Galerie Blick. Zur Eröffnung der Ausstelling „Stadthäute“ 1988. Foto: Frank Buschner
© Frank Buschner

Freiräume erkennen Erinnerungen an die Potsdamer Kulturszene vor der Wende

Lothar Krone, Monika Schulz-Fieguth und Thomas Kumlehn erinnern sich an die Kulturszene um 1989 und die Schwierigkeiten Kunst zu machen und auszustellen.

Potsdam - Künstler hatten in der DDR ein staatlich gesichertes Einkommen und somit keine Existenzsorgen. Allerdings galt dies nur, solange ihre Kunst nicht vom vorgegebenen Kurs der SED abwich. Wer sich weigerte, den Vorgaben der Kulturoberen zu folgen oder sich systemkritisch äußerte, durfte seine Werke nicht öffentlich machen. Es sei denn, die Kirchen stellten ihre Räume den Künstlern zur Verfügung. Darüber sprach Thomas Kumlehn am Donnerstag im Potsdam Museum. Der Kunst- und Kulturszene Ende der achtziger Jahre in Potsdam galt die Veranstaltung, zu der der Förderverein des Museums im Rahmen seiner Zeitzeugenreihe „Die Friedliche Revolution in Potsdam 1989“ einlud.

Locker und stets beim Thema bleibend, moderierte Vereinsmitglied Susanne K. Fienhold Sheen die Veranstaltung. Ihren Fragen stellten sich die Künstler Monika Schulz-Fieguth und Lothar Krone sowie der Kulturarbeiter Thomas Kumlehn.

Ausstellung abgesagt

Kumlehn, der vier Jahre lang – bis zur Wende – Mitarbeiter für Ausstellungen am Kulturhaus „Hans Marchitza“, dem heutigen Potsdam Museum, war, berichtete, dass während seiner Tätigkeit nur eine Ausstellung verboten wurde: die des Berliner Grafikers und Schriftstellers Johannes Jansen im Juni 1989. Die Bilder mit ihrem kritischen Inhalt seien von der SED-Zensur kurz vor der Eröffnung abgelehnt worden und konnten nicht gezeigt werden. Kumlehn musste die Gäste, die zur Eröffnung kamen, wieder nach Hause schicken. Die Erlöserkirchengemeinde sprang dann kurzfristig ein und die geplante Schau fand eine Woche später in deren Räumen statt. „Man musste immer wieder Grenzen ausloten, sehen, wie weit man die Konzeption, die den Oberen nicht immer Freude bereitete, in die Tat umsetzen konnte. Natürlich war manche Umsetzung einer Ausstellung von vornherein ein Risiko. Doch es wäre falsch, wenn ich sagen würde, es hätte keine Freiräume gegeben. Man musste sie nur erkennen“, so Kumlehn.

Lothar Krone, dem man zu DDR-Zeiten ein Kunststudium verweigerte, war von 1972 an am Hans-Otto-Theater tätig, von 1978 bis 1986 als Theatermaler. Er „genoss“, so meinte er, als freischaffender Künstler bei den Funktionären den Ruf eines Oppositionellen. „Wer im Café Heider saß und mit anderen Künstlern verkehrte, die politisch-ideologisch indifferent sein sollten, war sowieso ein Dissident gewesen. Das haben die Stasi-Lauscher richtig erkannt und in ihren Akten, die zwar geschreddert wurden, richtig aufgeschrieben.“

Bilder nur im Keller

Krone, der heute auch als Kulturjournalist tätig ist, konnte jedoch in eine Querakte einsehen. Auch habe die Stasi herausgefunden, dass der Nichtwähler Krone sich künstlerisch an westlichen Vorbildern orientiere. Als die Moderatorin ihn fragte, wie man als freischaffender Künstler ohne Aufträge leben konnte, antwortete Krone: „Ich wusste es selbst nicht. Es gab beruflich Einschnitte seitens des Künstlerverbandes der DDR in meine Arbeit. Die Bilder durften beispielsweise nur in der Kellergalerie in Babelsberg gezeigt werden.“ Doch zur letzten Kunstausstellung des Bezirkes Potsdam im Herbst 1989 konnte er Gemälde im Marchwitza-Kulturhaus präsentieren. Der Wind begann sich zu drehen.

Die Fotografin Monika Schulz-Fieguth berichtete vom Künstlerhaus Villa Rumpf am Heiligen See, in dem sie damals mit Malern, Grafikern und einem Dokumentarfilmer wohnte und arbeitete: Christian Heinze, Alfred Schmidt, Manfred Nitsche, Peter Wilde und Kurt Tetzlaff. „Es war eine anregende Zeit, in der wir viel über Kunst, Politik, über Gott und die Welt diskutierten“, erzählte die Fotografin.

Bilder wurden abgehängt

Auch über eine Fotoausstellung, die sie mit anderen Kolleginnen im Westberliner Rathaus Schöneberg im Oktober 1989 auf Einladung der Alternativen Liste zeigen durfte, gab sie Auskunft. „Dort gab es aber einen Eklat, über den ich mich sehr wunderte. Ältere Damen konnten es nicht ertragen, dass auf den Aktporträts unter anderem alte Frauen, die nackt waren, öffentlich gezeigt wurden. Man hängte sie ab.“

Mit der Veröffentlichung ihres Bildbandes „Vögel wollen fliegen“, der von der Wohngemeinschaft behinderter und nichtbehinderter Menschen im thüringischen Hartroda erzählt, musste sie warten. Ihrem Freund, dem Astrophysiker Hans-Jürgen Treder, berichtete sie, dass sich kein Verlag für eine Herausgabe finden würde. Der übergab das Exposé dem Architekten Helmut Henselmann, da der beste Beziehungen zu Verlagen in der DDR hatte. Eines Tages erhielt Monika Schulz-Fieguth einen Brief vom Architekten, der sich darüber mokierte, dass sie behinderten Menschen so viel Platz einräume. Es gäbe doch Positives in der DDR zu fotografieren. Jahre später entschuldigte sich Henselmann bei der Fotografin für seine krassen Worte.

Die Themenreihe wird am 11. April mit weiteren Erinnerungen und Erfahrungen über die Potsdamer Kunst- und Kulturszene mit Katja Dietrich-Kröck, Helen Thein und Jörg Hafemeister fortgesetzt. Das ganze Jahr über werden an zehn Abenden Zeitzeugen berichten, aus jener Zeit, als die DDR ihrem Ende entgegenging und eine politische Wende sich anbahnte.

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