Potsdamer Filmerbe: Der Defa-Regisseur Roland Oehme mit Enkelin Clara Maria Kirchhoff (links) und Tochter Anne-Gret Oehme. Foto: Manfred Thomas
© Manfred Thomas

Film-Familie Oehme im Porträt Die Frauen, die nach der Defa kamen

Roland Oehme schuf einst Publikumslieblinge der Defa. Sein Filmfieber hat er an Tochter und Enkelin vererbt. Anne-Gret Oehme und Clara Maria Kirchhoff sind Kostümbildnerinnen.

Potsdam - Das ist der Lauf der Zeit, sagt Roland Oehme irgendwann. Neue kommen dazu, Alte treten ab. Da sitzen wir schon seit gut einer Stunde zusammen mit seiner Tochter Anne-Gret Oehme und der Enkelin Clara Maria Kirchhoff in der Wohnküche in Potsdam-West. 

Wir sind zeitgereist in die DDR der 1970er Jahre, wo Oehme Erfolge als Defa-Regisseur feierte. In die 1990er Jahre, als es mit der Defa zu Ende ging und Anne-Gret ihr Leben neu erfand. Und zurück ins Jahr 2021. Zu dem gefeierten Film „Lieber Thomas“ - und zu „Ivie wie Ivie“. Das Filmdebüt von Sarah Blaßkiewitz war auch für Clara Maria Kirchhoff ein Debüt: der erste Film, bei dem ihre Mutter nicht die Chefin war.

Das Filmfieber, mit dem sich Roland Oehme vor beinahe sechzig Jahren beim Studium in Babelsberg infizierte - es glüht bei den Oehmes nun in dritter Generation. Die Filme sehen anders aus, die beiden Frauen machen nicht Regie, sondern Kostüme - aber die Begeisterung für dieses Medium, sie hat sich vererbt.

Die Kostüme in dem Debüt "Ivie wie Ivie" von Sarah Blaßkiewitz stammen von Clara Maria Kirchhoff. Foto: Promo Vergrößern
Die Kostüme in dem Debüt "Ivie wie Ivie" von Sarah Blaßkiewitz stammen von Clara Maria Kirchhoff. © Promo

Ein Defa-Hit mit der blutjungen Ursula Werner

Insgesamt neun Filme machte Roland Oehme für die Defa - darunter Publikumslieblinge wie „Der Mann, der nach der Oma kam“ mit Winfried Glatzeder oder „Ein irrer Duft von frischem Heu“ mit einer blutjungen Ursula Werner. Schon sein Erstling war eine Komödie gewesen: „Mit mir nicht, Madam!“ aus dem Jahr 1968.

Damals war seine Tochter Anne-Gret gerade zwei Jahre alt. Wenn sie an ihre Kindheit denkt, denkt sie jedoch nicht in erster Linie an rauschende Filmpremieren. Kein Glamour, keine Privilegien, sondern, so nennt Roland Oehme das, „fast ärmliche Verhältnisse“. Die Familie mit vier Kindern wohnte lange in zwei Zimmern plus zwei Dachkammern - ein Raum war das Arbeitszimmer für den Vater. „Ich brauchte das als Rückzugsraum“, sagt er. So einfach war das. Er schrieb für Film und Theater, die anderen arrangierten sich. 

Als das Studium endete, war es auch mit der Defa zu Ende 

Auch wenn Roland Oehme heute nicht so wirkt: „Er war streng“, sagt Anne-Gret Oehme. Es war ihm wichtig, dass die Kinder Dinge zu Ende brachten. Er verschaffte Anne-Gret Oehme auch eine Stelle im Fundus der Defa, ermöglichte ihr, über die Defa zu studieren. Als das Studium zu Ende war, war es auch mit der Defa zu Ende. Was wie eine sichere Zukunft ausgesehen hatte, wurde zur Fahrt ins Ungewisse. 

Aber Können setzt sich durch: Anne-Gret stattete alle Brandenburger Ermittler des „Polizeiruf“ aus, arbeitete 2006 mit Andreas Kleinert für „Hurenkinder“ zusammen. Und sie war fünf Jahre lang Restaurantbetreiberin, führte ab 2003 das „Pacha Mama“ in Potsdam-West. Eine schöne Zeit - „aber es war auch schön, als es vorbei war“, sagt sie. 

Die Kostüme in Andreas Kleinerts "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch stammen von Anne-Gret Oehme. Foto: Promo Vergrößern
Die Kostüme in Andreas Kleinerts "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch stammen von Anne-Gret Oehme. © Promo

Tochter und Enkelin gemeinsam: eine Idealbesetzung

Mit ihrer Tochter arbeitet sie seit 16 Jahren zusammen: Anne-Gret Oehme als Kostümbildnerin, Clara Maria als Garderobiere oder Assistentin. 45 Projekte haben sie in dieser Konstellation gestemmt. Eine Idealbesetzung, sagen beide. Der Mann, ohne den die beiden Frauen nicht da wären, sitzt dazwischen und sagt angesichts von so viel ungekünstelter Harmonie: „Wir haben wohl nicht zu viele Fehler gemacht.“ Er sagt auch: „Ich kann stolz auf meine Kinder sein.“ Insgesamt zählt die Familie Oehme heute 24 Mitglieder.

Wer in der Familie Oehme nach Streit sucht, sucht umsonst. „Wir können nicht gut streiten“, sagt Clara Maria Kirchhoff. „Aber ich würde auch behaupten, dass wir in den letzten zwanzig Jahren auch keinen Grund dazu gehabt haben.“ Die Rollen seien sehr klar verteilt: Die Mutter ist die Chefin. „Wir verstehen uns blind“, sagt Anne-Gret Oehme. Clara Maria ist ihre Tochter, ja, „aber vor allem ist einfach richtig gut, in dem, was sie macht, die allerbeste Assistentin.“

"Der Mann, der nach der Oma kam" (1972) ist einer von Roland Oehmes bekanntesten Defa-Filmen. Insgesamt gab es neun. Foto: Defa-Stiftung Vergrößern
"Der Mann, der nach der Oma kam" (1972) ist einer von Roland Oehmes bekanntesten Defa-Filmen. Insgesamt gab es neun. © Defa-Stiftung

"Warum gibt es heute keine Totalen mehr?"

Und Roland Oehme? Er macht schon lange keine Filme mehr, konzentrierte sich nach der Wende vor allem auf Theaterregie. Früher war er der erste, strengste Kritiker, wenn Anne-Gret Oehme einen neuen Film herausbrachte. Doch das ist vorbei. „Heute ist sie einfach gut“, sagt er. Wie streng sein Urteil sein kann, ahnt man, wenn er über „Ivie wie Ivie“ spricht, den Erstling von Clara Maria Kirchhoff. Die Kostüme sind toll, sagt er - aber schrecklich fotografiert. „Warum gibt es heutzutage keine Totalen mehr?“

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran - immer freitags. Hier geht's zur kostenlosen Bestellung.]

Clara Maria Kirchhoff, geboren 1986, wirkt nicht wie eine, die so etwas in den Grundfesten erschüttern kann. Sie wusste immer schon, was sie will, sagt ihre Mutter - und auch, was sie nicht will. Studieren zum Beispiel. Als Mutter hätte sie das gern gesehen, aber die Tochter weigerte sich. Wusste nicht, wohin es beruflich gehen sollte, bis sie es eines Abends am Küchentisch doch wusste: „Kostümbildnerin.“ Beide sind sich einig: Im Universum Film haben sie den besten Job. „Wir können kommen und gehen, wann wir wollen.“ Gut ist ein Kostüm, wenn man nach einem Film nicht mehr weiß, wie es aussah, sagen sie.

Der Defa-Fundus, das ist ihr Reich

Während die Enkelin ihren Erstling vorgelegt und die Tochter mit „Lieber Thomas“ für viel Aufsehen gesorgt hat, steht für Roland Oehme 2022 ein Jubiläum an: „Der Mann, der nach der Oma kam“ wird 50. Premiere war am 10. Februar 1972 im Berliner Kino International. 

Ein Künstlerpaar sucht hierin Betreuung für die drei Kinder - weil Oma, deren Job das bisher war, anderes im Sinn hat. „Ich bin selbst eine Oma, die viel zu wenig Zeit hat“, sagt Anne-Gret Oehme - aber zum Glück gibt es da andere, die vieles auffangen. Ohne Familie geht das Leben mit Film und Kindern nicht, das haben alle drei erfahren.

Der Name Oehme ist den jungen Filmleuten heute kein Begriff mehr, sagt Anne-Gret Oehme. Sie selbst galt lange Zeit als „die Tochter von“, aber auch das ist längst vorbei. Was bleibt von der Defa? Familie Oehme sagt: Es bleibt etwas, das man konkret anfassen kann. Der Defa-Fundus, Kostüme aus rund 700 Filmen. „Die zusammengetragene Geschichte“, wie Roland Oehme sagt - und mit Blick auf Tochter und Enkelin: „Das ist ihr Reich.“

Jella Haase spielt in "Lieber Thomas" Katarina Thalbach. Sie darf den Bademantel von Anneliese Oehme tragen. Foto: Peter Hartwig Vergrößern
Jella Haase spielt in "Lieber Thomas" Katarina Thalbach. Sie darf den Bademantel von Anneliese Oehme tragen. © Peter Hartwig

Ein Bademantel für Jella Haase

Ein ganz persönliches Objekt der Oehmes hat Eingang in den Defa-Fundus gefunden. Der Bademantel, den einst Anneliese Oehme trug. Sie starb 2017. Es gibt Fotos, die Anne-Gret als Kleinkind an der Ostsee zeigen - in dem Bademantel ihrer Mutter.

In „Lieber Thomas“, dem Film über Thomas Brasch, tritt er jetzt wieder auf. Es trägt ihn Jella Haase als die junge Katharina Thalbach. „Leider schwarzweiß“, sagt Roland Oehme. „So kann man die merkwürdigen Farben nicht sehen, diesen Charme der Fünfziger.“ Altes geht, Neues kommt. Manches bleibt.

„Ivie wie Ivie“ läuft am 21., 23. und 26.1. im Filmmuseum Potsdam, „Lieber Thomas“ in mehreren Kinos in Berlin.


Zur Startseite