Drei in einem. Maurice Bajohr hat sich mit "Ein Traum in Faust" etwas viel vorgenommen.  Sebastian Gabsch
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Goethes Faust in der Orangerie Potsdam Ein Traum verpufft

Das Leuchtkammer Ensemble versprach mit "Ein Traum in Faust" eine moderne Version von Goethes Klassiker in der Orangerie. Doch leider versenkt das Einmannstück seine Charaktere lieblos in Getöse und Kunstnebel.

Das Gefühl beobachtet zu werden stellt sich sofort ein. Nicht heimlich, sondern direkt, unverhohlen, aggressiv. Von diesem übergroßen rot-schwarzen Gesicht dort auf der Bühne, das ein wenig an den dunklen Sith-Lord Darth Maul aus „Star Wars Episode I“ erinnert. Ein Teufelsgesicht, dessen Blick so intensiv ist, dass ein Entziehen kaum möglich scheint. Ein intensiver Moment – er wird der einzige bleiben am Samstagabend in der Orangerie im Park Sanssouci.

Einen „Chill-Out-Abend in einer der schönsten Locations Potsdams“ hatte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in ihrer Ankündigung versprochen – und die leergeräumte Pflanzenhalle des Orangerieschlosses enttäuscht in der Hinsicht natürlich nicht. Getaucht in rot-blaues Licht und leichten Kunstnebel, setzt sie Erwartungen auf einen mystisch-entspannten Abend – immerhin steht Goethes „Faust“ auf dem Programm. „Ein Traum in Faust“ nennt sich das Einmannstück des Berliner Leuchtkammer Ensembles, gespielt von Darsteller Maurice Bajohr, das vorab moderne Einblicke in das historische Stück versprach.

Erster Akt: Songs von Maxim Pritula

Das allein ist jedoch anscheinend nicht chillig genug. Und so beginnt der Abend zunächst mit Musik des Singer-Songwriters Maxim Pritula, der am Samstag kurzfristig für den erkrankten Kollegen Silas Herder einspringt. Eine schöne Idee, funktioniert die Kombination Goethe und Musik schließlich schon seit Schubert, doch der Funke will nicht überspringen. An Pritulas Texten liegt es nicht: Sie beschäftigen sich mit aktuellen Problemen der Welt. Doch Pritulas Sprechgesang lässt die Texte rhythmisch zu einheitlich daherkommen, emotional berühren sie nicht. Schon hier zeigt sich außerdem ein Nachteil der Pflanzenhalle: sie lässt die Stimme hallen, nicht selten verschwinden Pritulas Worte im Nirgendwo. Am Ende bleibt sein heiterer Song „Meine Frisur“ noch am ehesten im Gedächtnis.

Zweiter Akt: Faust, Gretchen und Faust

Weiter also zu Faust. Maurice Bajohr beschränkt sich auf den Kernfaden „der Tragödie erster Teil“ und stellt zunächst die drei wichtigen Figuren vor: Heinrich Faust mit Professorenbrille, Gretchen mit rosa Umhang und Mephisto mit überdrehtem Grinsen. Es folgen die Sätze von der Juristerei, dem schönen Fräulein und der Frage nach der Religion.

Die best-of-Szenen werden aneinandergereiht, Fausts Lust nach Gretchens jungem Körper in den Mittelpunkt gestellt. Ein moderner Ansatz oder eine ironische Brechung des Stückes lässt sich jedoch nicht erkennen. 

Ein netter Einfall: Maurice Bajohr vollzieht den Charakterwechsel immer hinter dem starrenden Teufelsgesicht – doch überzeugen mögen seine Charaktere nicht. Während Faust vor allem ernst durch seine Brille starrt, rennt Mephisto wie ein überdrehtes Rumpelstilzchen über die Bühne. Gretchen darf seufzen, kokett mit der Hand wedeln oder Heinrich rufen. Mit der Frauenrolle scheint Bajohr überfordert – oder ihm fällt einfach nichts dazu ein. Beides ist gleichermaßen ärgerlich. 

Denn dass männliche Darsteller Frauen überzeugend spielen können, zeigt etwa das Potsdamer Neue Globe Theater immer wieder, besonders beeindruckend geschehen mit Ophelia in Shakespeares „Hamlet“. Bajohrs Gretchen wirkt jedoch arglos, ihr wahnsinniges Toben in der finalen Kerkerszene bleibt kalt und nervt eher. 

Dritter Akt: Gefühle im Nebel

Überhaupt neigt Bajohr zum Overacting: Wo Gefühle ausgedrückt werden sollen, wird laut geschrien. Auch bei ihm verschwinden manche Wörter – weil er sie verschluckt oder sie im Hall des Raumes verloren gehen. Das finale „Sie ist gerettet“ aus dem Off klingt so im doppelten Sinne erlösend. Einige Zuschauer verlassen die Orangerie bereits früher. 

Die interessant eingesetzte Musik von DJ Nino Weber, die zwischen Elektro und Naturgeräuschen variiert, rettet das Stück dann auch nicht mehr. Am Ende bleiben der intensive Dämonenblick – und ein schaler Nachgeschmack von Kunstnebel und Bier. 

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