Die Regisseurin Bettina Jahnke ist seit 2018 Intendantin des Hans Otto Theaters. Am 11.9. hat ihre Inszenierung "Vögel" Premiere. Foto: Thomas M. Jauk
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Interview | HOT-Intendantin Bettina Jahnke „Ich bin gegen ein Identitätstheater“

Lena Schneider

Am Hans Otto Theater stehen die ersten Premieren seit dem Lockdown an. Intendantin Bettina Jahnke über die Kraft des libanesischen Autors Wajdi Mouawad, ein neues Potsdamer Kulturbündnis und Parallelen zwischen 1989 und Minsk 2020.

Bettina Jahnke, die ersten Premieren unter Corona-Bedingungen stehen ins Haus. Das Eröffnungsfest und erste Lesungen haben Sie schon hinter sich. Ein Zwischenstand: Theater und Corona, funktioniert das?

Prinzipiell ja, aber richtige Erfahrungswerte sind das noch nicht. Theater und Corona, ob das wirklich funktioniert, wird man erst nach den ersten Premieren wissen. Eine Premiere mit 95 Zuschauern, ohne Premierenfeier – das ist schon irgendwie traurig. Die Schauspieler, für die keine Freunde, keine Familie dabei sein können, weil die Karten so limitiert sind, kein Förderkreis im Publikum, keine Fangemeinde – das ist brutal, das muss man wirklich sagen. Und wie wird sich das anfühlen, so ein Applaus in einem halb- oder viertelbesuchten Saal, auch von der Energie her!, das wird spannend.

Und was waren die Erfahrungen bei den ersten öffentlichen Auftritten?

Beim Theaterfest waren es hauptsächlich provisorische Bühnen und Spielorte, da hat das sehr gut funktioniert. Aber trotzdem war der Gasometer, war das Große Haus leer. Es fühlt sich immer an, als würde uns keiner mehr gern haben.

"Die Nashörner" von Eugène Ionesco  in der Regie von Esther Hattenbach konnte wegen des Lockdowns bislang nur online gezeigt werden. Foto: Thomas M. Jauk Vergrößern
"Die Nashörner" von Eugène Ionesco  in der Regie von Esther Hattenbach konnte wegen des Lockdowns bislang nur online gezeigt werden. © Thomas M. Jauk

Keine anderen, positiven Rückmeldungen?

Doch, die Rückmeldungen waren sehr positiv. Alle wollen, alle sehnen sich, sind gespannt wie ein Flitzebogen. Und die wenigen Karten sind dann sofort ausverkauft. Klar guckt man immer nach dem Ideal. Für mich sind das Schwierige weniger die neuen Premieren, dafür stehen die Sicherheits- und Hygienekonzepte. Aber was ist mit den späteren Produktionen? Im aktuellen Spielzeitheft stehen noch keine  konkreten Termine für die kommenden Premieren – einfach, weil wir zur Drucklegung noch nicht wussten, wann was stattfinden kann. Wir wissen es immer noch nicht. Wann spielen wir wieder „Die Nashörner“ oder „Wir sind auch nur ein Volk“? Das sind drängende Fragen, die wir nicht beantworten können. Das macht uns zunehmend Bauchschmerzen.

Aktuell sind Sie in den Endproben für Wajdi Mouawads „Vögel“, das am 11. September Premiere hat. Wegen des Lockdowns hatten Sie die Möglichkeit, fünf Wochen im Originalbühnenbild zu proben.

Ja, über diese Bedingungen bin ich sehr glücklich. Das sind Probenbedingungen, bei denen man natürlich überlegt, was sich davon auch in den „normalen“ Theateralltag übernehmen lässt. Wie kann man sich diesen Luxus erhalten, auf der Bühne miteinander Zeit zu haben? Normalerweise probt man auf der Probebühne, und danach muss das Stück in den Endproben innerhalb von zwei Wochen auf die Große Bühne umgesetzt werden. Dadurch entsteht immer ein Mega-Stress. Das erlebe ich im Moment als sehr angenehm, dass man die Übergänge, Auf- und Abtritte in Ruhe klären kann. Und man hat auch noch Zeit für die Kunst! Für das Sprechen auf der Bühne, das auf der Großen Bühne ganz anders funktioniert als auf der kleinen Probebühne.

Diese idealen Probenbedingungen hat es vor Corona nie gegeben und wird es auch nie wieder geben, sagten Sie. Warum eigentlich? Sie als Intendantin bestimmen doch den Rhythmus.

Das stimmt. Aber das Theater muss einen bestimmten Eigenanteil an der Finanzierung erbringen, was für uns heißt: eine bestimmte Anzahl an Besucherzahlen. Das geht nur über möglichst viele Vorstellungen. In dieser Zeit ist die Bühne besetzt, Auf- und Abbauarbeiten inklusive. Während der übrigen Zeit proben dann alle anderen parallel. Es ist eine extrem komplizierte Rechenaufgabe. Wir haben es jetzt schon geschafft, eine Produktion weniger zu machen, vielleicht muss es noch eine weniger werden. Es gibt unter anderem auch den Wunsch des Ensembles, die Samstagsproben abzuschaffen. Das ist ein großes Rad, an dem wir da drehen müssen. Man fragt sich nochmal grundsätzlich: Was machen wir hier eigentlich, und wie machen wir das?

Die Entscheidung, eine Produktion weniger zu machen, entstand schon vor dem Lockdown. Wem kommt die gewonnene Zeit zugute?

Der Kunst und den technischen Gewerken zum Einen, auf Grund von Corona aber aktuell auch allen verschobenen und nicht zur Premiere gebrachten Inszenierungen.

Unterhaltung auf der Seebühne an den Seeterrassen. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Unterhaltung auf der Seebühne an den Seeterrassen. © Manfred Thomas

„Vögel“ des gebürtigen Libanesen Wajdi Mouawad hat mit der verheerenden Explosion in Beirut stark an Aktualität gewonnen. Das konnten Sie nicht wissen, als Sie sich für den Stoff entschieden. Was hat Sie daran gereizt?

Es ist zunächst sehr gutes Stück. Es ist kein bearbeiteter Roman, keine Textfläche. Es ist ein Drama mit starken, kraftvollen Figuren und einem Konflikt, der über das Geschriebene hinausreicht. Es geht eben nicht nur um den Libanon, es geht um uns. Um jeden Einzelnen. Als ich das Stück gelesen habe, blieb mir die Luft weg. Ich wollte es sofort machen. Wajdi Mouawad beschreibt komplexe Figuren in einer poetischen Sprache, die eine Kunstsprache ist. Wir merken auf den Proben, wie die Sprache die Schauspieler trägt. 

Und die andere Ebene?

Auf der anderen Ebene hat das Stück eine enorme politische Kraft. Ich habe es weniger vor dem Hintergrund des Libanon-Konflikts oder des Nahost-Konflikts gelesen, sondern vor dem Hintergrund einer gespaltenen Gesellschaft. Wie gehe ich mit den einzelnen Blasen um, in denen jede Figur existiert? Wie schwierig ist es, aus der subjektiven Wahrheit in eine gemeinsame Sprache zu kommen, darum geht es für mich. Egal ob uns die Religion trennt, die Partei oder einfach andere Ansichten. Diese Unversöhnlichkeit erinnert mich ganz stark an das Jetzt und Hier.

Die Spaltung der Gesellschaft war gerade in Berlin auf der Anti-Corona-Demonstration schmerzlich deutlich zu sehen.

Ja, deswegen ist es das Stück der Stunde. Wir hatten es in der letzten Spielzeit unter dem Motto „Offenheit“ geplant, aber es passt auch zu „Toleranz“, dem Thema der beginnenden Spielzeit. Beides bedingt sich gegenseitig. Das Stück bringt das auf einer persönlichen Ebene, die dann über sich hinausgreift und alle meint, zum Ausdruck.

Mouawads Schreiben hat etwas fast Archaisches. Er wirft sich ungeschützt, frei von jeglicher Brechung in Konflikte hinein, die so alt sind wie das Schreiben für das Theater selbst. Das kann fast aus der Zeit gefallen wirken.

Absolut. Und das macht es wieder so spannend. Dieser archaische Atem. Da wird in einer Fünf-Minuten-Szene ein Bogen aufgemacht, der ganz tief in die Konflikte der Figuren hineinschneidet. Da muss jeder Satz unterfüttert sein, das merken wir auf den Proben. Jedes Wort, jeder Satz hat seine Bedeutung. Ein Satz nicht gedacht, und es wird banal. Eine Soap hat ja das gleiche Prinzip: große Konflikte in kurzer Zeit.

Das Hans Otto Theater ist in die neue Saison gestartet. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Das Hans Otto Theater ist in die neue Saison gestartet. © Manfred Thomas

Die große Emotion.

Ja, aber bei einer Soap ist die Sprache dann so dünn, dass man gar nicht so viel pumpen kann, um das mit Energie aufzuladen. Bei Mouawad besteht eher die Gefahr, dass man es zu banal macht. Dann fällt es auseinander wie ein Sahnebaisée. Diese Sprache muss tanzen. Und dafür braucht man wiederum die Zeit, die ich jetzt Dank Corona auch hatte.

Es gibt zwei Textfassungen des Stücks „Vögel“. Eine mehrsprachige mit Passagen auf Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch. Und eine deutsche, für die Sie sich entschieden haben. Warum nicht der Einladung folgen und mehrsprachige Schauspieler auf die Bühne holen?

Das hätte ich machen können. Aber ich habe ein Ensemble von 25 Schauspielern, da wollte ich keine Gäste engagieren, nur weil es das Stück verlangt. Aber der eigentliche Grund ist: Das Nicht-Verstehen der Menschen im Stück liegt nicht in der Sprache. Wenn auf der Bühne Hebräisch, Arabisch und Englisch gesprochen wird, dann sagt man sich: Klar, wie sollen die sich verstehen. Aber die Konflikte liegen tiefer. Und ich bin gegen ein Identitätstheater. Ich mag es auch nicht, wenn Schwarze Schwarze spielen und Mütter Mütter. Ich finde, das ist ein vollkommen falscher Theateransatz. Schauspieler können alles spielen. Meine Hauptdarstellerin muss auch nicht arabisch aussehen. Wir sollten uns die Freiheit nicht nehmen lassen. Die Welt ist eine Bühne und die Bühne ist eine Welt.

Und das als Angebot für Schauspieler mit anderem Herkunftshorizont zu sehen: uninteressant?

Ja, aber dann sollen die bitte Hamlet spielen! Sonst spielt ein Türke wieder einen Türken und die Araberin eine Araberin. Das ist ein falscher Ansatz, finde ich. Und meine Schauspieler Arabisch und Hebräisch lernen zu lassen, wie das in Köln gemacht wurde – das finde ich noch falscher. Da verraten wir das Theater doppelt und dreifach. Die unterschiedlichen Herkünfte werden in der Musik eine Rolle spielen. Bojan Vuletic hat diese verschiedenen Sprachebenen in der Musik verarbeitet.

Kürzlich hat das Hans Otto Theater eine Solidaritätsadresse an die Demonstrierenden in Belarus formuliert. Gibt es eine neue politische Energie am Haus?

Wir haben diese Energie auch schon an anderen Punkten gezeigt. Wir sind Mitglied in den Bündnissen „Potsdam bekennt Farbe“ und„Die Vielen“. Als Künstler des Haus stellen wir uns durchaus auch politisch auf. Aber es soll nicht beliebig werden. Bei Belarus gibt es eine konkrete Verbindung zu unserem Haus über das Festival Next Stage Europe. Wir hatten zwei Stücke von belarussischen Autorinnen im Programm, und als sich das gesamte Ensemble des Minsker Janka-Kupala-Theaters hinter den gekündigten Leiter Pavel Latushko stellte, war für uns klar, wir wollen sie unterstützen. Um zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Inzwischen gibt es unser Video auch in russischer Sprache.

Wecken die Bilder der Menschen in Belarus auf der Straße Erinnerungen an 1989?

Ja, absolut! Wir müssen uns immer wieder erinnern, dass nicht klar war, dass die friedliche Revolution auch friedlich endet. Ich kann mich erinnern, wie uns 1989 auf den Demos die Wasserwerfer gejagt haben.

Wo haben Sie 1989 demonstriert?

In Leipzig. Als wir über den Ring liefen und die Demos immer größer wurden, hatte das anders als später in Berlin am 4. November durchaus noch eine Gefahr. Die Geschichten von Menschen, die verhaftet wurden und in der Haft Repressalien ausgesetzt waren, vergisst man heute leicht.

Wächst aus so einer Erfahrung eine Verantwortung?

Es ist ein solidarisches Gefühl, das da entsteht. Und der Wunsch, dass die Menschen in Belarus es schaffen werden. Wir haben geschichtlich ein großes Glück gehabt, in Belarus sieht es gerade anders aus. Putin wird alles unternehmen, um Lukaschenko zu unterstützen. Man merkt, wie das Nationale mit dem Internationalen zusammenspielt, und auch das Persönliche sich darin zeigt. Da sind wir wieder bei Wajdi Mouawad, wo die politische Lage draußen einen unmittelbaren Bezug hat auf das persönliche Geschehen.

Bettina Jahnke im Theatersaal mit Mund-Nase-Bedeckung.   Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Bettina Jahnke im Theatersaal mit Mund-Nase-Bedeckung.   © Ottmar Winter

Über die Pandemie sagten Sie: Die Entsolidarisierung wird kommen. Jetzt gibt es "KulturMachtPotsdam", ein neues, breit aufgestelltes Bündnis der Kulturschaffenden. Eine Flucht nach vorn?

Ja. Es ging als kleine Selbsthilfegruppe los, die immer größer wurde. Mit der Kulturbeigeordneten Noosha Aubel und Fachbereichsleiterin Birgit Katherine Seemann als Vertreterinnen der Stadt haben wir schnell gemerkt, dass es gar nichts bringt, jetzt gegeneinander zu arbeiten. Ich war sehr beglückt, wie sich das entwickelt hat.

Was ist das wichtigste Ziel?

Tatsächlich die Solidarisierung. Es waren über 70 Künstler aus unterschiedlichen Kontexten da. Aus festen Institutionen, Leiter, auch freiberufliche Künstlerinnen und Künstler, aus der bildenden Kunst, darstellenden Kunst, aus der Soziokultur. Wenn man sich austauscht, merkt man, dass die Themen und Probleme sich ähneln. Die Frage ist jetzt, wie bekommt man diese diverse Gruppe dazu, gemeinsam als Bewegung zu agieren? Der Rat für Kunst und Kultur hat das ja auch schon einmal versucht.

Der Rat für Kunst und Kultur ist dann verstummt. Was tun, um das diesmal zu vermeiden?

Die Schwierigkeit bei uns Künstlern ist ja, dass wir mit großer Leidenschaft in unseren Berufen arbeiten, und solche Aktionen noch mehr Arbeit mit sich bringen.Wie sorgt man dafür, dass das nicht immer die gleichen machen? Wie kann man das mit seiner künstlerischen Arbeit in Übereinstimmung bringen? Im Rat war leider hauptsächlich der Vorstand aktiv. Eine Bewegung sieht anders aus.

Womöglich braucht es für eine Bewegung auch eine größere, akutere Not? Die könnte durch Corona jetzt da sein.

Das stimmt. Man braucht eine Not und eine Utopie, ein Ziel, um sich dauerhaft zu motivieren.

Vor vier Monaten beschrieben Sie die Zukunft der Kultur als „schwärzer als schwarz“. Sehen Sie das jetzt anders?

Das weiß ich noch nicht. Ich bin auf alle Fälle motivierter. Ich bin durch die 1990er Jahre ein gebranntes Kind, als ich mich stark als Einzelkämpferin empfunden habe. Ich bin froh, wenn es nicht nochmal passiert.

Am 4.9. feiert "Die Biene im Kopf von Roland Schimmelpfennig in der Reithalle Premiere, am 11.9. "Vögel" von Wajdi Mouawad im Haus am Tiefen See.

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