Wie lange soll das noch so weitergehen? Motiv aus der Fotoserie zur Veranstaltungsreihe "KonzertZuHaus" Foto: Marco Borggreve
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Existenzängste in der Corona-Krise Wird Freiluft-Kultur im Sommer unmöglich?

Frederik Hanssen

Das neue Infektionsschutzgesetz unterscheidet nicht zwischen Veranstaltungen drinnen und draußen. Das bringt neue Unsicherheit für die Festivalmacher.

Festivalmacher müssen gerade echte Spielernaturen sein: Mit Blick auf das Pandemiegeschehen brauchen sie Nerven wie Stahlseile und einen Hang zur Zockermentalität: Denn sie wetten mit hohem Einsatz darauf, dass in der warmen Jahreszeit wieder Kultur möglich sein wird.

Wolfram Korr ist so ein risikofreudiger Optimist: Er managt die Brandenburgischen Sommerkonzerte, die am 5. Juni starten sollen. Seitens der Besucher:innen jedenfalls, so weiß er zu berichten, ist das Interesse erfreulich groß, der Kartenverkauf läuft bestens. Zwei Veranstaltungen des Festivals sind bereits ausverkauft und auch für viele andere werden die verfügbaren Karten schon knapp.

Auch in Rheinsberg hofft Intendant Georg Quander noch darauf, Ende Mai die Wiederbelebung des preußischen Musenhofes im Ruppiner Land mit einem Festival für Neue Musik feiern zu können. Den Vorverkauf haben gerade auch der Hohenloher Kultursommer gestartet sowie das Neubrandenburger „Spuktakel“. Hoffnungen machen sich ebenso die Berliner Philharmoniker, dass ihre verlegten Osterfestspiele in Baden-Baden nun Anfang Mai in dem Kurort stattfinden können.

Hier Absagen, dort Hoffnung

Abgesagt wurden dagegen gerade die „Tage Alter Musik“, die zu Pfingsten in Regensburg stattfinden sollten. Zuvor hatten bereits die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci und die Händelfestspiele in Halle bekanntgegeben, dass sie sich nicht in der Lage sehen, ihre Programmpläne zu realisieren.

Mit besonderer Besorgnis sehen die Festivalveranstalter auf die Novelle des Impfschutzgesetzes, die von der Bundesregierung vorgelegt wurde. Darin findet sich nämlich keine Differenzierung zwischen Veranstaltungen drinnen und draußen, so dass im Falle einer Inzidenz über 100 sowohl Aufführungen in Sälen wie unter freiem Himmel unmöglich wären.

Der Präsident des Bühnenvereins, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Dass so unterschiedslos zwischen Indoor und Outdoor zu halten, sorgt gerade für eine ganze Menge Verunsicherung.“ Dennoch hofft Brosda darauf, „dass wir da noch einen klugen Weg finden, wie wir das Planen für das Wiederaufnehmen des kulturellen Betriebs perspektivisch erleichtern können“.

Pilotprojekte müssen möglich sein

Brosda macht einen wachsenden Frust in der Kulturszene aus: „Da ballt der eine oder andere die Faust in der Tasche und sagt: Jetzt reduziert uns nicht schon wieder aufs Materielle. Es geht um so viel mehr und zwar auch gerade jetzt in der Pandemie. Es geht um Sinn.“

Nachbesserungen im Entwurf des Infektionsschutzgesetzes fordert auch die Deutsche Orchestervereinigung. Gerald Mertens, der Geschäftsführer der Musiker:innengewerkschaft, erklärte:<TH>„Es muss unbedingt klargestellt werden, dass Open-Air-Kulturveranstaltungen zulässig sind." Außerdem müssten Modellprojekte für Öffnungen möglich sein. Der Kulturbereich stehe unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes, sagte Mertens: „Bei der letzten Reform des Infektionsschutzgesetzes wurde die Kunstfreiheit ausdrücklich anerkannt. Mit der Novellierung muss dieser Weg konsequent weiter beschritten werden. Der Entwurf fällt dahinter zurück. Das kann man so nicht stehen lassen.“

Das „Forum Musik Festivals“, zu dem sich im April 2020 Veranstalter aus ganz Deutschland im zusammengeschlossen haben, zieht eine bittere Bilanz nach einem Jahr Pandemie: Die Kultur habe „ voller Kreativität, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein alles in ihrer Macht Stehende beigetragen“, dennoch wüchsen im längsten Kultur-Lockdown seit dem Zweiten Weltkrieg die Schäden im Kulturbetrieb mittlerweile „ins Unermessliche“.

Eine lähmende Ernüchterung und Perspektivlosigkeit mache sich breit, weil zahlreiche Festivals nun bereits zum zweiten Mal abgesagt werden müssten. In Bezug auf die Kulturbranche seien darum „pragmatische Lösungen“ vonnöten, um einem weiteren Zerfall der Festivallandschaft entgegenzuwirken. Von der Politik fordert das „Forum Musik Festivals“, jetzt nachhaltige und verlässliche Förder- und Rahmenbedingungen für das kulturelle Leben nach der Pandemie zu schaffen

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