewöhnliche Kindheit und dadurch war sie schön. Ich denke auch, dass jeder seine eigenen Maschen hat. Es gibt Jugendliche – ich bin ja auch noch ein Teenager –, die den lieben langen Tag nach ihrem Schulabschluss auf der Matratze liegen und Rockmusik hören. Ich nicht. Ich sitze dann an meinem Instrument und schreibe Musik, spiele vom Blatt, spiele Kammermusik, höre Musik. Jeder bildet seinen eigenen Interessenkomplex. Ich glaube nicht, dass ich auf irgendetwas habe verzichten müssen.

Schützen Sie Ihren Körper eigentlich vor Problemen, die das Musikerdasein mit sich bringt?

Ich habe noch nie irgendeine Sportart betrieben. Wenn es Probleme gibt, muss man radikale Maßnahmen ergreifen und man darf sich nicht scheuen, eine gewisse Zeit lang Abstand zu seinem Instrument zu nehmen. Alles andere ist unter Umständen gefährlich. Wir hängen als Musiker von unserer Anatomie ab.

Was war denn die längste Zeit, in der Sie Abstand von Ihrem Klavier genommen haben?

Ich versuche, mir einmal im Jahr eine Auszeit zu nehmen. Das sind dann ohne Instrument im Sommer zehn bis 14 Tage. Nie mehr. Das ist hart. Eine Woche geht ganz gut, die zweite Woche ist schon Folter. Oder ich mache es so wie diesen oder auch letzten Sommer und nehme mir keine Zeit frei vom Instrument. Stattdessen verbringe ich dann einen Monat im Süden und nehme dorthin mein Digitalpiano mit. Vielleicht ist eine Auszeit ganz schön, aber danach kämpft man viel länger, als die Auszeit dauerte, um wieder in den normalen Werkrhythmus zu kommen. Es rächt sich extrem, es ist nicht wirklich lukrativ. Ich denke, es ist besser, einen guten Werkrhythmus zu finden, der mit dem natürlichen Rhythmus koexistiert. Wenn man seit Kindertagen einen geschulten Mechanismus hat, der auch so verinnerlicht ist, dass man frei damit umgeht, dann kann es auch kaum zu Beschwerden anatomischer Art kommen. Das ist meine Überzeugung.

Würden Sie das Musikerdasein für irgendetwas an den Nagel hängen?

Nein. Wenn man etwas bewegen möchte, dann sucht man sich den Gegenstand aus, mit dem man am ehesten meint, etwas bewegen zu können. Es gibt viele Dinge, die mich interessieren. Das Altgriechische beispielsweise begleitet mich. Überhaupt bin ich der Literatur sehr nah. Ich könnte mir auch vorstellen, mir mehr Zeit für das Komponieren zu nehmen.

Sie spielen auch in Potsdam ein selbstkomponiertes Stück. Wie gehen Sie beim Komponieren vor?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal gibt es eine Grundidee, zum Beispiel eine Werkgattung, die mich beeindruckt. Dann beginne ich, Material zu sammeln. Manchmal ist es auch so, dass mich ein Text sehr beeindruckt. Dann versuche ich, Text in Ton umzuwandeln oder auch zu vertonen für eine Singstimme. Bei Klaviermusik gehe ich oft von der Form aus und fülle sie mit Material. Oder ich habe Material und die Form entwickelt sich dann. Bei der „Burlesca“ aus diesem Jahr war es so, dass ich das Stück schon sehr früh in ein Programm gesetzt hatte. Eineinhalb Monate zuvor fiel mir dann auf: Oh, ich habe noch keinen einzigen Ton geschrieben. Somit ist es in wenigen Tagen zu Papier gekommen.

Und wie passt Ihr Stück in das Programm?

Ich fange mit einer Sonate von Haydn an und ende mit Prokofjew. Ich denke, dass beide Komponisten sich unglaublich ähnlich sind. Sie haben diese Spielfreude. Manchmal hat Prokofjew auch einen Hang zu ernsthaftem Sarkasmus. Und in beiden Stücken wird diese künstliche Träne fühlbar, diese Musical-Träne. Beide Komponisten sind die Haupteinflüsse für mein eigenes Stück, das ich dazwischen spiele.

Komponieren Sie ausschließlich klassische Musik?

Bei der Komposition beschränke ich mich auf die klassischen Instrumente. Synthesizer-Musik bewegt sich ja auf einem Grat zwischen Komposition und Programmierkunst. Es gibt künstlerisch hochinteressante Dinge, die ich sehr schätze, die ich aber nicht in den Bereich des Komponierens einordnen würde.

Und wie schalten Sie ab?

Was man immer den Ausgleich nennt, brauche ich nicht. Mein Beruf beinhaltet sämtliche Komponenten: Ich habe Anspannungs- und Entspannungsphasen. Überhaupt beschränkt sich das Musizieren ja nicht auf die Übezelle. Das ist Vom-Blatt-Spielen, das Anhören von Musik, die Besuche von Konzerten, das Schreiben von Musik und so weiter. Auch das Warten auf Flughäfen. Ich habe so viele Städte besucht und dabei nicht gesehen. Das ist bedauerliche Sache. Amsterdam, Brüssel, Mailand.

Sie fliegen sehr viel. Ihre Generation steht ja für Fridays for Future. Inwiefern berührt Sie die Bewegung?

Ich versuche, Kurzstreckenflüge zu vermeiden. Wo man einen Bus oder Zug nehmen kann, versuche ich, das auch in meine Pläne miteinzubeziehen. Aber ich habe einen Beruf gewählt, bei dem ich nicht drumherum komme, in kürzester Zeit Distanzen zurückzulegen. Man kann tatsächlich auch Prinzipien setzen und die über alles andere stellen. Evgeny Kissin sagt dann: Oh, wir sind vierzig Stunden zu spät, der Zug kam nicht. Aber Sie verstehen, ich bin nicht Evgeny Kissin. Natürlich ist das mittlerweile eine der wichtigsten Aufgaben. Größtenteils sind wir uns ja alle einig: Wenn wir die Klimasituation nicht ändern, dann lohnt es sich bald nicht mehr, für irgendetwas zu kämpfen.

Welche Musik hören Sie privat?

Ich bin auch sehr interessiert an Filmmusik. Es gibt natürlich viel Schund, viele verstehen Filmmusik als Hintergrund, als Verstärker von Bild und Wort. Ich denke, Filmmusik hat dann besonderen Respekt verdient, wenn sie ohne Bild funktioniert.

Sie unterrichten auch in Potsdam. Was wollen Sie den Schülern vermitteln?

Der Workshop soll dazu dienen, mich zugänglicher zu machen. Der klingende Ton überschreitet nicht mehr als einziges Element die Grenze, die das Podium markiert. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Es gibt ja auch neben dem Ton Dinge, die man als Künstler verlauten lassen möchte. In Potsdam bin ich an einer Schule und die Schüler sind fast in meinem Alter. Ich denke, das ist ein Format, bei dem man viel mitnehmen kann, als Schüler und auch ich kann viel mitnehmen.


Debüt im Nikolaisaal, Gesprächskonzert, Dienstag um 19 Uhr

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