Die Kammerakademie Potsdam im Corona-Modus: Konzert im Rahmen der Reihe KAPmobil im Potsdamer Stadtteil Drewitz. Foto: Sebastian Gabsch PNN
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Interview mit dem Chef der Kammerakademie Potsdam „Corona hat uns ermutigt, kleine Formate auszuprobieren“

Lena Schneider

Geschäftsführer Alexander Hollensteiner spricht im Interview über die Folgen der Pandemie für die Kultur und sein Orchester. Aber auch neue Chancen und Formate. 

Potsdam - Ein ungewöhnliches Format für ungewöhnliche Zeiten: Anlässlich der kommenden Spielzeit hat die Kammerakademie Potsdam ein Kartenspiel herstellen lassen, 32 Karten für 32 Musikerinnen und Musiker. Das ist auch als Dankeschön für die Spender gemeint, die der KAP aufgrund der Corona-Krise unter die Arme griffen, sagt Geschäftsführer Alexander Hollensteiner beim Gespräch im Hof des Nikolaisaals. Und weist auf einen Gag am Rande hin: Chefdirigent Antonello Manacorda ist der Joker.

Herr Hollensteiner, werden in der kommenden Spielzeit die Karten für die Kammerakademie infolge der Krise grundsätzlich neu gemischt?

Natürlich ist das in erster Linie ein Gadget. Aber dahinter steht auch die Idee zu zeigen, dass ein Orchester eine große Gruppe von Menschen ist. Wenn man ins Konzert geht, sieht man ja nur das Ergebnis eines langen Prozesses. Hier entblättert sich der Corpus sozusagen in die Einzelteile. Wir wollen den Musikerinnen und Musikern ein Gesicht geben. Das ist auch ein Ergebnis der Krise: Sie hat uns ermutigt, vermehrt kleine analoge und digitale Formate auszuprobieren. Dadurch gelingt es besser, die Einzelnen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Vor einigen Wochen äußerten Sie die Sorge, dass die KAP infolge der Corona-Krise existenziell bedroht sei. Vor Kurzem haben Sie vom Bund 136.000 Euro Unterstützung bekommen. Ist damit jetzt alles gut?

Bei einem freien Orchester kommen schon ohne eine Corona-Krise einige Schwierigkeiten zusammen. Zunächst ein relativ hoher Eigenfinanzierungsgrad, der bei uns bei 50 Prozent liegt. Wenn man einen recht kleinen Saal und niedrige Eintrittspreise hat, ist das gar nicht so einfach. Dazu kommen eine schmale Organisationsstruktur und geringe Verdienstmöglichkeiten für die Musikerinnen und Musiker – die alle freiberufliche Solo-Selbständige sind. Laut Künstlersozialkasse liegen die mittleren Einkünfte bei Musikern zwischen 13.000 und 14.000 Euro im Jahr. Und bei Krankheit gibt es gar nichts. Vielen ist gar nicht bewusst, dass es bei Orchestern neben den Angestellten auch diese Freiberuflichkeit, diese relativ prekären Kontexte gibt. Die Krise hat diese Probleme nicht hervorgebracht, aber verstärkt.

Zum Beispiel durch entfallene Konzerteinnahmen. Sie sprachen von etwa 250.000 Euro Verlust.

Ja. Wenn die 50 Prozent, die wir in unserem Etat einkalkuliert haben, wegbrechen, ist das strukturell per se schwieriger als bei einem Orchester, das zu 90 Prozent öffentlich subventioniert ist. Die Kurzarbeit wirkt bei uns auch nicht, weil die Musiker gar nicht angestellt sind. Und die Soforthilfe des Bundes galt ja leider nur für Betriebsmittel. Die wenigsten Musiker haben diese Betriebskosten – sie haben ein Fahrrad, ein Wohnzimmer zum Proben, ein Instrument, das war’s. Einige Länder wie NRW und Berlin haben eigene Programme für Solo-Selbständige aufgesetzt. Brandenburg hat sich entschieden, kein eigenes Soforthilfe-Programm aufzubauen. Das war gerade für uns Pech.

Doppeltes Pech für die Musiker der KAP: Das Bundesprogramm griff nicht, und auch nicht die Corona-Hilfe des Landes. Inwiefern werden Sie bei den Einnahmeausfällen unterstützt?

Der föderale Flickenteppich, der in den letzten Wochen viel kritisiert wurde, hatte tatsächlich auch für uns viele Nachteile. Was die Einnahmeausfälle angeht, hat sich das Land Brandenburg entschieden, kein Förderprogramm für Ausfallhonorare aufzusetzen, sondern eben Einnahmeausfälle zu kompensieren. Das ist ein 40-Millionen-Euro-Programm. Aber: Es gilt nur für Konzerte, die in Brandenburg hätten stattfinden sollen. Wir akquirieren jedoch einen Großteil unserer Einnahmen durch Gastspiele außerhalb. In Brandenburg verdienen wir nur etwa ein Sechstel der Gesamteinnahmen. Insofern reduziert das die Hilfe stark.

Alexander Hollensteiner ist seit 2014 Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam. Foto: Beate Wätzel Vergrößern
Alexander Hollensteiner ist seit 2014 Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam. © Beate Wätzel

Dabei fällt aber alles, was die KAP auf Tourneen an Strahlkraft generiert, zurück auf Potsdam.

Ja. Und es gehört auch zu unserem Kulturauftrag, den guten Ruf des Kulturlandes Brandenburg und der Landeshauptstadt hinauszutragen. Das Land hat signalisiert, dass es eventuell eine Öffnungsklausel im Programm geben könnte, um uns mehr zu unterstützen, als es derzeit der Fall ist. Das würde uns sehr helfen. Denn: Wenn etwas infolge der Krise kaputt geht, geht es hier kaputt. In Potsdam.

Für die Misere der Solo-Selbständigen, die Sie beschreiben, ist das Bild eines Ping-Pong-Spiels gefunden worden: Der Bund schiebt es den Ländern zu, die Länder dem Bund.

Bei uns findet das Ping-Pong-Spiel vor allem zwischen Stadt und Land statt, unseren Förderern. Wir haben inzwischen bei der Stadt durchsetzen können, dass wir Ausfallhonorare zahlen dürfen. Es gibt jetzt eine sogenannte „Billigkeitsleistung“, was heißt: Wir dürfen auch dann Honorare zahlen, wenn die eigentliche Leistung nicht stattgefunden hat. Dazu gibt es einen entsprechenden Beschluss. Sobald wir die Richtlinien dazu von der Stadt haben, können wir Ausfallhonorare ausreichen – im Rahmen unseres Budgets allerdings. Jetzt können Sie sich denken, was das heißt. 50 Prozent unserer Einnahmen sind ja bereits weggefallen. Von dem Rest kann ich nicht ansatzweise angemessene Ausfallhonorare zahlen. Das Ziel, wofür sich auch die Kulturbeigeordnete Noosha Aubel eingesetzt hat, ist dass wir am Ende wenigstens 67 Prozent der Honorare zahlen können. Aus eigener Kraft können wir 25 Prozent aufbringen. Für den Rest fehlt uns schlichtweg das Geld.

Und woher soll das fehlende Geld kommen?

Mal schauen. Man zeigt sich von Seiten der Politik und der Verwaltung durchaus gesprächsbereit. Aber man muss angesichts des Ping-Pongs aufpassen, dass man trotz aller wohlwollenden Gesten am Ende nicht durchrutscht. Die Gefahr ist noch nicht gebannt.

Alexander Hollensteiner und Dirigent Antonello Manacorda, Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam, bei einem Kamingespräch im Potsdamer Palais Lichtenau. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Alexander Hollensteiner und Dirigent Antonello Manacorda, Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam, bei einem Kamingespräch im Potsdamer Palais Lichtenau. © Andreas Klaer

Wie helfen nun die 136.000 Euro des Bundes?

Zunächst ist mir wichtig zu sagen: Das Bundesprogramm ist unter anderem durch das Engagement unseres Verbandes FREO (Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.) entstanden. Das Bundesprogramm zur Förderung der Orchesterlandschaft wurde vor drei Jahren geschaffen – und freie Orchester wurden explizit ausgeschlossen. Da herrschte wieder der Gedanke: Ein „normales Orchester“ ist ein Angestellten-Orchester. FREO aber hat viel Druck gemacht, auch schon vor der Corona-Krise übrigens. In der Krise hat das Bundeskulturministerium dann das Programm umgewidmet, sodass sich nur freie Ensembles und Orchester bewerben konnten. In dem Zusammenhang hat die Kammerakademie die Förderung erhalten – für Maßnahmen, die direkt auf die Krise reagieren. Digitale Formate vor allem. Hier stellen wir Musiker vor, machen Kinderkonzerte. Denn auch wenn der Schulbetrieb wieder losgeht, ist fraglich, ob Musiker tatsächlich in die Klassen gehen dürfen.

In dem Kontext finden auch die KAPmobil-Konzerte im Potsdamer Stadtgebiet statt?

Ja. Das wollen wir auch nach Brandenburg ausweiten. Im Umland gibt es einen sehr großen Bedarf. Dort ist an einigen Orten kulturell gar nichts mehr los. Auch das liegt nicht in der Krise begründet, tritt aber jetzt stärker zutage. Wir wollen uns außerdem um ein Format kümmern, das an junge Erwachsene und Studenten gerichtet ist. Es gibt in der Stadt nicht wirklich ein Angebot, das sich an die vielen jungen Menschen in der Stadt richtet. Studenten richten sich nach wie vor stark nach Berlin aus. Hier haben wir ein Projekt vor, das sich auch mit den gebotenen Abstandsregeln gut realisieren lässt.

Was Sie beschreiben, richtet sich alles in die Zukunft. Es hilft nicht, bereits entstandene Schäden auszugleichen.

Es sind additive Projekte, ja. Man investiert zwar in Maßnahmen gegen die Krise, finanziert aber nicht die Struktur selbst. Gerade für freie Orchester und Ensembles gibt es relativ wenige Strukturförderungen. Wir als KAP sind da sogar eine Ausnahme, wir haben ja institutionelle Förderung zu 50 Prozent. Viele Kollegen haben nahezu keine Grundförderung und müssen alles über Projektförderung stemmen. Das ist aufwendig und meistens nicht nachhaltig. Für uns als freie Orchester ist das ein wichtiges Thema: Wie können wir die Krise auch nutzen, um Debatten oder Veränderungen anzustoßen?

Was erwarten Sie sich von der Strukturförderung des BKM, die sogenannte „Kulturmilliarde“?

Das ist viele Geld, das im Angesicht der anstehenden Herausforderungen aber auch „richtig“ eingesetzt werden muss. Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht nur die Projektitis voranbringen, sondern auch dafür sorgen, dass die tollen freien Ensembles, die sich in den letzten vierzig Jahren herausgebildet haben, einen Grundsockel an Stabilisierung bekommen. Zum Beispiel ein Struktur-Förderprogramm, für freie Orchester und Ensembles. Dafür kann die Krise meinetwegen der förderpolitische Legitimitätsfaktor sein, aber eigentlich geht es um Grundsätzlicheres: darum, die Strukturen abzusichern.

Festzustellen bleibt: Die Zukunft der KAP ist noch nicht endgültig gesichert.

Zumal man gerade in Hinblick auf die Kommunen nicht weiß, wie stark die Steuereinnahmen zurückgehen. Aber es werden vermutlich substanzielle Beträge sein. Wie geht man dann mit der Kultur um? Ist Kultur dann das erste, was anteilig gekürzt wird? Oder ringt man sich dazu durch, dass man sagt: Kürzungen in der Kultur sanieren auch keinen Haushalt, das lassen wir jetzt wie es ist - zumal in einer Kulturstadt wie Potsdam? Es wäre mein Wunsch, dass die Verantwortlichen so damit umgehen. Denn am Ende ist es nur ein marginaler Teil des Haushalts. Gut wäre es, ihn zu konsolidieren oder ihn punktuell so aufzustocken. Es wäre einfach sehr kurzsichtig, etwas über die Jahre Aufgebautes zu destabilisieren.

Antonello Manacorda und das Ensemble der Kammerakademie Potsdam in ihrem Heimathafen, dem Nikolaisaal Potsdam. Foto: Promo Vergrößern
Antonello Manacorda und das Ensemble der Kammerakademie Potsdam in ihrem Heimathafen, dem Nikolaisaal Potsdam. © Promo

Bettina Jahnke formuliert das schärfer: Sie sieht für die Zukunft der Kultur „schwärzer als schwarz“. Sie klingen etwas optimistischer.

Die Geschichten, dass in Zeiten knapper Kassen einfach mal ein Theater geschlossen wird, kennen wir alle, etwa die des Schiller-Theaters. Ich glaube aber schon, dass die Krise eine Chance sein könnte. Viele haben erkannt, dass man die Kultur braucht. Natürlich reicht es nicht zu sagen „Wir sind systemrelevant“. Vielleicht sollte man die Krise zum Anlass nehmen, noch einmal besser zu kommunizieren, warum wir das sind und welche gesellschaftliche Funktion Kultur wahrnehmen kann. Das ist eine Aufgabe, die wir Kulturschaffenden in der Vergangenheit nicht immer gut gemacht haben. Wir haben unsere Systeme als gottgegeben hingenommen.

Wie nehmen Sie Stadt und Land als Partner in der Krise wahr? Sie sprachen von „wohlwollenden Gesten“. Viele Worte, wenig Taten?

Generell, und das gilt bis hin zur Kanzlerin, blieben Taten erst einmal hinter Worten zurück. Ich glaube schon, dass der Ausgang offen ist – für die KAP und für die Kulturbranche generell. Ich bin da hin und hergerissen. Ich sehe eine Chance, aber ich sehe auch, dass wir uns erst einmal befreien müssen von bestimmten Annahmen. Etwa dass freie Musiker prekär aufgestellt sein müssen. „Der hat sich ja dafür entschieden“, heißt es dann oft. Dieses Denken müssen wir loswerden. Soweit sind wir noch nicht.


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