Theodor Fontane wurde vor 200 Jahren, am 30. Dezember 1819, geboren, das Jahr 2019 gewidmet.  Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Interview mit Peer Trilcke „Fontane geht an vielen Stellen nicht auf“

Peer Trilcke, Leiter des Fontane-Archivs in Potsdam, spricht über das Fontanejahr, Shampoowerbung in "Effi Briest" und geplante Mammutprojekte im Fontane-Archiv.

Herr Trilcke, am 30. Dezember vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren, mit seinem Geburtstag geht das Fontanejahr zu Ende. Sind Sie erleichtert oder traurig?
 

Zufrieden vor allem. Es war ein großes Vergnügen. Zur Traurigkeit besteht kein Anlass. Denn wir im Fontane-Archiv sind ja in der glücklichen Situation, dass wir mit Fontane weitermachen dürfen. Es sind so viele Ideen entstanden, so viele neue Kontakte haben sich ergeben. Wobei ich zugeben muss: Das Jahr war schon eine Herausforderung und erhebliche Belastung für unsere kleine Einrichtung, insofern sind wir gerade auch einfach ein wenig erschöpft.

Welche Projekte werden Sie verfolgen?

Wir haben zum Fontanejahr eine erste Phase der digitalen Neuausrichtung des Archivs abgeschlossen, da werden jetzt zügig weitere Schritte folgen. Durch die enge Einbindung in das „Netzwerk für Digital Humanities“ der Universität Potsdam sind wir da bestens aufgestellt.

Das heißt konkret?

Ein Mammutprojekt, das wir am Archiv schon seit mehreren Jahren vorbereiten, ist die digitale Edition von Fontanes Briefen. Das ist auch deshalb so interessant, weil Fontane sich in so viele Rollen aufsplittet: Journalist, Literat, Kritiker, Redakteur, Ehepartner, Familienvater und vieles mehr. In seinem Briefwerk läuft das alles zusammen. Eine Edition, in der sämtliche Briefe zusammengeführt werden, ist da geradezu zwingend. Allerdings ist das ein Projekt, das wir nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten denken. Wir sprechen hier immerhin von mehr als 6000 Fontane-Briefen – und da sind die Briefe an Fontane noch gar nicht dabei.

Ein Brief des Schriftstellers Theodor Fontane. Foto: Bernd Settnik/dpa Vergrößern
Ein Brief des Schriftstellers Theodor Fontane. © Bernd Settnik/dpa

Viele sind auch gar nicht mehr erhalten.

Es gibt große Lücken, ja. Beim Briefwechsel mit Georg Friedlaender etwa hat Emilie Fontane (Anm. d. Redaktion: die Ehefrau) die Briefe vernichtet. Aber es sind auch viele erhalten, sodass sich immer wieder Dialoge nachvollziehen lassen. Das ist dann nicht nur für die Fontane-Forschung interessant, sondern von allgemeinem kultur- und sozialhistorischem Wert. Was Fontane betrifft, geht es uns dabei auch um eine Vernetzung mit anderen Daten. Schon in den nächsten Monaten wollen wir am Archiv mit einem Projekt beginnen, in dem wir die „Fontane Chronik“ von Roland Berbig zu einem digitalen Service aufbauen. Die Chronik rekonstruiert, was Fontane an jedem Tag seines Lebens getan, wen er getroffen, wem er geschrieben, was er gelesen hat und dergleichen.

Anhand von Tagebucheinträgen und eben den Briefen.

Genau. Und diesen reichen Datenschatz, derzeit nur in fünf dicken Buchbänden zu kaufen, werden wir als interaktives, digitales Angebot im Netz frei zur Verfügung stellen. Neben solchen Infrastruktur-Projekten des Archivs hat das Jahr aber auch thematisch einiges angestoßen, indem es die Vielfältigkeit von Fontanes Werk deutlich gemacht hat.

Er war Lyriker, Kriegsberichterstatter, Theaterkritiker und Romanautor.

Gerade die Romane und die Wanderungen haben in diesem Jahr mit vollem Recht eine zentrale Rolle gespielt, aber auch der Journalist ist stärker ins Bewusstsein gerückt. Fontanes unterschiedliche journalistische Rollen interessieren mich persönlich sehr, etwa seine Bücher über die drei preußischen Kriege, bis hin zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.

Dessen Beginn sich nächstes Jahr zum 150. Mal jährt.

Ja, auch das ist für uns Anlass, die Kriegsbücher Fontanes stärker in die Diskussion zu holen. Derzeit bereiten wir eine Tagung zu diesem Thema vor, die wohl 2021 stattfinden wird. Denn im Fontanejahr haben die Kriegsbücher aus verschiedenen Gründen kaum eine Rolle gespielt.

Die da wären?

Zum einen hat vermutlich kaum jemand diese Kriegsbücher gelesen. (lacht) Zusammengenommen sind sie etwa so umfangreich wie das Romanwerk – und deutlich langweiliger. Zum anderen ist das Thema ja durchaus schwierig, es geht um Krieg, um Zerstörung, um Nationalismus. Es ist aber wichtig, auch solche unbequemen Themen zu erforschen. Historisch ist die Figur des Kriegsberichterstatters jedenfalls sehr interessant.

Warum?

Aus moralischen und aus ästhetischen Gründen. Mich interessiert, wie Fontane es schriftstellerisch löst, über den Krieg zu schreiben. Wie erzählt Fontane den Krieg? Und mich interessiert, wie er dem Krieg moralisch begegnet. Wie er den Krieg begründet, ihn legitimiert. Welche Rolle spielen Nationalismus und Preußentum bei der Legimitierung von Vernichtung und Zerstörung? Das wollen wir kritisch diskutieren, auch mit Blick auf 2021, also das 150. Jahr der Gründung des Deutschen Reiches. Es gibt ja durchaus Bestrebungen, zu einem völlig ungebrochenen Verhältnis zum Preußentum zurückzukehren, das halte ich für hochproblematisch.

Konnte Sie in diesem Jahr auch etwas überraschen?

Ja, einiges. Vieles verdichtet sich im Thema „Fontane und die Medien“, dem wir uns auf einem internationalen Kongress im Juni gewidmet haben. Ein Beispiel: Für sein Buch „Der Bilderfex“ hat Christoph Wegmann sämtliche Bildobjekte in Fontanes Romanen ermittelt, also nicht nur Gemälde oder andere Kunstwerke, sondern jegliche Art von Bildobjekt: vom Medaillon über das Denkmal, die Karte oder das Foto bis hin zu Sternbildern. Dabei zeigt sich, wie unglaublich bildgesättigt Fontanes Erzählen ist, das war mir in dieser Quantität und in dieser Qualität nicht bewusst.

Peer Trilcke, Leiter des Theodor Fontane Archivs. Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Peer Trilcke, Leiter des Theodor Fontane Archivs. © Sebastian Gabsch

Was haben Sie denn entdeckt?

Bei „Effi Briest“ zum Beispiel, ein Roman, den ich schon oft gelesen habe, gibt es diese tragische Stelle im Kurort Bad Ems. Effi bekommt den mehrfach gesiegelten Brief von ihren Eltern, in dem diese ihr mitteilen, dass sie Effi verstoßen. Und neben diesem offiziellen Brief liegt auf dem Tisch eine Zeitung mit einer modernen Anzeige für Shampoos. Das ist eine irrwitzige Kombination aus Medien, in der sich zugleich die Abgründe von Effis Situation verdichten.

Fontane gibt also Einblicke in die Medien seiner Zeit?

Unbedingt. Die Art, wie er mediale Objekte, auch mediale Infrastrukturen in sein Erzählen einbindet, ist ungemein aussagekräftig. Allein die Post spielt eine große Rolle in Fontanes Romanen. 

Nun sind Sie als Experte quasi ein Fontane-Nerd. Was hat denn der allgemeine Leser von diesen Erkenntnissen?

Fontanes Epoche zeigt sich in solchen Beobachtungen als eine Zeit des Medienumbruches, eine Zeit der Dynamisierung und der wachsenden Unsicherheit. Medien prägen ja die Art, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Und diese Wirklichkeiten änderten sich auf einmal durch neue Medien und neue Weisen, mit Medien umzugehen.

Auch heute erleben wir einen Medienumbruch. Können wir von Fontane etwas über den Umgang damit lernen?

Ich bin immer etwas vorsichtig, sogleich Lehren für die Gegenwart zu ziehen. Wenn man aber auf Fontane blickt, dann lehrt dieser sicher eine gewisse Gelassenheit. Wir sind nicht die ersten, die mediale Umbruchserfahrung mitmachen, die hat es schon viel häufiger gegeben. Der alte Fontane begegnet seiner Zeit des Umbruchs dabei mit großer Neugierde. Er sagt nicht: „Das mache ich nicht mehr mit“, sondern blickt auf eine sympathische, dabei nicht unkritische, aber offene Weise nach vorn.

Die neue Dauerausstellung „Dem Nachlass Fontanes auf der Spur“ im Archiv. Durch Guckkästen kann man in Fontanes Wohnzimmer gucken. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Die neue Dauerausstellung „Dem Nachlass Fontanes auf der Spur“ im Archiv. Durch Guckkästen kann man in Fontanes Wohnzimmer gucken. © Ottmar Winter

Diesen etwas lockeren Fontane hat sicher nicht jeder im Blick. Mir scheint, persönliche Dinge bleiben eher unter Verschluss?

Gerade die neuen Biografien, von Regina Dieterle etwa, beschäftigen sich schon mit großem Gewinn auch mit der Privatperson. Meine Art ist es da eher, Fontane aus wissenschaftlicher Distanz zu beobachten. Das Nahe, quasi die Homestory, kann ich persönlich nicht so gut bedienen. Dass wir uns heute noch mit Fontane beschäftigen, liegt ja nicht an der Privatperson, sondern an seinem Werk und seinen öffentlichen Rollen.

Mich hat es trotzdem gewundert, dass sich dieses Jahr niemand an einen Spielfilm à la „Goethe!“ von Philipp Stölzl gewagt hat.

Tatsächlich nicht, nein. Es gab mehrere Dokumentationen, wie die von Johannes Unger im rbb, die sich Fontane auch biografisch nähern, aber nie unmittelbar über das Persönliche. Ich finde das gut. Das kann auch schief gehen und in den langweiligen Kostümfilm abdriften.

Bei aller Distanziertheit: Gab es emotionale Höhepunkte im Fontanejahr?

Absolut. Mein persönliches Highlight war ein Vortrag, den ich im Europäischen Hansemuseum in Lübeck gehalten habe. Über das Romanfragment „Die Likedeeler“. So nannte sich die Piratentruppe, die mit Klaus Störtebeker unterwegs war. Ein faszinierendes Fragment, das, wäre es fertig geworden, der politisch brisanteste Text von Fontane geworden wäre. Er setzt sich darin mit der Sozialdemokratie auseinander und versucht, die Likedeeler als kommunistische Bewegung zu erzählen. Politisch hoch spannend.

Die politische Frage ist bei Fontane sowieso interessant.

Sie wurde in diesem Jahr bei zahlreichen Veranstaltungen intensiv diskutiert. Wie konservativ, wie liberal war Fontane eigentlich? Das wird mit Herzblut diskutiert. Fontane provoziert das, weil er von erheblicher Ambivalenz ist.

Ambivalent ist auch seine Haltung zum Judentum.

Es ist eindeutig, dass in den privaten Schriften gerade des späten Fontanes antisemitische Denkfiguren zu finden sind, die man ihm nicht verzeihen kann. Die lassen sich nicht wegdiskutieren, auch nicht mit dem Argument, er sei da Kind seiner Zeit oder es habe damals noch radikalere Akteure gegeben. Schwieriger ist es, diesen Antisemitismus mit dem auf Humanität und Toleranz pochenden Fontane oder mit seinen engen jüdischen Freundschaften zu vereinbaren. Das geht nicht zusammen. Aber Menschen sind keine Rechenaufgaben, die am Ende aufgehen und Fontane geht an vielen Stellen eben nicht auf.

Es gibt Stimmen, die das Jubiläumsjahr wegen eben dieser Haltung Fontanes kritisieren. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben in diesem Jahr keine Wohlfühlforschung gemacht. Es geht auch darum, sich kritisch mit Fontane und seiner Zeit auseinanderzusetzen. Die judenfeindlichen Äußerungen des späten Fontane sagen einiges darüber aus, wie antisemitisches Denken selbst bei aufgeklärten Intellektuellen grassierte. Es ist unsere Pflicht, uns mit der historischen Entwicklung des Antisemitismus auseinanderzusetzen, zu erforschen, wo die Ursachen liegen. Sich nicht mit der Geschichte des Antisemitismus zu beschäftigen, wäre unterlassene Erinnerungsarbeit.

Oft vergessen wird der Lyriker Fontane. Mir scheint auch dieses Jahr war er kaum Thema.

Tatsächlich wenig, zu Unrecht. Vor allem die späte Alltagslyrik hat es in sich: Da sitzt einer beim Frühstück, trinkt seinen Kaffee und solche Dinge. Das ist, in dieser Nonchalance, unglaublich modern, wohingegen Fontane anfangs eher romantisch unterwegs war. Dann kam die politische Lyrik im Geiste des Vormärz‘ und natürlich der Balladenonkel. Die Bandbreite ist enorm. Studierende der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch haben gerade eine CD zu Fontanes Gedichten produziert, im nächsten Mai sind sie bei uns in der Villa Quandt zu Gast. Wem die Lyrik in diesem Jahr gefehlt hat, der kommt also dann auf seine Kosten. 



Zur Startseite