Carsten Wist feier 2020 30 Jahre Literaturladen Foto: Andreas Klaer
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Interview | Potsdamer Buchhändler Carsten Wist "Wir sind kein Eliteladen"

Der Literaturladen Wist in der Brandenburger Straße wird am 2. Juli 30 Jahre alt. Mitbegründer und Buchhändler Carsten Wist spricht über Krisen, einen K.O.-Schlag und seine Literatursucht.

Potsdam - Herr Wist, die Buchbranche wird seit Jahren für tot erklärt, Sie haben vor 30 Jahren, am 2. Juli 1990 Ihren Literaturladen eröffnet und sind immer noch erfolgreich. Was ist Ihr Geheimnis?

Buchläden wurden ja quasi seit ihrer Existenz für tot erklärt. Dass wir so lange überlebt haben, hängt meiner Meinung nach mit zwei Dingen zusammen: Auf der einen Seite, dass es ein bedingungslos radikal leidenschaftlicher Kampf ist und dabei kleine Angriffe am besten wirken. Man hofft immer nur die richtigen Mittel zu finden. Zum anderen sind wir von Anfang an mit diesen Bedrohungen aufgewachsen und nehmen sie dadurch nicht mehr so wahr.

Welche Bedrohungen sind das?

Irgendwann war es der Film, der vom Lesen abhalten sollte, irgendwann das Internet, dann das E-Book, Amazon natürlich. Aber mir hat mal ein sehr geschätzter Vertreter gesagt, dass die größte Gefahr eigentlich wir selbst sind. Wenn wir unsere Lust, unsere Neugier unsere Leidenschaft verlieren. Und das hier nur noch beamtenmäßig machen. Es ist ja das eine, ein Ziel zu haben und einen erfolgreichen Literaturladen aufzubauen, aber ihn auch 30 Jahre zu halten. Jahr für Jahr immer wieder dazustehen mit dem Programmen aus Frühjahr und Herbst. Das zu empfinden, sich immer wieder da reinzubegeben, es für das Höchste zu befinden, das ist schon Hochleistungssport.

Und da ist Ihnen nie die Puste ausgegangen?

Es gab immer Ups and Downs, man könnte fast sagen zyklisch alle zehn Jahre gab es eine Krise. Zwei bis drei Mal standen wir vollkommen ratlos da, 2001 haben wir den Laden kurzzeitig geschlossen, da ist Siegfried Ressel, mit dem ich den Literaturladen gegründet habe, auch gegangen. Aber die zählen trotzdem in unsere 30 Jahre, wir haben noch Büchertische betreut und auch weiterhin einzelne Kunden. Und 2002 war der Buchladen auch wieder offen. Letztendlich war in all diesen Situationen das Licht am Ende des Tunnels immer da.

Und Sie waren nie ganz alleine.

Tatsächlich habe ich in den brenzligen Zeiten meine Mutter um Rat gefragt, sie hat mir immer ausgeholfen und ist meine größte Unterstützerin. Auch wenn ich mich finanziell mal vergaloppiert hatte. Ein wichtiger Moment war aber auch, als ich im Jahr 1997 kurz nach meinem 40. Geburtstag meine jetzige Frau kennenlernte. Ich dachte eigentlich, dass meine Schöpfungsgeschichte schon vorbei wäre, aber dann kamen die vier Kinder und haben das Ganze in eine bürgerlichere, verantwortungsbewusstere Ebene gehoben.

Zu dem Zeitpunkt hatten Sie tatsächlich schon viel erlebt. Ursprünglich wollten Sie Sportreporter werden.

Ich habe schon als 14-Jähriger meine Sportreportagen eingesprochen und sowas. Die Leidenschaft für die Literatur kam vielmehr durch meinen Lebenslauf, sie war mein Rettungsanker während der Armeezeit, die ich absolvieren musste, um überhaupt eine Chance auf ein Journalistikstudium zu haben.

Geklappt hat es dann trotzdem nicht.

Nein, ich bin zu der Zeit eingezogen worden, als die Ausbürgerung Biermanns in der DDR ein großes Thema war. Ich war gerade ein paar Wochen bei der Armee und allein die Frage zu stellen, ob es denn richtig ist, dass man jemanden rausschmeißt, anstatt sich mit ihm und seinen Argumenten auseinanderzusetzen war natürlich fatal. Dann stand in einer Zwischenbeurteilung drin „Ist Biermann-Sympathisant“ und es war bereits nach einem halben Jahr von insgesamt drei Jahren in der Armee klar, dass ich nicht in Leipzig Journalismus studieren würde. Ich wurde dort exmatrikuliert bevor ich richtig immatrikuliert war.

Carsten Wist im Jahr 2007. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Carsten Wist im Jahr 2007. © Andreas Klaer

Und dann haben Sie sich in die Literatur gestürzt?

Ich war ein braver Schüler und habe damals schon alles gelesen, was wir in der Schule lesen mussten. Es waren oft die emotionalen Themen, die mich mitgerissen haben. Michail Scholochows „Ein Menschenschicksal“ zum Beispiel hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube auch, dass wir damals „Antigone“ von Sophoklos gelesen haben, was nach wie vor mein Lieblingsdrama ist. So einen Quatsch wie „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Alexejewitsch Ostrowski habe ich auch gelesen, aber nicht so vollzogen.

Zu diesen Wurzeln sind Sie während der Armeezeit zurückgekehrt?

Durch die Situation dort, durch das emotionale Kaltgestelltsein, das politische Kaltgestelltsein habe ich zum harten Stoff gegriffen: Bücher von Camus und Sartre, die mir Freunde aus dem Westen besorgt haben. Gedichte von Volker Braun habe ich gelesen und viel von Heiner Müller. Ich habe quasi gleich Buch-Kokain konsumiert, aber das war in dieser endlosen, irgendwie kafkaesken Situation die einzige Möglichkeit für mich.

Inwiefern war die Situation kafkaesk?

Sie hatten mich in ein Regiment versetzt, in dem ich nichts zu tun hatte. Für Armeezeiten eigentlich auch eine schöne Zeit. Und dann habe ich die Bibliothek hoch und runter gelesen, die hatten ja auch Bücher, die du in Potsdam in der Buchhandlung nie bekommen hättest. Das war die beste Vorbereitung auf die spätere Zeit als Buchhändler. Erst in dieser Traurigkeit merkte ich, was beispielsweise Gedichte bedeuten können. Die Literatur war mein Lebenselixier. Und klar, war das eine Flucht, aber auch eine rettende Flucht.

Carsten Wist im Jahr 2015. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Carsten Wist im Jahr 2015. © Andreas Klaer

War der Literaturladen damals schon eine Idee?

Ich wusste überhaupt gar nicht, was ich machen soll. Ich sollte mich nach der Exmatrikulation in der Produktion bewähren, hieß es. Es gibt ja Leute, die können sich nichts Schöneres vorstellen, als Dinge mit ihren Händen zu schaffen. Bei mir war es genau das Gegenteil. Da in der DDR Lehrer gesucht wurden und ich mehrere Freunde hatte, die an der Pädagogischen Hochschule studierten, habe ich dort angefangen Germanistik und Geschichte zu studieren, bin aber dann auch nach eineinhalb Jahren aus politischen Gründen rausgeflogen. Da reichte ja schon eine Frage nach dem Warum. Und wenn du dann nicht beim 1. Mai oder 7. Oktober dabei warst und halt sagst „Ey, ihr könnt mich mal“, dann funktionierte das nicht. Ich war einfach nicht bereit, alles mitzumachen.

Sie waren dann Bühnenarbeiter am Theater, hatten einen Ausreiseantrag gestellt.

Und dann lernte ich einen Antiquar kennen, mit dem ich in der Mittelstraße ein autonomes Kulturzentrum aufziehen wollte, das hat nicht geklappt. Aber dann ging es los am 2. Juli 1990 mit meinem guten Freund, Siegfried Ressel und dem Tapeziertisch vorne an der Elfleinstraße. Da waren überall Stände, das war quasi ein vorweggenommener Weihnachtsmarkt und wir standen mit unseren Büchern zwischen dem ganzen Ramsch. Zwischen Messern, Obst, Gemüse und Decken. Ohne Standgebühr oder so, das war schon eine wilde Zeit.

Ihr erstes verkauftes Buch war ein Erotikroman.

Erica Jongs „Angst vorm Fliegen“, erschienen im Fischer Verlag, das werde ich nie vergessen. Es gab damals auch einen riesigen Literatur-Nachholbedarf bei den Leuten. Wir hingegen sahen das alles irgendwie mit einem Augenzwinkern. Ich war 32 Jahre alt und wollte doch nicht wirklich einen Buchladen aufmachen. Wir wussten nur einfach nicht, was wir sonst machen sollten. Ich habe sehr exzessiv gelebt in dieser Zeit, gelebt, gelebt und gelesen, gelesen. Und natürlich auch getrunken und das auch alles genossen. Ich bin hoch begeisterungsfähig und auch hoch suchtgefährdet. Die Bücher sind dabei noch das legitimste Suchtmittel.

Da wurde noch Alkohol getrunken: Felix Palent und Carsten Wist (v.l.) 2017. Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Da wurde noch Alkohol getrunken: Felix Palent und Carsten Wist (v.l.) 2017. © Sebastian Gabsch

Inzwischen trinken Sie bei Lesungen Tee statt Alkohol.

Ich muss da tatsächlich etwas aufpassen, mich bremsen – etwas, das ich beim Lesen zum Glück nicht machen muss. Ich verzichte jetzt schon länger auf Alkohol, das tut mir sehr gut. In der Hinsicht hat Corona vielleicht auch etwas Gutes.

Inwiefern?

Ich bin körperlich in einer viel besseren Verfassung. Auch dadurch, dass ich so viel mit dem Rad gefahren bin und eben auch nicht mehr trinke.

Aber Corona war dennoch ein Rückschlag.

Es ist natürlich die größte Krise von allen. Ich vergleiche das mit einem Boxkampf: 30 Jahre sind 360 Monate. Ein Heavy Weight Championship Fight hat immer 36 Minuten, drei Minuten sind eine Runde. Eine Minute sind auf uns gerechnet quasi 10 Monate. Unsere 30 Jahre sind ein zwölf Runden Boxkampf, in dem wir nicht mal mehr 20 Sekunden zu boxen hatten bis zum Gong. Und dann bekommst du einen Schlag, von dem du nicht wirklich weißt, wo er her kommt. Jedenfalls liegst du auf den Brettern und du weißt nicht, wie es jetzt weitergeht.

Sie mussten den Laden schließen.

Diese verordnete Zwangsschließung war wie ein K.O.-Schlag. Wir sind nicht systemrelevant. Das war die Botschaft. Und ich dachte, das war es jetzt. Auch nicht zu wissen, ob und wann es wieder vorbei geht. Ich weiß auch nicht, ob ich da noch in eine psychoanalytische Behandlung muss, aber ich bin nach wie vor noch angeschlagen davon. Es war wohl ein Kopftreffer, der hat mich ein bisschen verändert.

Zum Glück sind Sie jetzt wieder im vollen Betrieb angekommen.

Letztendlich hat sich zum Ostersonntag die Auferstehung durchgesetzt, auch durch die unglaublichen Sympathien der Kunden. Die gesagt haben, sie kaufen bewusst bei uns und nicht beim gelben Riesen. Und wir recken jetzt zum 30. Geburtstag die Arme nach oben.

Buchhändler Carsten Wist aus Potsdam liefert während der Corona-Krise die Buchbestellungen per Rennrad und Rucksack aus. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Buchhändler Carsten Wist aus Potsdam liefert während der Corona-Krise die Buchbestellungen per Rennrad und Rucksack aus. © Andreas Klaer

Die Coronakrise ist in der Literaturbranche weiterhin zu spüren. Unser Literaturfestival Lit:Potsdam muss auf internationale Gäste verzichten. Dafür sind viele lokale Autoren dabei. Wie ist denn ihr Blick auf die deutsche Gegenwartsliteratur?

Ich finde, dass über allem Lutz Seiler steht, für mich ist er weltweit konkurrenzfähig. Wenn er in den Raum kommt, wird es heller. Und dieser Sound, diese Poesie, die er hat. Ansonsten sehe ich am Horizont keinen großen deutschen Autor. Ich habe in letzter Zeit auch keine menschlich umhauende Entdeckung in der deutschen Literatur gemacht. Karen Köhler mit „Miroloi“ war im letzten Jahr vielleicht noch eine. Ich finde, dass es viel aufgeblasenen Kram gibt. So viel Naja-Schnickschnack, der mich in keinster Weise interessiert. Ich freue mich eher auf die neuen Werke bewährter Autoren, von Zsuza Bánk beispielsweise oder Judith Hermann, deren Roman ja leider auf den Frühling verschoben wurde.

Ich erinnere mich, dass Sie von Simon Strauß sehr begeistert waren. Er ist doch noch relativ jung…

Simon Strauß ist tatsächlich eine große Hoffnung, das stimmt. Jetzt bin ich allerdings auch der alte weiße Mann, das darf man nicht vergessen. Vielleicht bin ich auch zu ungehalten den jungen Autoren gegenüber. Aber mir ist insgesamt die Mittelmäßigkeit zu groß.

Im August wird schon wieder die Longlist des Deutschen Buchpreises verkündet. Setzen Sie sich damit auseinander?

Doch schon, und ich bilde mir auch meine Meinung dazu. Aber in den letzten Jahren waren die Shortlists nicht wirklich doll. Ich besinne mich derzeit eher zurück, habe Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ gelesen und war wieder vollkommen weggeblasen. Oder ich lese Lieblingsautoren wie Christoph Ransmayr, Thomas Bernhard und Herta Müller. Entdecke Julian Green für mich, lese Virgina Woolf nochmal, da geht der Atem schon anders. Ich verstricke mich dann auch, komme von einem zum anderen. Ich lese gerade „Todtnauberg“, bin dadurch zu Celan und Heidegger gekommen und so zieht sich das. Oh und Nietzsche, das ist quasi der Corona-Autor schlechthin, da glaubst du an gar nichts mehr.

Eine deutsche Literaturhoffnung für Carsten Wist: Simon Strauß erhielt 2017 den hauseigenen Kleinen Hei. Foto: Ronny Budweth Vergrößern
Eine deutsche Literaturhoffnung für Carsten Wist: Simon Strauß erhielt 2017 den hauseigenen Kleinen Hei. © Ronny Budweth

Sie lesen unglaublich viel, interessieren sich aber noch für Theater, Film und Sport. Wie geht das alles zusammen?

Ich wollte ab einem bestimmten Lebensjahr nur noch das machen, was mich interessiert. Und auch gut machen. Ich glaube, da bleiben dann ein paar Dinge auf der Strecke. Darüber müssen später meine Kinder befinden, was ich für ein Vater war. Weil ich lese ja immer nur oder bin im Theater oder bei einer Lesung.

Überträgt sich das auf die nächste Generation?

Als Negativum, ja. Meine Jungs lesen nicht, da sind Bücher eher ein Schimpfwort. Meine Tochter schreibt ein bisschen und liest und hat durchaus Begeisterung für den Literaturladen. Ich lasse aber immer alle Bücher für die Kinder signieren. Ehrlich gesagt: Ich glaube, es ist nicht einfach mit mir, auch für meine Frau. Und ich kann noch nicht mal was dafür, ich bin halt süchtig.

Süchtig nach Literatur?

Wenn ich nicht meine 100 Seiten am Tag lese, dann werde ich sehr unruhig. Heute habe ich mich schon wieder geärgert, dass ich zu spät aufgestanden bin und am Morgen nicht noch mein Pensum geschafft habe, aber das hole ich dann heute Abend nach. Auch wenn mich jemand überraschend besucht, dann frage ich manchmal, „Haste auch noch in ner Stunde Zeit, ich muss noch zu Ende lesen!“. Ein bisschen bekloppt ist das schon, aber ich schreibe auch so etwas wie Lesepläne für mich auf.

Autorin Karen Köhler bekommt für ihren Roman Mirolo (Hanser, 2019) vom Literaturladen Wist den Kleinen Hei. Foto: Michael Lüder Vergrößern
Autorin Karen Köhler bekommt für ihren Roman Mirolo (Hanser, 2019) vom Literaturladen Wist den Kleinen Hei. © Michael Lüder

Spielen in Ihren Leseplänen aktuelle gesellschaftlich-relevante Werke eine Rolle. Stichwort Feminismus oder #BlackLivesMatter?

Ich bin in meinem persönlichen Leseverhalten tatsächlich relativ stringent. Da habe ich meine Favoriten, die sich neben den genannten eindeutig in der französischen und der amerikanischen, durchaus auch der lateinamerikanischen Literatur finden. Da bohre ich weiter. Ich muss natürlich die Neuerscheinungen im Blick haben und wenn es so gesellschaftliche, politische Themen in der Literatur gibt, beschäftige ich mich auch damit. Aktuell auch wieder.

Womit genau?

Ich habe gerade „Die Einwilligung“ von Vanessa Springora beendet. Sie war als Teenager die Geliebte von Gabriel Matzneff, einem sehr angesagten französischen Autor. Der auch ganz offen darüber geschrieben und mehrere Anzeigen bekommen hat. Er war 50, sie 14. Aber der Zeitgeist war in den 1960er Jahren eben anders. So etwas wurde zugelassen und ein Künstler war da fast unantastbar, dem stand sowas quasi zu. Sogar ihre Mutter hat das unterstützt, jeder wusste das. In Talkshows hat er offen darüber gesprochen, dass er nie Körper haben wollte, die älter als 16 Jahre sind. Seine Bücher sind bei großen Verlagen erschienen, er hat Literaturpreise bekommen.

Aber er ist nicht verurteilt worden?

Wie so etwas möglich gewesen ist, frage ich mich auch. Wenn ein normaler Mensch so etwas täte, vielleicht öffentlich über amouröse Abenteuer mit kleinen Jungs oder so etwas schriebe, hätte das doch hoffentlich Folgen. Aber bei einem Literaten, da hatte das keine Folgen. Das sind dann so Fragen, mit denen man sich beschäftigt.

Carsten Wist und Felix Palent (v.r.) sind süchtig nach Literatur, Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Carsten Wist und Felix Palent (v.r.) sind süchtig nach Literatur, © Andreas Klaer

Es wird immer wieder diskutiert, ob die Trennung von Werk und Autor möglich ist. Wie sehen Sie das?

Ich würde immer für das Werk plädieren, solange keine Persönlichkeits- oder Menschenrechte verletzt werden. Das würde ich dann nicht lesen wollen. Aber ich bin nicht für kleingeistigen literarischen Moralismus und übertriebene politische Korrektheit. Etwa in der Diskussion um Peter Handke oder auch darüber, ob die Memoiren von Woody Allen veröffentlicht werden dürfen. So ein Quatsch, natürlich dürfen sie das.

Finden Sie es nicht verwerflich, die Kunst eines Menschen zu unterstützen, der unter Missbrauchsverdacht steht?

Merkwürdigerweise gelingt mir die Trennung da ganz gut. Bei Woody Allen kommt hinzu, dass Aussage gegen Aussage steht. Wer bin ich, zu beurteilen, was wirklich passiert ist? Das ist so weit weg und wir kennen auch nur die Meldung, der Meldung, der Meldung. Das ist etwas ganz anderes, wenn etwas nachgewiesen ist, jemand rechtmäßig verurteilt wurde, Wie Harvey Weinstein zum Beispiel. Insgesamt ist es eine Frage, die mich schon sehr beschäftigt und auf die ich noch keine eindeutige Antwort habe.

Wist - Der Literaturladen.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Wist - Der Literaturladen.  © Ottmar Winter

Ihre persönlichen Literaturvorlieben spiegeln sich auch im Literaturladen wider. Wie gehen Sie denn mit davon vollkommen abweichenden Kundenwünschen um?

Für das, was in den Regalen steht, bin ich verantwortlich, für das, was in den Abholkisten steht, nicht. Ich enthalte mich jeglichen Kommentars, wenn jemand kommt und dies oder jenes bestellen möchte. Wir sind kein Eliteladen und auch keine Missionare, obwohl wir schon ein großes Mitteilungsbedürfnis haben. Es gibt natürlich Ausnahmen: Bücher, die den Holocaust leugnen oder die unkommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ beispielsweise würde ich nicht besorgen.

Es darf also grundsätzlich im Laden diskutiert werden?

Unbedingt. Wir würden eigentlich gerne nichts anderes tun, als Antennen aufzubauen, einen Empfang einzurichten, darauf hinzuweisen, was es für Literatur gibt. Die Möglichkeit in andere Welten einzutauchen, Dinge aufzustoßen. Wir haben ja nur dieses eine Leben und die Literatur bietet Chancen, sich so vielseitig mit der Welt auseinanderzusetzen, mit schon Dagewesenem, mit der Sprache. Und das setzt ähnliche Glücksmomente frei wie im Sport oder in der Liebe. Wir wollten sowieso immer der Schnittpunkt sein zwischen den Autoren und den Lesenden. Weil wir immer behauptet haben, die Literatur lebt. Und sie lebt natürlich durch ihre Autoren, aber sie kann nicht überleben ohne ihre Leser.

Sie und Ihr Kollege Felix Palent sind fast berühmt-berüchtigt für Ihre performanceartigen Lesungen.

Für mich ist es wichtig, eine Marke zu setzen, Wasserglaslesungen finde ich immer total langweilig. Eine, also unsere Handschrift zu finden, hat halt mit Felix sehr gut funktioniert. Er ist seit etwa sieben Jahren fest dabei und mit ihm ist das Niveau nochmal auf ein ganz anderes Level angestiegen. Er bringt die Leidenschaft mit, die ich auch habe und darüber hinaus auch junge Energie, um sich mit all den digitalen Dingen auseinanderzusetzen. Ich dachte immer, ein Mitarbeiter könnte nur gut sein, wenn er mein eigener Klon wäre, aber Felix ist besser als mein eigener Klon.

Felix Palent, Zsuzsa Bank und Carsten Wist (v.l.) 2017 im Waschhaus.  Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Felix Palent, Zsuzsa Bank und Carsten Wist (v.l.) 2017 im Waschhaus.  © Sebastian Gabsch

Um nochmal auf die Lesungen zu kommen. Geht das Konzept mit allen Gästen auf?

Es gibt Autoren, mit denen das nicht funktioniert. Man merkt das manchmal auch selbst. Dass man den Ton nicht findet, dass es die falsche Frage war oder dass wir über das Ziel hinausgeschossen sind und völlig überdreht waren oder so. Manche Autoren lassen einen das auch spüren und mit anderen knüpft man ein Band. Mit Zsuzsa Bánk zum Beispiel…

…deren neuer Roman  „Sterben im Sommer“ im September erscheint.

Sie ist eine sehr besondere Autorin, die so in sich kreist, sie ist gar nicht laut und äußerlich. Mit ihr waren wir im Waschhaus und ich hatte von einer der letzten Frank Castorf-Inszenierungen an der Volksbühne, nämlich Ibsens „Baumeister Solness“, Bälle mitgenommen und die auf unserer Bühne verteilt. Man hat ja auch manchmal so Phasen. Aber hinterher ist eine Nähe entstanden mit Zsuza Bánk, das war so ein Volltreffer.

Apropos Volltreffer: Sollen weitere 30 Jahre als Buchhändler folgen?

Ach, ich hätte ja nicht mal gedacht, dass ich jetzt noch hier bin. Auch Angebote größer zu werden oder andere Filialen aufzumachen, habe ich für mich nie verstanden. Ich wollte ja nie Bio-Literatur-Company werden oder sowas. Ich denke erstmal so in fünf Jahres-Schritten. Und irgendwann schwebt mir so etwas wie eine Chefarzt-Position vor: Nur noch freitags in einem kleinen Zeitfenster zu arbeiten (lacht).

PNN-Redakteurin Sarah Kugler spricht nicht nur mit Carsten Wist, sondern auch auf ihrem YouTube-Kanal gerne über Literatur. Den finden sie hier.


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