Sarah Kilter. Foto: promo
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Festival für neue Dramatik Sinnlos ist doof

Wildwuchs, die sechste: Das Festival für neue Dramatik wird in seiner letzten Ausgabe grundsätzlich. Wie das aussehen soll:

Potsdam - „Wir legitimieren unsere Kunstscheiße doch nur damit, zu behaupten, dass wir politisch wären“, wird Sie morgen auf der Bühne der Reithalle sagen. Sie, das ist eine Figur in dem Stück „Der Efeu muss weg“ von Sarah Kilter, und Sarah Kilter ist eine von drei Studierenden der Berliner Universität der Künste, deren Texte am Wochenende hier erstmals auf einer Bühne ausprobiert werden. Am Wochenende ist Wildwuchs-Zeit am Hans Otto Theater. Das sechste und das letzte Mal.

Und in diesem letzten Wildwuchs-Festival geht es zur Sache. Die Sache, das ist das Theater. Oder vielmehr das Schreiben fürs Theater. Darum kreist dieses Kurzfestival, seitdem John von Düffel nach seiner Bearbeitung des „Turm“ 2010 den Potsdamer Intendanten zu einer Lesung in die Universität der Künste einlud, wo von Düffel Dozent ist. Tobias Wellemeyer war so angetan vom wilden Geist, der hier wucherte, von der Aura des ungezähmten Alles-ist-Möglich, dass er sowas auch für sein Theater wollte. So entstand „Wildwuchs, dieses Festival in dem UdK-Studenten ihre Texte zum ersten Mal auf der Bühne sehen, inszeniert von namhaften Regisseuren, gespielt von Schauspielern des Ensembles“, neben Refugees Club und Stadt der Zukunft das wohl Innovativeste, das Tobias Wellemeyer in Potsdam entwickelt hat. Hier können Studenten sehen, was passiert, „wenn ihre Texte laut werden“, sagt John von Düffel, und bestenfalls sehen das auch ein paar Dramaturgen und Lektoren im Publikum. Und der alte Apparat Stadttheater darf sich wieder jung fühlen, zwei Tage lang. Eine ungeheuer wertvolle Sache.

Dem Theater unter die Haut kriechen

In der finalen Ausgabe des Festivals also geht es dank Sarah Kilter dem Theater ans Eingemachte. Der Stücktitel „Der Efeu muss weg“ ist programmatisch. Der Text will dem Theater unter die Haut kriechen, es von allem sentimentalen Gestrüpp befreien. „Das hier kann ruhig ein bisschen Tempo haben. Nicht alles so wegschnarchen. Ratter ruhig mal ein bisschen runter“, heißt es im Prolog - etwas, das andere in eine Regiewanweisung verpacken würden. Überhaupt, rattert das Autoren-Ich weiter: "Ich mach das hier nur für mich." Und noch ein Tipp an den Schauspieler, respektive Leser: „Sei unbesorgt. Tiefe gibt es nicht.“

Doch, doch, die gibt es. Aber so geht der Text von Sarah Kilter erstmal los, und so rattert er auch weiter: in Jelinek’scher Atemlosigkeit, flapsig, scheinbar unbedarft. Aber in rasierklingenhafter Schärfe gegen das Autorin-Ich und das Medium, in dem sie sich bewegt, das Theater.

Da hadert eine Sie mit ihrem Schreibtischstuhl und einem „lächerlichen Projekt“, an dem sie arbeitet, und natürlich am meisten mit sich. Ein Er sagt das Gegenteil, sehnt sich derweil nach Problemen. Aber kleine bitteschön, „keine, die mich in Depressionen stürzen.“ „Eine Anpassungsstörung wäre doch ganz nett.“ Dann wieder Sie: „Ich will Künstler sein, mich aber nicht so nennen. ich will primitiver sein, Handwerker oder so. Am besten gefällt ihr "Buchstabler". "Es kommt eine Sie2 dazu, die im Gegensatz zu Sie sehr erwachsen wirkende Stimme der Vernunft: „Aber das macht ja alles kein Sinn. Sinnlos ist doof.“ Und: „Diese jungen können sich ja nicht immer nur um sich selbst drehen.“

Drei Namenlose im Stück

Doch, das können sie. Und genau das tun die drei Namenlosen in diesem Stück. Sie drehen sich um sich selbst und bringen die Welt, in der sie sich bewegen dadurch ins Schwanken. Die Autorin hat eine hämische, fast masochistische Freude daran, diesen Widerspruch auszukosten.

Und das funktioniert so: Die Autorin lässt die Figuren an dem Stück arbeiten, das wir morgen auf der Bühne sehen werden - wobei nebenbei die großen Gretchenfragen des Theatertexteschreibens abgearbeitet werden können: plotbasiertes Erzählen oder Textfläche? Unterhaltung oder Diskurs? Liebesgeschichte oder der große politische Gestus? Der Text „Der Efeu muss weg“ ist ein bisschen von allem – und er guckt sich selber beim Entstehen zu. Es ist ein quälender und ein sehr komischer Vorgang zugleich. Und was hier angerührt wird, unprätentiös, geradezu, manchmal auch nervtötend in seiner Selbstbezüglichkeit, geht weit über die Ichs, die hier erzählen, hinaus.

„Sarah Kilter ist eine Wucht“, sagt John von Düffel über die Autorin. Er sagt auch: „Sie schenkt sich überhaupt nichts.“ Sarah Kilter, geboren 1994 in Berlin, Schulabbruch, später Abendschule, dazwischen laut Selbstauskunft viel Zeit „im vergilbten Bademantel auf der Matratze ohne Lattenrost gelegen“, schreibt selbst über sich: „Irgendwann hat irgendjemand gesagt: ,Die besten Musiker sind die, die keine Musik hören’. Fühlte mich bestätigt und glaubte, das wird sich bestimmt mit dem Schreiben ähnlich verhalten.“

Wütender, bitter-komischer und selbstzerfleischender Text

Dass das Hans Otto Theater, dessen Dramaturgin Ute Scharfenberg die drei Stücke neben John von Düffel selbst mitausgewählt hat, sich für diesen wütenden, selbstzerfleischenden, bitter-komischen Text entschieden hat, sei nicht selbstverständlich, sagt von Düffel – und es sagt viel über die Lust dieses Hauses aus, sich kurz vor dem Ende der Intendanz grundsätzlichen ästhetischen Fragen zu stellen.

Wie anders, und viel näher an dem, was das Hans Otto Theater sonst macht, liest sich dagegen der Text von Dorian Brunz, Jahrgang 1993, ebenfalls Berliner. Sein Stück „Das Kind malt“, über ein Paar in der Krise, ist das Gegenstück zu „Der Efeu muss weg“: konventionelle, gut getimte Dialoge, kurz, überschaubar, ein Kammerstück, das ganz deutlich die Erfordernisse des Theaters kennt. Der Regisseur Laurent Chétouane, der sonst für Tanztheaterproduktionen bekannt ist, soll sich in den Text verliebt haben, als er ihn in der UdK zu hören bekam. Bei „Wildwuchs“ wird er ihn jetzt inszenieren.

Ganz sicher auch „chronisch unterprobt“ (John von Düffel), wie immer bei „Wildwuchs“-Inszenierungen. Dass dieses Festival so unterschiedliche Textsorten zulässt, ist seine Stärke.

Mit „Wildwuchs“ ist danach Schluss. Vielleicht aber, sagt John von Düffel, wird man dem Festival auch in der kommenden Spielzeit wiederbegegnen, in anderer Form, unter neuem Namen. Mit der designierten Intendantin Bettina Jahnke ist er im Gespräch. Egal unter welcher Leitung: Theater sollte nie aufhören, die eigene „Kunstscheiße“ zu hinterfragen.

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