Guido Lambrecht als Unternehmer Bernick in "Die Stützen der Gesellschaft in der Regie von Sascha Hawemann. Foto: Thomas M. Jauk
© Thomas M. Jauk

Ibsen-Adaption im Hans Otto Theater Gesang auf dem Vulkan

Krachig, furchtlos, rückhaltlos: Vor dem Horizont schließender Theater inszeniert Sascha Hawemann seine Ibsen-Adaption „Stützen der Gesellschaft“ als Schauspielfest - mit Patti Smith und Nirvana.


Potsdam - Es war der Abend des Tages, an dem die ersten Theater wieder schlossen. Österreichs Bühnen werden seit Freitag (19.11.) nicht mehr bespielt, und auch Sachsens Staatstheater verkündeten, bis 12. Dezember den Betrieb einzustellen. In Potsdam aber wird noch gespielt. Noch: Das betonte Intendantin Bettina Jahnke in einer kurzen, emotionalen Ansprache an das Publikum ganz am Ende dreimal. „Damit das so bleiben kann, müssen Sie jetzt nach Hause gehen.“ Heißt: Keine Premierenfeier.

Jede Premiere, jeder Abend ein Seiltanz. So wenig wahrscheinlich das bei Corona-App, Luca-App, Impfnachweis und Maskenpflicht ist: Sobald es die erste Ansteckung gäbe, wäre auch das Hans Otto Theater zu, das ist allen hier bewusst. Ein Tanz auf dem Vulkan, und diesen „Stützen der Gesellschaft“, der Premiere am Freitag im Großen Haus, meinte man das anzusehen. Auch dem Publikum im Übrigen: Es jubelte sich beim Applaus die Seele aus dem Leib.

Texte von Ibsen, Marx und Hawemann

„Die Stützen der Gesellschaft“ bleibt dem Prinzip der Klassikerüberschreibungen treu, mit „Vor Sonnenaufgang“ war es schon vorgetestet worden. Statt Hauptmann diesmal Ibsen, statt der Neufassung eines Ewald Palmetshofer die zeitgenössische Übersetzung von Angelika Gundlach, aufgemischt mit mehr Ibsen, aber auch Texten von Karl Marx und dem Regisseur selbst. Und statt der inszenatorischen Zurückhaltung einer Marlene Anna Schäfer das ungezügelte Karacho von Sascha Hawemann.

Hawemann, der Ende der 90er Jahre Hausregisseur in Potsdam war und seitdem frei arbeitet, hatte im Vorfeld zu Protokoll gegeben, er habe nach „intensiveren, direkteren Begegnungen gesucht“, und genau die sind das pulsierende Herz dieser Inszenierung. Wer hier endlich mal das wenig gespielte Ibsen-Stück von 1877 genauer kennenlernen will, wird weitgehend umsonst suchen. 

E-Gitarren schrammeln, das Schlagzeug peitscht, Nadine Nollau singt

Stattdessen wehen Ibsens „Nora“-Fragmente herein (kurz danach geschrieben), „Peer Gynt“-Passagen (kurz davor), Videobilder von Schiffen, Menschenmassen mit Masken und Fabrikschloten flackern durch den Raum – und ganz viel live Musik. Auf E-Gitarren geschrammelt, vom Schlagzeug vorangepeitscht, und herzerweichend gesungen. Vor allem Nirvana und Patti Smith. Vorgetragen von Günther Harder und Nadine Nollau, in den passenden Kostümen. Wie Nadine Nollau das macht, ist eine Offenbarung: So hat man die Schauspielerin noch nicht gesehen.

Garagenrockiger Grunge ist bei Hawemann das Gegenstück zu dem, was Ibsen 1877 schon kritisieren wollte: bürgerliche Heuchlerei. Bevor der Grunge zu seinem Großauftritt kommt und dafür Szenenapplaus erntet, wird die Gegenseite vorgestellt. Im Zentrum: Karsten Bernick (Guido Lambrecht). Neoliberaler Geschäftsmann im Anzug, ein Werftbesitzer, schwerreich, fürs Gemeinwohl engagiert, sein guter Ruf ist seine Währung. 

Ein guter Ruf auf Lügenfüßen

Nur dass dieser Ruf wacklig steht, auf Lügenfüßen nämlich: eine Affäre, ein Finanzskandal, bildeten den Sockel des Erfolgs. Davon weiß niemand, nur der Freund aus Jugendtagen, der ihm damals aus der Patsche half. Der war lange weg, in den USA, jetzt ist er wieder da: in Gestalt von Kurt Cobain (Günther Harder). Ihm zur Seite Bernicks Jugendliebe Lona. Auftritt Nadine Nollau als Patti Smith: „Jesus died for somebody's sins but not mine“. Die Sünden, für die Jesus starb, waren nicht meine.

Schuld und Sünde, Sex und Betrug und ein Großprojekt, an dessen Umsetzung die Existenz des Unternehmers Bernick hängt: Ibsens Vorlage hat alle Zutaten für einen Thriller. Hawemann bemüht sich nicht, das in allen Verästelungen aufzuschlüsseln. Nicht der Thriller interessiert ihn, sondern die Menschen, die in diesem Gerüst strampeln. Er entwirft die Charaktere mit Verve, beinahe Wut: klare, dicke Pinselstriche. Nicht weit weg von der Karikatur manchmal, wie auch George Grosz‘ Gemälde „Die Stützen der Gesellschaft“, das berühmter wurde als Ibsens Stück. 

Konservative Bigotterie, weibliche Unterwürfigkeit

Lehrer Rorlund (Jon-Kaare Koppe) etwa ist backenbärtiger Inbegriff konservativer Bigotterie, schwafelt von Familienwerten und nationalem Rückgrat. Bernicks ungeliebte Frau (Katja Zinsmeister) ist ein schrilles, schauspielerisch meisterliches Abziehbild weiblicher Unterwürfigkeit. Unternehmersohn Olaf (Paul Sies), schwarze Langhaarperücke, Lederhose, Rockerpose, ist die düstere Karikatur eines missratenen Erben. Er grimmelt, zündelt und fantasiert düster davon, „kleinen Gretas“ und anderen Gut-Mensch-Ökos blutig das Maul zu stopfen. Gewerkschafter Aune (René Schwittay) brüllt vom Kapital und schnürt sich mit schwarzem Tape die Luft ab, bis er nicht mehr kann.

Brachial nicht nur die Figurenzeichnung, auch die Sprache: Es wird viel gebrüllt hier, und geflucht: Die Menschen stehen unter Strom. Ruhiger Pol in all dem ist ausgerechnet das vermeintliche Feindbild Bernick, der Unternehmer. Dass „Die Stützen der Gesellschaft“ trotz aller Überhitzung so gut funktioniert, liegt an der rückhaltlosen Lust der Spieler, daran, wie dieser Unternehmer angelegt ist – und wie Guido Lambrecht das macht. 

Gewinnlust, die glaubt, dass sie Gemeinwohl ist

Gewinnlust hat hier keine böse Fratze, sondern ist die Ruhe selbst – und glaubt sich selbst, dass sie keine Gewinnlust ist, sondern Gemeinwohl. Populäre Phrasen spricht Bernick ins Mikro, sucht immer wieder den Schulterschluss mit dem Publikum, fast kriegt er ihn hin. Raunt auch „vom Quantensprung für die Region“ (wer denkt da nicht an Tesla?). Kündigungen spricht er sanft aus, Arm in Arm, so hinterrücks eiskalt, dass einem schaudert. Nein, kein gefühlsloser Mensch. Schlimmer: Einer, der seine Gefühle vollkommen beherrscht.

Hawemanns „Stützen der Gesellschaft“ sind das Gegenteil. Unbeherrscht, vielleicht auch unvollkommen. Vor allem aber: Ein Schauspielfest, krachig, furchtlos, rückhaltlos. Eine Brandung, in die man sich stürzen sollte, solange es noch geht.

Wieder am 20., 28.11. sowie am 4., 10., 11. und 19.12. um 19.30 Uhr im Großen Haus des Hans Otto Theaters

Zur Startseite