Gegen Ausgrenzung. Lia Rodrigues zeigt in der fabrik ihr Stück „Furia“. Foto: fabrik/Sammi Landweer
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Interview mit Choreografin Lia Rodrigues „Wir müssen immer in Aktion sein“

Die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues setzt sich in ihrem Stück  „Furia“ mit ihrer Heimat auseinander.

Frau Rodrigues, Ihr jüngstes Stück, das Sie nun auch in der Potsdamer fabrik auf die Bühne bringen, heißt „Furia“, also Wut. Was macht Sie wütend?
 

Das Wort Furia heißt nicht nur Wut, es bezeichnet auch die Energie, die du brauchst, um etwas zu tun. So steht es im Wörterbuch. Außerdem erinnert es an die mythologische Figur Furie, die kommt, um Rache zu verüben. Das ist eine sehr schlechte Figur. Aber zurück zu der Frage: Was macht mich wütend? Der brasilianische Präsident macht mich wirklich sehr wütend, und Rassismus. Mir geht es da nicht anders als anderen.

Inwiefern betreffen die aktuellen Probleme Brasiliens Ihr Kulturzentrum, das Centro de Artes da Maré?

Wir sind in vielerlei Hinsicht betroffen. In den Favelas leiden die Menschen nicht seit gerade eben, sondern seit vielen, vielen Jahren – der Rassismus hat Struktur in Brasilien. Aber jetzt gerade ist es so schlimm wie nie zuvor. Die Gewalt hat in dem Viertel, wo sich unser Kulturzentrum befindet, sehr stark zugenommen. Die Polizei kommt jetzt sogar in unsere Favela hinein und Menschenrechte werden nicht eingehalten. Die Polizei betritt das Viertel und schießt auf die Leute. Vergangene Woche sind wieder zwei Unschuldige von Polizisten erschossen worden.

Wie konnte Bolsonaro so mächtig werden?

Das ist natürlich kompliziert. Man kann die Wahl mit der von Trump in den USA vergleichen. Er hat Fake News benutzt, und die Evangelikalen haben ihn stark unterstützt. Solche Dinge scheinen im Moment überall zu passieren.

Wozu ist Wut gut?

Ich weiß nicht, ob Wut nützlich sein kann. Ich meine, wir können sie nicht vermeiden. Aber ich denke, wir müssen immer in Aktion sein, um wieder etwas Neues zu tun, um etwas Positives zu tun. Daran glaube ich. Auch daran, dass man im Kollektiv handeln muss. Auch in der Favela oder im Zentrum bin ich nicht allein, wir arbeiten zusammen. Ansonsten würde meine Arbeit ganz anders aussehen. Ich arbeite gemeinsam mit Menschen, die genauso denken wie ich. Da entstehen positive Aktionen.

"Furia" von Lia Rodrigues. Foto: fabrik/Sammi Landweer Vergrößern
"Furia" von Lia Rodrigues. © fabrik/Sammi Landweer

Und wie veräußern sich diese auf der Bühne?

In dem Stück drücken wir die kraftvolle Verbindung aus. Wir setzen uns auch mit dem Gefühl Freude auseinander. Nicht nur Wut spielt eine Rolle, ebenso positive Gefühle. Denn ich denke, wir dürfen uns freuen, wir dürfen auch träumen. Insbesondere die Leute, die unter schwierigen Bedingungen leben, dürfen das. Wir müssen nicht immer nur über das Schreckliche sprechen. Das ist sehr wichtig.

Könnten Sie eine Szene beschreiben?

Es tut mir leid, aber ich mag es nicht, ein Tanzstück zu beschreiben. Man muss es erfahren. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass das Publikum in das Theater kommt. Zusammenzukommen ist etwas ganz Besonderes heutzutage. Natürlich ist das auch wichtig für die Orte, die uns präsentieren. Und wenn ich beginne zu beschreiben, befürchte ich außerdem, nicht korrekt zu beschreiben.

Sie haben aber beschrieben, wie schlecht die Lage in Brasilien ist. Warum bleiben Sie dort?

Wir müssen die Dinge anpacken. Jeder sollte das tun, auch in Deutschland. Man muss nicht nur profitieren, sondern man sollte auch diejenigen sehen, die nicht denselben Komfort haben, um miteinander zu arbeiten. Ansonsten hat man nicht die Gelegenheit, etwas zu ändern.

Und wie schaffen Sie das? Kultur hat es in Brasilien derzeit sehr schwer.

Sie hatte es immer schwer. Man muss erfinderisch sein, kreativ. Ich arbeite auch mit der NGO Redses zusammen und lerne mit ihr. Im Moment werden wir nur von europäischen Produzenten unterstützt. Das Geld, für das wir arbeiten, kommt aus Europa. Die fabrik beispielsweise ist schon lange ein guter Partner.

Woraus schöpfen Sie Hoffnung?

Dort mit all den Leuten zusammen zu arbeiten, stimmt mich hoffnungsvoll. Das Leben sagt jeden Tag Nein zu ihnen, und sie sagen: Ja, wir sind da. Sie leben, kämpfen. Es ist eine kämpferische Hoffnung.

Was wünschen Sie sich vom Potsdamer Publikum?

Es sollte Spaß haben. Natürlich hat jeder, der sich das Stück anschaut, einen anderen persönlichen Hintergrund, und sieht es deswegen aus einer anderen Perspektive. Aber das Wichtige ist, dass Fragen entstehen, die jeder an sich selbst stellt. Und Spaß zu haben – es ist sehr wichtig, Spaß zu haben in diesen harten Zeiten.

>>„Furia“, Freitag, 13. September und Samstag, 14. September jeweils 19.30 Uhr, fabrik, Schiffbauergasse

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