Kultur Humanist zwischen Kunst und Partei

Der Regisseur Kurt Maetzig, Filmmann der ersten Stunde, wird heute 95 Jahre

„Ich kann für mich sagen, dass glücklich die Momente waren, wo Verantwortung und Gewissen zusammen fielen, und dass es dunkle Nächte waren, wo es nicht der Fall war.“ Diese wenigen, lakonischen Worte stehen für ein Leben, das wohl aufregender und zwiespältiger kaum sein könnte. Kurt Maetzig, der Filmmann der ersten Stunde, begeht heute seinen 95. Geburtstag. Er ist kein Vielredner, hält auch allen Presserummel von sich fern. Aber es gibt eine rbb-Dokumentation, „Filmen für ein besseres Deutschland“ (2004) von Dorothea Schildt und Markus Tischler, die den Aufklärer, Staatskünstler und Visionär in all“ seiner Widersprüchlichkeit und Konsequenz begreifen lässt. Sie ist am Freitag zur „Geburtstagsnachfeier“ im Filmmuseum zu sehen.

Sie erzählt sehr bildhaft, wie Maetzig verschiedene politische Systeme durchschritten hat. Hinein geboren wurde er noch in das Kaiserreich, er erlebte die Sicherheit einer gutbürgerliche Familie mit liberalen Ansichten. Sein Vater hatte eine Filmkopierfabrik, in der der Sohn liebend gern in seiner Freizeit arbeitete. Ebenso wie im sozialistischen Schülerbund. Kurt Maetzig studierte in Paris und München Naturwissenschaften. Seine heimliche Liebe galt jedoch der Filmtechnik. 1933 gab er sein Debüt als Filmassistent. Doch schon ein Jahr später untersagte ihm die Reichsfilmkammer jegliche Arbeit am Film: Denn Kurt Maetzigs Mutter war jüdischer Abstammung. Der Vater ließ sich von ihr scheiden, um seinen Betrieb zu retten und so für die Familie wenigstens wirtschaftlich sorgen zu können. Doch dieser Entschluss hatte bittere Folgen, denn nun war die Ehe auch kein letzter möglicher Schutz mehr. Die Mutter nahm 1944 Gift, um der Deportation zu entgehen. Sie atmete noch, als der Sohn sie mit einem Abschiedsbrief in der Hand fand.

Kurt Maetzig überlebte den Faschismus in Werder. In der späteren Kneipe „Mausefalle“ hatte er sich ein chemisches Labor eingerichtet. Das verbotene KPD-Mitglied hielt Kontakt zu ausländischen Zwangsarbeitern auf der Friedrichshöhe. Mit ihnen gemeinsam hieß er im Frühling 1945 die anrollenden russischen Panzer willkommen. Sie warfen ihnen begeistert Fliederzweige entgegen. Endlich gab es wieder Hoffnung, die den Kommunisten Maetzig trotz Hunger und Entbehrung mit ganzem Herzen erfüllte. Für ihn war es der Film, „die große vielgestaltige Sache“, mit dem er sich für den Aufbau eines neuen Staates stark machen wollte. Als DEFA-Mitbegründer wurde er zunächst Chefredakteur der ersten deutschen Nachkriegswochenschau: Er versuchte, „ehrlich und ohne Pathos“, Glaubwürdigkeit herzustellen, die die Kriegswochenschauen preisgegeben hatten.

Sein erster Film „Ehe im Schatten“ 1947 über die Mitschuld „jedermanns“, in der er auch seine eigene Geschichte verarbeitete, wurde zu einem großen Erfolg in allen vier Sektoren. „Die Leute blieben regungslos sitzen. Viele Minuten lang. Das habe ich nie wieder erlebt“, erinnerte sich Maetzig. Er hatte in dem Film zwar leise Töne angeschlagen, klebte stilistisch aber noch am Ufa-Stil. „Ich hatte noch nicht die Kraft, die Mitarbeiter von der Veränderung der Form zu überzeugen.“ Bertolt Brecht konstatierte später: „Welch schrecklicher Kitsch.“

Es folgte ein Film über die Verstrickung der Großindustriellen mit den Nationalsozialisten am Beispiel der Herstellung von „Zyklon B“: „Der Rat der Götter“. Im Westen Deutschlands fand dieser Film keinen Verleih, wurde als kommunistische Propaganda abgetan.

Wirkliche Propaganda betrieb der Zweiteiler „Ernst Thälmann – Sohn und Führer seiner Klasse“, das teuerste Projekt der DEFA, bei dem Maetzig Regie führte. Ein Staatsauftrag. Das Politbüro schrieb am Drehbuch mit, Ulbricht gab Anregungen, Pieck besuchte die Dreharbeiten. „Es sollte ein Idol der Jugend geschaffen werden, was mir vernünftig erschien. Aber es wurde immer mehr idealisiert und immer mehr Menschliches und Persönliches weggeschnitten“, sagte Maetzig über diese stalinistische „Verschönerungswut“. Aber da er den Auftrag nun einmal angenommen hatte, musste er ihn so gut wie möglich nun auch zu Ende führen, sagte Maetzig, ganz auf Parteilinie. Aber er bekannte auch: „Ich bekomme rote Ohren, wenn ich die Thälmannfilme heute sehe. Es sind schreckliche Filme und ich schäme mich förmlich, dass sie so geworden sind.“ Am Ende gab es für diesen meistgesehenen Pflichtfilm den Nationalpreis.

Um so unheroischer versuchte er bei „Schlösser und Katen“ das Leben auf die Leinwand zu bringen: die Chronik eines Dorfes während der Kollektivierung der Landwirtschaft. „Die Wirklichkeit in die Filmkunst zu holen und zu verarbeiten, um damit wieder auf die Wirklichkeit zu wirken“ – das erwies sich als sein großes Konzept: „Tragfähig für ein ganzes Künstlerleben.“ Und diesen Anspruch versuchte Maetzig auch an die junge Filmgeneration weiter zu geben. Der Gründungsrektor der Filmhochschule Babelsberg war für viele väterliches Vorbild. Armin Mueller-Stahl mochte ihn für seine Teamarbeit, Egon Günther für seine Jugendlichkeit. Maetzig fühlte sich stets mehr als Pionier und nicht als der Vollender. Er stieß ständig neue Fenster auf, probierte sich in der Komödie, im Agentenfilm, schuf den ersten DEFA-Science-Fiction-Film. „Das große Meisterwerk habe ich nie geschaffen“, merkte der Mann mit den klaren Worten indes bescheiden an.

Der „schreckliche Mauerbau“ war für ihn zugleich auch der letzte Moment, den Hebel doch noch umzulegen auf einen demokratischen Sozialismus. Und tatsächlich herrschte danach Tauwetter. Es begann der Filmfrühling. Auch Maetzig suchte nach einem neuen, kritischen Stoff und fand ihn im „Das Kaninchen bin ich“ – ein bislang verbotenes Buch Manfred Bielers mit scharfer Kritik an der DDR-Rechtssprechung. Als der Film fertig war, herrschte schon wieder Eiszeit: Das berüchtigte 11. Plenum 1965 verbannte einen ganzen Jahrgang DEFA-Filme in den Giftschrank. Auch Maetzigs „Kaninchen“. „Das war der letzte Dreck, den wir da gesehen haben“, urteilte die „Inquisition“. Ulbricht sagte: „Wir haben keine Freiheit für Verrückte. Sonst haben wir absolute Freiheit – überall.“ Fast alle, die mit dem Film zu tun hatten, verloren ihren Posten. Außer Maetzig. Der musste statt dessen einen Offenen Brief der Reue schreiben. Was er auch tat. Das habe ihm viele Freunde gekostet. „Dennoch halte ich diese Entscheidung für richtig.“ Er glaubte, wenn er sich als einer der bekanntesten Filmemacher schuldig bekenne, könne er von anderen Schaden abwenden und einer Verhärtung der Kulturpolitik entgegen wirken. „Der kostbare Stoff der künstlerischen Kraft Maetzigs versiegte nach dieser Kostprobe“, schrieb viel später die Filmjournalistin Erika Richter.

24 Jahre sollte es noch dauern, bis das „Kaninchen“ zum Laufen kam. Es war der Tag des Mauerfalls. Das Plenum hatte viel mehr zerstört als die glückliche Entwicklung des Filmwesens. „Es verhinderte die Entwicklung zum demokratischen Staat.“

Als Kurt Maetzig seinen 65. Geburtstag feierte, sagte er der DEFA sogleich adé. Er hatte genug von Kompromissen. Er zog nach Mecklenburg, ging segeln, lernte die Sprache der Computer und verfolgte das Zeitgeschehen.

1989 gab es noch einmal ein kurzes Aufflackern seines politischen Optimismus. Als er die Demonstration auf dem Alexanderplatz erlebte, glaubte er, es könnte doch noch einen Weg zum demokratischen Sozialismus im Osten geben. Statt dessen lernte er mit der BRD eine fünfte deutsche Staatsform kennen: nach Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und DDR.

Bei all“ dem Wandel besinnt er sich auf Bleibendes: „Ich bin Humanist, Aufklärer und demokratischer Sozialist. Auch heute noch.“ Sein Werk ist das eines politischen Künstlers. „Freiheit ist für mich ein leeres Wort, wenn man nicht hinzu fügt, frei wovon und frei wozu.“

Im Filmmuseum läuft Freitag um 19.30 Uhr die rbb-Dokumentation „Filmen für ein besseres Deutschland“ über Kurt Maetzig, sowie „Die Buntkarierten“, ein Film Maetzigs von 1949.

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