Historikerin Susanne Hantke. Foto: Ottmar Winter
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Interview mit Historikerin Susanne Hantke Die Entstehung des Romans „Nackt unter Wölfen“

Die Historikerin Susanne Hantke über die Entstehung des Buchenwaldromans „Nackt unter Wölfen“, über Legenden, die zur Heroisierung der Kommunisten führen sollten, über verschwiegene Privilegien und Handlangerdienste für die SS.

Frau Hantke, Sie haben sich 60 Jahre nach dem Erscheinen von „Nackt unter Wölfen“ noch einmal diesem Roman von Bruno Apitz zugewandt, der in 30 Sprachen übersetzt worden ist. Sie nennen Ihr Buch „Schreiben und Tilgen“. Was wurde getilgt?
 

Bruno Apitz tilgte Stellen, die Kommunisten in ihrem Zwiespalt zeigten. Er hat sich sehr lange mit diesem Buch über seine achtjährige Haft im Konzentrationslager Buchenwald beschäftigt. Durch einen Zufall bin ich in der Akademie der Künste auf 1000 Seiten Vorarbeit gestoßen, die der Autor strikt verschwiegen hat. Er bestand auf der Legende vom „Roman wie aus einem Guss“. Durch die Textunterschiede schaue ich jetzt ganz anders auf dieses autobiografisch gefärbte Buch. Apitz legte ganz viele Dinge beiseite, um sie passgenau für seine Botschaft zu benutzen.

Und wie hieß diese Botschaft?

Die Kommunisten haben alles getan, um auch in der Zwangslage menschlich zu bleiben. Sie organisierten sich und setzten sich für die Befreiung der Häftlinge ein. Und sie retteten ein jüdisches Kind.

In der DDR kannte fast jeder dieses Buch und war von der späteren Verfilmung tief gerührt. Die Rettung des kleinen Jungen galt als Sieg der Menschlichkeit. Dieses Kind gab es doch wirklich?

Ja, es gab Kinder, die gerettet wurden. Über 900 wurden befreit. Und es gab auch Stefan Jerzy Zweig, dem Apitz die Geschichte als Kind im Koffer zuschrieb. Aber er kam nicht versteckt im Koffer, sondern an der Hand seines Vaters ins Lager. Und der Vater, den es im Buch nicht gibt, hatte durchaus auch einen Anteil daran, dass sein Sohn überlebte. Apitz schrieb die Rettung allein dem Widerstand seiner Genossen zu. Das machte sie noch heldenhafter. Und diese Häftlinge widersetzten sich mit der Rettung auch dem Parteiauftrag, das Kind auf Transport zu schicken. Einer der Funktionshäftlinge sagt: Was sind wir denn, wenn wir nicht mehr ein Kind retten? Stefan wurde in der DDR als Buchenwaldkind aufgebaut. Die Figur im Apitz-Roman führt aber das Schicksal verschiedener Kinder zusammen.

In Ihrem akribisch recherchierten Buch ist zu lesen, dass dieser Stefan auf der Transportliste stand. Er wurde gestrichen, für ihn musste ein anderes Kind auf Transport, der etwas ältere Sinto-Junge Willy Blum.

Auch das wurde von Apitz verschwiegen. Er schrieb sein Buch aus einem Dilemma heraus. Die Kommunisten taten im Auftrag der SS Dinge, die sie in Grenzbereiche brachten. Sie fertigten die Listen an, die darüber entschieden, welche Mithäftlinge auf Transport gingen: also ins Vernichtungslager nach Auschwitz oder nach Bergen-Belsen. Alle Hinweise auf Transporte in diese Lager wurden von Apitz gestrichen. So heißt es nur: Das Kind geht ins Ungewisse.

Wurden die kommunistischen Häftlinge begünstigt?

Kommunisten hatten im KZ durchaus Privilegien, auch Apitz, obwohl er nicht zu den „Roten Kapos“ gehörte. Seine Verpflegung war besser, er musste nicht zum Appell antreten, er hatte einen eingerichteten Arbeitsraum, anders als die jüdischen Häftlinge, die in unmenschlichen Behausungen im kleinen Lager vegetierten. Es gab verschiedene Welten im Lager.

Die Privilegien der Funktionshäftlinge spielen im Roman von Apitz keine Rolle.

Er selbst war in der Bildhauerwerkstatt untergebracht, schuf Skulpturen für SS-Leute: auch das kommt im Roman nicht vor. Dass er später in der Pathologie arbeitete – einem konspirativen Ort, an dem man sich auch traf, um zu musizieren, verschwieg er gleichfalls. Es war ein relativ geschützter Ort. Bei allem darf man nicht vergessen, dass er sich das Schicksal nicht ausgewählt hat, in Buchenwald Häftling zu sein. In der Urfassung des Romans beschreibt Apitz übrigens eine Szene, in der der Lagerschutz einem SS-Arzt beim Totspritzen von Häftlingen assistiert.

Ein Roman, der Geschichte schrieb. Bruno Apitz um 1963 in Rostock. Foto: Fiedler/Wallstein Verlag Vergrößern
Ein Roman, der Geschichte schrieb. Bruno Apitz um 1963 in Rostock. © Fiedler/Wallstein Verlag

Waren auch Kommunisten daran beteiligt?

Ja, die Gefangenen mussten der SS assistieren. Sie wurden zu Handlangern, letztlich deshalb, um sich selbst schützen und anderen helfen zu können. Das beschreibt Apitz in seinem ursprünglichen Manuskript sehr detailliert. Denn er bekam ja vieles mit. Er machte in der Pathologie von den Toten Gipsabformungen. In der Neuauflage seines Buches durch den Aufbau Verlag, die 2012 erschien,

und an der Sie mitwirkten ...

sind diese Textstellen wieder drin. Apitz wollte die Kommunisten heroischer erscheinen lassen. Am Ende lässt er die Häftlinge sogar gegen die SS kämpfen, obwohl die SS in Wirklichkeit geflohen war und das Lager kampflos übergab.

Warum wurden gerade die Kommunisten begünstigt und zu Handlangern der SS?

Sie waren darin geschult, Gruppen zu organisieren, kamen oft aus handwerklichen Berufen und viele waren mehrsprachig. Das hob sie heraus. Das Buch feiert die Geschicklichkeit der Kommunisten in ihrem subversiven Kampf. Und für Apitz war es ganz wichtig, diese Heldengeschichte zu schreiben, schließlich verdankte er den Kommunisten sein Überleben.

Bis 1950 war an Buchenwald als Gedenkort nicht zu denken. Denn in dem ehemaligen Konzentrationslager gab es nach 1945 das Speziallager der Russen, von dem keiner etwas wissen sollte.

Das änderte sich Mitte der 50er Jahre. Aber zugleich wurden die Kommunisten, die roten Kapos von Buchenwald, in ihrem Widerstand stark angezweifelt, vor allem von Genossen, die aus Russland nach Deutschland zurückkamen. Die Exilkommunisten wollten die ehemaligen Buchenwalder entmachten, aus den Verwaltungsstellen rausdrängen, indem sie ihre Arbeit im Widerstand schmälerten, weil sie mit dem Makel verbunden war, notgedrungen mit der SS kooperiert zu haben. Und prompt kam das Buch von Apitz auf den Markt!

Wie bewerten Sie das Vorgehen von Apitz?

Ich möchte nicht moralisch urteilen. Ich bin historische Beobachterin. Aber ich sehe, dass Apitz mit diesem Buch seine „Überlebensschuld“, die er für sich empfand, abtragen wollte. Die Grauzonen, das Verstricktsein, die Ambivalenzen hat er ja alle in seinem ersten Manuskript beschrieben – sie dann aber getilgt. Zum Beispiel diesen Satz: „Sie wussten, wozu sie jetzt missbraucht wurden.“

War das Buch ein Schlüsselroman in der DDR?

Nein, aber es wurde zu einem Leittext für den Umgang mit Buchenwald gemacht. Und war zudem spannend geschrieben. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bewertete es als ehrliches Kampfbuch gegen den Faschismus trotz der Schwarz-Weiß-Malerei und des rührseligen Hauptkonflikts.

Sie haben auch mit der Witwe von Apitz gesprochen, der 1979 starb. Wie sah sie die Arbeit Ihres Mannes?

Seine Frau Marlis war 17 Jahre, als sie ihren Mann kennenlernte, 38 Jahre jünger als er. Sie hat seine seelischen Probleme beschrieben, als er an dem Roman arbeitete. Dieses Buch hat ihm enorm viel abverlangt. Immer wieder sei er überwältigt gewesen von den schlimmen Bildern in seinem Kopf. Apitz war traumatisiert. Nur ungern verreiste er, verfiel in Panik, wenn er von Massen umgeben war. Und er hatte auch beim Schreiben Krämpfe in den Händen. Aber Apitz wollte unbedingt ein starkes Buch für den Widerstand schreiben und dafür passte er sich an. Er orientierte sich dabei an die Buchenwaldgeschichtsschreibung des Nestors Walter Bartel, dem Kopf der Parteileitung im Lager.

Ursprünglich wollte Apitz, dass ein Film über sein Buchenwaldstoff gedreht wird. Warum kam es anfangs nicht dazu?

Apitz arbeitete ja bei der Defa, erst als Dramaturg, dann als Autor. Doch man hielt dort seinen KZ-Stoff nicht für tauglich. Apitz empfand die Ablehnung im Januar 1955 als starke Kränkung. Dem voraus gingen indes Verhöre, Anschuldigungen und Diskussionen mit einer ganzen Riege ranghoher Buchenwald-Kapos, die ihre Posten verloren hatten. Man wollte bei der Defa wohl keine Unpersonen verewigen. Es verschwanden ja ehemalige Buchenwaldhäftlinge auch im Gulag. Wie Ernst Busse, der in Workuta starb. Darüber wurde öffentlich nie geredet.

Fälschungen des problematischen Widerstands im Konzentrationslager führten zu einem gesäuberten Antifaschismus, zitieren Sie im Buch einen anderen Historiker. Warum sollte man dieses Buch, das auch den Holocaust außen vor lässt, heute noch lesen?

Weil der Roman einen subversiven Kern enthält: Gegen die Vorgaben der Ideologie, gegen die Handlungsanweisungen der kommunistische Funktionäre entscheiden sich die Häftlinge für die Rettung des Kindes, für die humanitäre Tat.

>>Am Sonntag um 11 Uhr ist Susanne Hantke zu Gast in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47. Karten unter (0331)2804103. Eintritt 8, ermäßigt 6 Euro


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