Der zehnjährige Jojo (Roman Griffin Davis) versucht seinen imaginären Freund Adolf (Taika Waititi) zu beeindrucken. Foto: Fox Searchlight
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Hitler-Komödie "Jojo Rabbit" Können Judenwitze Toleranz stiften?

Andreas Busche

In Taika Waititis Antihass-Komödie „Jojo Rabbit“ bildet sich ein Zehnjähriger eine Freundschaft mit Adolf Hitler ein. Kontroverse Prämisse, harmlose Witze.

Gegenüber Filmen, die die Komplizenschaft des Publikums suchen, ist grundsätzlich Skepsis angebracht. Wenn Kunst die stille Übereinkunft mit den Betrachtenden sucht, ist sie sich ihrer moralischen Überlegenheit bereits gewiss. Der Diskurs wird zur konfliktfreien Zone, der nur noch darin besteht, gesicherte Positionen abzustecken. So könnte man Taika Waititis Nazi-Komödie „Jojo Rabbit“ auch als Diskurs-Zirkuspferd bezeichnen, das fürs Publikum ein paar rhetorische Kunststückchen aufführt.

Doch die Sache ist etwas komplizierter. Waititis Hauptfigur, der zehnjährige Johannes, ein schmächtiger Junge, dessen Vater in den letzten Kriegsmonaten an der Front kämpft (so die Version der Mutter), hat einen imaginären Freund, der ihn mit menschenfeindlichem Gedankengut indoktriniert: Adolf Hitler.

Der neuseeländische Regisseur nennt seinen Film, der für sechs Oscars nominiert ist, eine Antihass-Komödie, womit er seine Dialektik wieder entschärft. Nazi-Komödien, zumal mit Hitler als Witzfigur (gespielt vom Regisseur), müssen diese rote Linie ziehen. Waititi aber kann die wissende Übereinkunft mit seinem Publikum voraussetzen. Und um eine Differenz ästhetisch zu kennzeichnen, erinnert sein Nazi-Deutschland an einen Wes-Anderson-Film: nicht düster wie im deutschen Geschichtskino, wo die Kulissen um historische Glaubwürdigkeit ringen, sondern stilisiert wie in den Insta-Profilen der „Nipster“.

Johannes (Debütant Roman Griffin Davis) glaubt an den Sieg der ruhmreichen deutschen Nation – da befindet sich die Wehrmacht längst auf dem Rückzug. Zum Leidwesen seiner Mutter Rosie, von Scarlett Johansson mit der resoluten Fürsorge einer „Kriegswitwe“ gespielt, die die Rollen beider Elternteile übernehmen muss. Manchmal nennt sie ihren kleinen Hosenscheißer auch „Shitler“, weil das Kinderzimmer derart mit Führerbildchen und NS-Memorabilia tapeziert ist, dass selbst dem Gestapo-Mann ganz warm ums Herz wird. Johannes würde auch gerne für das Vaterland kämpfen, nur bringt er es nicht mal übers Herz, einen Hasen zu töten – was ihm bei seinen HJ-Kameraden den Spitznamen „Jojo Rabbit“ einbringt.

Die Coming-of-Age-Geschichte eines kleinen Nazis geht zurück auf Christine Leunens’ Bestseller „Caging Skies“, den Waititi an entscheidender Stelle zuspitzt. Bei ihm ist Jojo nicht nur glühender Fan der Einmann-Boygroup Adolf Hitler, der Führer fungiert auch als sein persönlicher Einflüsterer. Mit der Besonderheit, dass Waititis Gröfaz-Karikatur spricht, wie 14-jährige Mädchen heute so reden, wenn sie in der Clique über Klassenkameradinnen lästern. Nur zwei Mal wechselt Waititi ins Sprachregister des Hitlers aus den Reichsparteitagsreden.

Das Verhältnis zwischen Jojo und seinem besten Freund – für seinen zweitbesten Freund, den dicklichen Yorki (Archie Yates), ist die Hitlerjugend eine Art Feriencamp – verkompliziert sich, als der Junge herausfindet, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen (Thomasin McKenzie) im Haus versteckt. Adolf ist das „Juden-Ding“ im Haus nicht geheuer, aber da der Verrat von Elsas Unterschlupf auch die Auslieferung von Jojos Mutter an die Gestapo zur Folge hätte, macht er das Mädchen zu seinem Studienprojekt. Dass Juden wie Fledermäuse kopfüber von der Decke hängend schlafen und Hörner haben, weiß er von der Jugenderzieherin Fräulein Rahm (Rebel Wilson). Wo aber kommen die Juden her? „Wir sind wie ihr“, meint Elsa einmal lakonisch, „nur menschlich.“

Hat man sich an Waititis Subjektivierung erst einmal gewöhnt, ist die Dialektik von „Jojo Rabbit“ gar nicht mal so kontrovers, wie die Inhaltsangabe vermuten lässt. Während Leunens’ Romanvorlage konsequent auf das klamaukige Potential der Binnenperspektive verzichtet, zieht sich Waititi – wie schon im Marvel-Film „Thor: Ragnarok“ – in die Absurdität seiner Prämisse zurück. Die antisemitischen Ressentiments besitzen bei ihm eine kindliche Unschuld, wohinter natürlich eine perfide Logik lauert: Infantilismus neigt dazu, das Terrorregime der Nationalsozialisten zu verharmlosen.

Andererseits gehört „Jojo Rabbit“ auch nicht in eine Reihe mit Holocaust-Filmen wie „Das Leben ist schön“, denn Waititis Witze zielen weniger auf die NS-Todesmaschinerie ab als auf die Hass-Ideologie. Er dreht die Methode der Denunziation einfach um: Erst werden die Nazis zum debilen Fußvolk erklärt, bevor Elsa mit der Reprogrammierung Jojos beginnen kann. Dass Sam Rockwells Captain Klenzendorf etwa von einem Prinzessinnen-Kostüm als NS-Uniform träumt, bedient ein homophobes Klischee.

Was didaktisch mindestens fragwürdig erscheint, stellt sich in moralischer Hinsicht eher als Geschmacksfrage. Bemerkenswert ist es allemal, dass zwei der großen Oscar-Kandidaten des Jahres, eben „Jojo Rabbit“ und Todd Phillips „Joker“, von der US-Kritik moralisch kontrovers aufgenommen, vom Publikum aber gefeiert werden. Wobei die Filme unterschiedlicher kaum sein könnten: „Jojo Rabbit“ nimmt nach einem tragischen Zwischenfall eine kitschige Wendung, inklusive der Läuterung seiner Hauptfigur. „Kontrovers“ ist eben auch nur ein vielseitiger Marketing-Begriff, der auf Feelgood-Hitler-Komödien wie auf reaktionäre Superheldenfilme zutreffen kann.

Ob das didaktische Konzept – toleranzstiftende Judenwitze – aufgeht, beantwortet „Jojo Rabbit“ nicht mit letzter Konsequenz. Dafür sind die Überzeichnungen zu grell, die Überschreitungen aber auch viel zu nett(„Komm, gib mir deine Hand“ der Beatles zu Wochenschaubildern von Hitler grüßenden Jubeldeutschen). Darum überzeugen auch weniger Waititis Situationskomik oder die Dialoge als vielmehr seine beiden Hauptdarstellerinnen.

Scarlett Johansson verkörpert als Korrektiv zur ideologischen Verblendung ihres Sohnes eine zupackende Pragmatik. Ihre Szenen mit Thomasin McKenzie im Halbdunkel verhandeln die eigentlich moralische Tragweite der Geschichte: was nämlich das Individuum, noch dazu eine einzelne Mutter, gegen den geballten Hass des Kollektivs ausrichten kann. Die Wahrheit hilft nur bedingt. Er sei kein Nazi, sagt Rosie einmal zu Jojo. Er ist nur ein zehnjähriger Junge, der sich gerne mit einer komischen Uniform verkleidet und Mitglied in einem Club sein möchte.

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