Robert Dick in der Friedenskirche. Foto: Heidi Jäger
© Heidi Jäger

Flötentag der Potsdamer Musikfestspiele Sternenstaub oder der Ruf der Wildnis

Der „Jimi Hendrix der Flöte“: Robert Dick becircte das Publikum virtuos mit seinem Nachtrecital in der Potsdamer Friedenskirche.

Potsdam - Der Altarraum ist in warmes Abendlicht getaucht: eine wohlig-entspannte Stimmung wie im Kinderzimmer bei der Gute-Nacht-Geschichte. Hier ist der Erzähler Robert Dick und die Geschichten strömen aus dem Inneren seiner Flöten oder vielmehr aus seiner eigenen Seelentiefe. Der Gast aus New York krönt den Flötentag am Pfingstmontag mit einem betörend meditativen Nachtrecital in der Friedenskirche Sanssouci, das leider nur mäßig besucht ist.

Die meisten schließen – so wie der Meister selbst – die Augen: gehen mit ihm auf eine Reise der Magie. Bilder durchfluten den Kopf, als stünden sie Schlange und warten nur, dass sie endlich an die Oberfläche kommen dürfen. Auch ohne die Ansagen des Musikers in seinem genuschelten Englisch richtig zu verstehen, entspinnen sich Fantasiegebilde. Man fühlt sich in einen Urwald hineinversetzt, hört Rufe der Wildnis. Sind es Löwen, Gazellen oder das Schwingen der Vögel? Vielleicht ist es auch die Musik von Sternenstaub? Die Töne schwellen an und verhauchen.

Weltpremiere mit einer gigantischen Bassflöte

Die Musik ergreift den ganzen Körper, lässt ihn mitsingen, wie in einem Gebet. Die Flöten von Robert Dick lassen eine ganze Welt aufscheinen. „Wenn ich einen Sound in mir drin hören kann, dann kann ich ihn auch spielen!“, sagt der Musiker, der in einem rubinroten Kaftan zwischen seinen vier Mikros wandelt, mit immer anderen Flöten auftrumpft und die Besucher eigenwillig becirct. Einige verlassen auch vorzeitig das Konzert, können sich wohl nicht auf dieses Klangexperiment einlassen. 

Der gern als „Jimi Hendrix der Flöte“ bezeichnete 69-Jährige revolutionierte seit den 1970er-Jahren die Querflötenfamilie durch neuentwickelte Spieltechniken und Instrumente. In Potsdam hatte seine gigantische Bassflöte mit aufmontiertem Mikrofonsystem Weltpremiere. Auch ohne die ausgefeilte Technik zu verstehen, spürt man das Einzigartige, das Sphärische. Nichts wirkt aufgesetzt, mit überflüssigen Attitüden aufgebläht. So, wie der Maler Dali mit seinen surrealen Bildern, durchwandert auch Robert Dick die vielen Arten des Lichts mit ihren langen Schattenwürfen.

Musik ohne Grenzen

„Die Musik, die ich in meiner Vorstellung höre, hat keine Grenzen“, sagte er kurz vor seinem Gastspiel in einem PNN-Interview und zitierte dabei Picasso: „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, ein Künstler zu bleiben, während man erwachsen wird.“ Robert Dick ist so ein Ewig-Kind, das seine Entdeckerfreude mit jedem neuen Ton auch neu beseelt. Er horcht in die Welt der Geheimnisse und lauscht ihnen ihre Herztöne ab. Die Flöten sind sein Medium, diese Entdeckungen mit anderen zu teilen. Gebannt wie bei einer Gute-Nacht-Geschichte hängt der Zuhörer an seinen Lippen und schwebt mit seinen Klängen hinaus in die Nacht der Träume. 

>>Für die Premiere der Barockoper „ Polifemo“, historisch inszeniert, am 16. Juni um 20 Uhr im Orangerieschloss Sanssouci sind noch Karten von 70 bis 40 Euro unter Tel.: (0331) 28 88828 erhältlich

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