Mehr als 80 Filme mit zahlreichen Stars hat die Standfotografin Waltraut Pathenheimer von 1954 bis 1991 für die Defa begleitet. Darunter auch „Das Versteck“ von Frank Beyer aus dem Jahr 1978 mit Jutta Hoffmann und Manfred Krug.  Repro: Andreas Klaer
© Repro: Andreas Klaer

Ikonische Bilder von Waltraut Pathenheimer Das Auge der Defa

Waltraut Pathenheimer war die Grande Dame der Defa-Fotografie. Das Atelierhaus Panzerhalle widmet ihr eine Ausstellung.

Potsdam - Wenn Waltraut Pathenheimer sagte: Das ist blau, dann war es blau. Auch wenn es grün war. So beschreibt die erste Standfotografin der Defa einer, der es wissen muss: ihr Sohn, Daniel Pathenheimer, geboren 1970 in Ostberlin. Dort, im Prenzlauer Berg, lebte Waltraut Pathenheimer bis zu ihrem Tod 2018. Drei Jahrzehnte lang prägte sie das Gesicht der Defa, schuf jene Bilder, die vor den Kinos hingen oder in Zeitschriften und Zeitungen um die Welt gingen. Viele dieser Bilder kennt man noch heute. Waltraut Pathenheimer gab der Defa ein Gesicht, das sich mit der Auflösung der Defa nicht auslöschen ließ.

Diese Frau, die sich seit den frühen fünfziger Jahren in einer von Männern geprägten Domäne behauptete, muss eine besondere gewesen sein. Menschen, die sie kannten, reden mit Respekt von ihr, manche mit Ehrfurcht. Der Kameramann Dieter Chill zum Beispiel, der sie 1987 kennenlernte. Er selbst war noch ein junger Mann, Waltraut Pathenheimer längst eine feste Größe. „Man konnte von ihr nur lernen“, sagt Chill. „Sie war eine richtige Dame.“ Hochprofessionell, und nicht unbedingt nahbar. „Bis man zum Du kam, das konnte dauern.“

Waltraut Pathenheimer absolvierte eine Ausbildung in der Defa-Fotoabteilung. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Waltraut Pathenheimer absolvierte eine Ausbildung in der Defa-Fotoabteilung. © Andreas Klaer

Die große Unsichtbare

Gemeinsam mit der Medienwissenschaftlerin Anna Luise Kiss, seit Kurzem Rektorin der Schauspielschule „Ernst Busch“, sorgt Dieter Chill dafür, dass Waltraut Pathenheimer, die große Unsichtbare, einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird: Eine Ausstellung in der Alten Fachhochschule zeigte 2017 ihre Fotos, begleitet von einem prächtigen Bildband, im Vorwort schrieb Armin Mueller-Stahl: „Alles lange her, vieles vergessen und auf einmal doch wieder gegenwärtig.“

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Anlass war damals der 85. Geburtstag der Fotografin. Im kommenden Februar wäre sie neunzig geworden: Anlass, erneut an sie zu erinnern. Nicht im Filmmuseum, nicht im Potsdam Museum, sondern in Groß Glienicke. Im Neuen Atelierhaus Panzerhalle. So sehr man Pathenheimer einen Auftritt an zentralem Ort gewünscht hätte: Groß Glienicke scheint abwegiger, als es ist. 

Der abgelegene Stadtteil war eine Enklave für Filmschaffende, lange bevor er zu Potsdam gehörte: Schon in den 1920er Jahren kauften sich Ufa-Stars wie Olga Tschechowa hier Grundstücke. Helga Schütz und Egon Günther hatten ein Haus direkt am See: Grenzgebiet. Der Groß Glienicker Kreis e.V. knüpft seit Jahren an dieses Erbe an, zeigt Filme mit Defa-Bezug, und hat gemeinsam mit Anna Luise Kiss eine Webseite zur lokalen Filmgeschichte initiiert.

Ausstellung wird von Filmreihe begleitet

Auch die Ausstellung „Pathenheimer: Filmfotografin“ wird von einer Filmreihe begleitet. Zum Auftakt wurde Siegfried Kühns „Kindheit“ (1986) gezeigt – in Anwesenheit von Carmen-Maja Antoni, die damals die Hauptrolle spielte. Antoni ist hier die Großmutter des neunjährigen Alfons, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Bäuerin in Schlesien, die sich in den Direktor eines italienischen Wanderzirkus verliebt, allen Anfeindungen zum Trotz. Das Foto, das Waltraut Pathenheimer macht, zeigt Antoni in Schürze und Kopftuch, die Arme geöffnet: Oben in der Luft, nah am Bildrand, ein Vogel mitten im Flug. Sie hat ihn gerade freigelassen. Die Umstehenden schauen verhalten bis skeptisch; Antoni lacht.

Goijko Mitic in "Chingachgook - die große Schlange". Foto: Defa Stiftung/Waltraut Pathenheimer Vergrößern
Goijko Mitic in "Chingachgook - die große Schlange". © Defa Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Das Herz eines Films fotografisch in einem einzigen Moment festzuhalten: Das war die Kunst der Waltraut Pathenheimer. Dafür scheute sie keine Mühe, verbrachte lange Zeit während der Drehs als Zuschauerin im Hintergrund, hatte selbstverständlich jedes Drehbuch gelesen und arrangierte die Szene dann so, wie sie sie verstanden hatte. Nahm nicht immer die Perspektive der Kamera ein, sondern fand eigene Blickwinkel und Formate: Gern auch das exzentrische Hochformat. Machte aus der Filmkunst ihre eigene, Fotografie. „Erwartet man mehr von meinen Fotos als ein Aufschlußgeben über die Handlung, als ein Vermitteln des Geschehens?“, fragte sie 1964. Die Antwort: „Ja, man sollte mehr erwarten!“

Nach dem Ende der Defa wird Pathenheimer in den Ruhestand geschickt

Waltraut Pathenheimer, geboren 1932 in Berlin, absolviert eine Ausbildung in der Defa-Fotoabteilung, unterschreibt ihren Arbeitsvertrag 1954, mit gerade 22. Heißt es anfangs noch „Bitte Ruhe, unsere ‚Kleine‘ will ein Foto machen“, ist sie bald eine Instanz. Fotografiert Armin Mueller-Stahl und Manfred Krug, Jutta Hoffmann und Angelica Domröse. Fotografiert „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ von Gérard Philip, Gerhard Kleins „Berlin – Ecke Schönhauser“, Frank Beyers „Nackt unter Wölfen“, Verbotsfilme wie Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“ oder Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ ebenso wie den Märchenfilm „Gritta von Ratten zuhause bei uns“ oder Publikumsrenner wie „Chingachgook – Die große Schlange“ mit Gojko Mitic. Über achtzig Produktionen. Bis 1991. 

Die Bilder sind im Atelierhaus "Panzerhalle" in Groß Glienicke zu sehen. Repro: Andreas Klaer Vergrößern
Die Bilder sind im Atelierhaus "Panzerhalle" in Groß Glienicke zu sehen. © Repro: Andreas Klaer

1992 wird die Defa aufgelöst und Waltraut Pathenheimer, gerade sechzig geworden, in den Ruhestand geschickt. Dieser abrupte Abschluss einer Arbeit, die nie nur Job war, hinterließ große Verletzungen. Sie rührt keine Filme mehr an. „Ich kann mich nicht mit Zufallsfotos, bei denen ich in verschiedener Hinsicht Konzessionen machen muß, zufriedengeben“, hatte sie als junge Frau geschrieben. 

Keine Konzessionen: Das wäre nach 1989 kaum mehr möglich gewesen in einem Land, das inzwischen ebenso wie sein Filmbetrieb auf Gewinn und Geschwindigkeit ausgerichtet war. Mit beidem konnte Waltraut Pathenheimer nichts anfangen. Von ihr selbst, die Hunderte von Fotos gemacht hat, gibt es kaum Fotos. Zufall? Ihr Sohn Daniel sagt: Sie wusste immer genau, was sie wollte.

Die Ausstellung im Neuen Atelierhaus Panzerhalle, Heinz-Sielmann-Ring 2-2a, läuft bis zum 23.1.2022

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