Bei der Adaption von Falladas Roman setzen Christopher Hanf und Annette Pullen auf verschiedene Erzählperspektiven. Katja Zinsmeister als Anna Quangel, Hannes Schumacher, Arne Lenk, und Jon-Kaare Koppe als Otto Quangel (v.l.n.r.).  Foto: Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam Falladas "Jeder stirbt für sich" feiert ruhelose Premiere

Das neue Stück „Jeder stirbt für sich allein“ am Hans Otto Theater hetzt Falladas Roman von 1946 nach. Mit Verlusten.

Potsdam - Als der Autor Hans Fallada 1946 seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ schrieb, hatte er nur noch wenige Wochen zu leben. Vier Wochen soll er für die gut siebenhundert Seiten gebraucht haben, dann machte der von Drogen geschlauchte Körper nicht mehr mit. 

Ein bisschen liest sich die Geschichte um das Widerständlerpaar Anna und Otto Quangel auch so. Im Kriegsjahr 1940 beginnen sie, Postkarten dissidentischen Inhalts in Berliner Hausfluren zu verteilen. Kurze, beinahe gehetzte Kapitel, knappe Überschriften geben die Stoßrichtung an. Die Sprache verschwendet sich nicht, kein Wort, keine Emotion zu viel.

Keine Zeit für Unwesentliches

Ein Sturz des Autors in die Schlussgerade seines Lebens ist dieser Roman. Atemlos, mit dem glasklaren Blick dessen, der weiß, er hat keine Zeit für Unwesentliches, und dazu zählt vor allem alles Sentimentale. Falladas Figuren, die Männer zumal, mögen in Selbstmitleid zerschmelzen. 

Der Autor hat dafür nichts übrig. Er schaut auf die Welt, die er beschreibt und selbst erlebt, wie sein Protagonist Otto Quangel. Der wird am Ende so gebannt sein von den Grausamkeiten seiner Folterknechte, dass er versäumt, die Blausäurekapsel zu zerkauen, die seinem Leiden ein vorzeitiges Ende gemacht hätte.

Kaum geht es los, dreht sich die Bühne

Am Freitagabend ist Falladas Roman im Hans Otto Theater nun auf die Bühne gebracht worden. Und auch die Regie von Annette Pullen hetzt gewissermaßen in den Stoff hinein. Kaum geht es los, dreht sich die Bühne von Iris Kraft auch schon, nimmt einen die erste von vielen Erzählstimmen des Abends an die Hand: Eva Kluge (Nadine Nollau), Postfrau, Parteimitglied der NSDAP, aber hadernd mit ihrem Job, mit der Aufgabe, unglückselige Nachrichten von der Front in die Haushalte zu bringen. Otto Quangel (Jon-Kaare Koppe) reißt ihr den Brief wortlos aus der Hand. Es ist die Nachricht vom Tod seines einzigen Sohnes Otto, der Auslöser für den Widerstand, zu dem er sich durchringen wird.

Falladas Roman macht eine große Bandbreite von Figuren auf. Die Stückfassung von Christopher Hanf und Annette Pullen dünnt da natürlich aus, will dabei auch auf die einfachste Form, einen Roman fürs Theater brauchbar zu machen verzichten: die Zuspitzung auf eine einzige Erzählerperspektive. Hier kommen stattdessen viele zu Wort, fallen vom Ich ins „sie“ oder „er“ – und nicht nur „die Guten“. Da sind neben Otto Quangel dessen Frau Anna (erst verhärmt, dann kämpferisch: Katja Zinsmeister) und Trudel Baumann, die Freundin des verstorbenen Otto (Laura Maria Hänsel). Aber eben auch der Gestapo-Spitzel Emil Barkhausen (kaum wiederzuerkennen unterm Schnauzer: Jan Hallmann) oder der fähnchenhaft-bemitleidenswerte Enno Kluge (Philipp Mauritz in orangem Strickpulli). Und auch Frau Rosenthal aus dem vierten Stock (Rita Feldmeier). Eine Jüdin, die sich zunächst bei einem Nachbarn versteckt, aber vor der Einsamkeit des Verstecks in den Freitod flüchtet: ein Sprung in den Hof, wo Nachbar Barkhausen der Toten als Letztes ein wertvolles Armband raubt.

Vieles bleibt auf der Strecke

Sie alle schieben sich abwechselnd in den Bühnenvordergrund, dann dreht sich die Bühne wieder in ein anderes Setting. So geht das hin und her zwischen dem kargen Zimmerchen der Quangels, dem Polizeirevier des auf die Kartenaktion angesetzten Kommissars Escherich (vom Großkotz zum Geläuterten stark: Arne Lenk) und den vielen Zwischenorten, die bei Fallada eine Rolle spielen: Straßenecken, Cafés, Quangels Fabrik. 

So viel Mobilität ist nötig, wenn man viel erzählen will – aber es bleibt bei viel Panorama eben auch vieles auf der Strecke. Momente der Stille zum Beispiel, und vor allem die schrullige Vielschichtigkeit der Figuren. In Falladas Vorlage sind auch die Quangels alles andere als geborene Helden. Anna hat eine gute Portion systemtreues Hausmütterchen in sich, Otto wird als kalt und abweisend beschrieben – bei Jon-Kaare Koppe hingegen wirkt von Anfang an wie einer, der Gutes will.

Unruhe in den Fabriken, mindestens!

Und doch, auch auf der Bühne ist das Ringen dieses „kleinen Mannes“ und seiner Frau um das Richtige erkennbar. Der erträumte Triumph über das, was ihre Karten wohl erreichen, berührt. Aufstand, Unruhe in den Fabriken, mindestens! So denken sie. Erst am Ende erfährt Otto Quangel, dass von den fast 300 Aufrufen zum Widerstand nur 18 nicht bei der Polizei abgegeben worden sind. Otto Quangel schluckt, als er das erfährt, hoffnungsschimmert dann trotzdem: „… aber immer doch 18 Stück.“

Die Zahl zeigt es: Solche unumstößlich Guten wie Otto Quangel waren in der Minderheit im Berlin der 1940er Jahre. Heute wären sie es wohl auch. Mehrheitsfähig dürfte da schon Philipp Mauritz’ Enno Kluge sein, ein rein körperlich Verrenkter, einer, der sich von seiner Angst verbiegen lässt. Andere Charaktere sind da deutlich gröber: Jan Hallmanns verräterischem Emil Barkhausen trieft der Verrat aus jeder Haarsträhne und Obergruppenführer Prall (Andreas Spaniol) in kunstlederglänzender Uniformhose ist als Karikatur des Nazischergen angelegt. Gut kämpft hier arg deutlich gegen Böse.

Der Versuch, aufrichtig zu bleiben

Was macht ein Leben inmitten von Verrat und Selbstverrat lebenswert? Das ist die zentrale Frage des Romans, die auf den vielhundert Seiten immer wieder deutlich durchscheint. Die Antwort darauf auch: Es ist der Versuch, aufrichtig zu bleiben, selbst so etwas Unwahrscheinliches wie ein „reines Gewissen“ zu behalten, trotz allem. Das klingt so verkürzt aufgeschrieben banal; in einer Realität, in der dieser Versuch mit dem Leben bezahlt wird, ist es das natürlich nicht.

Von der komprimierten Realität auf der Potsdamer Theaterbühne sehnt man sich dennoch zurück in die verschlungenere, diffusere Realität des Romans. 

Warum? Vielleicht weil die Haltung, die Fallada dem Geschehen gegenüber hat, auf der Bühne dann doch zu oft zugespült wird mit fingerzeigerischer Musik. Jene falladasche Klarheit, die sich Sentimentalität verbietet, scheint hier vor allem gegen Ende einmal durch, wenn die schon Toten sich vor dem Eisernen Vorhang versammeln. Da sitzen sie nebeneinander, sind von der Gestapo ermordet oder von einer Bombe erwischt worden, oder haben sich selbst das Leben genommen. 

Die Figuren haben ihre letzte Ruhe gefunden, die Schauspieler sprechen deren Text weiter. So wie auch Falladas Text weiter in uns spricht, lange nach seinem Tod. Und siehe da, plötzlich ist einem das Gesagte ganz nah. Zu toppen nur vom Leseerlebnis selbst, probieren Sie es aus.

Nächste Vorstellungen am 21. April sowie am 3., 9. und 10. Mai. Karten und mehr Hintergründe zum Stück >>

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