"Ever so slightly", so hieß der Auftakt der 31. Potsdamer Tanztage im Hans Otto Theater. Foto: Maisonneuve
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Eröffnung der 31. Potsdamer Tanztage Alle Schwere und Leichtigkeit der Welt

Astrid Priebs-Tröger

Kraft und Schönheit, Zerstörung und Chaos, Konkurrenz und Kooperation: Die kanadische Rubberband-Company eröffnete mit "Ever so slightly" furios die 31. Potsdamer Tanztage.

Potsdam - Was für starke und dabei so gegensätzliche Energien! In diesen intensiven siebzig Minuten, die die 31. Potsdamer Tanztage im Hans Otto Theater eröffneten, steckte einfach alles: Kraft und Schönheit, Zerstörung und Chaos, Konkurrenz und Kooperation, Sterben und Wiedergeburt. Ja, fast alle Schwere und beinahe jede Leichtigkeit dieser Welt.

„Ever so slightly“ heißt dieser Abend. Zu Beginn liegen die neun Tänzer:innen der kanadischen Rubberband-Company von Victor Quijada in staubig-ausgeblichenen Overalls im Halbdunkel auf dem Boden. Zu ruhigen Gitarrenklängen entstehen eine sehr erdige Energie und eine Gruppe, die sich fast synchron am Platz bewegt. Wenig später erklingen Geigentöne, kurz darauf ein Schlagzeug. Die Atmosphäre, die maßgeblich von den Live-Musikern Jasper Gahunia und William Lamoureux bestimmt wird, ändert sich von Erd- zu Feuer-Energie. Es entwickelt sich eine immer stärkere Dynamik, einzelne Tänzer:innen ringen miteinander, bis alle kämpfen und keuchen.

Vom Hip Hop geprägt

Und in der Vertikalen kann man, wie beim Gastspiel in Potsdam vor fünf Jahren, sehen, was die Rubberband-Methode ausmacht, die der kanadische Tänzer und Choreograf mit mexikanischen Wurzeln und Prägung durch Hip Hop entwickelte: Grundlegende Prinzipien sind die Gewichtsverteilung um das Zentrum der Schwerkraft – eine große Beweglichkeit, die an den Händen, Ellbogen und Schultern stattfindet, sowie die Verwendung des Körpers als mehrdimensionales Schneideinstrument. Letzteres ist ein Begriff aus dem Hip Hop. Diese elastische Technik begünstigt Bewegungen des Körpers aus der Vertikalen (wie im klassischen Ballett) in die Horizontale (wie im Hip Hop) zu kommen – und zwischen den zwei Stilen zu wechseln.

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Doch nicht nur um diametrale Bewegungsstile, sondern vor allem um widerstreitende Gruppenenergien geht es in „Ever so slightly“. Ein Anführer lässt kriegerische Impulse wie eine Welle durch die Menge gehen. Es gibt eindringliche Bilder von Vereinzelung – und von Opfern, die schließlich an den Füßen aus der Arena gezogen werden. Das macht etwas mit allen, die dieser Gruppe angehören. 

Beats und Orgelmusik

Eine Zeitlang bewegen sie einander nur vorsichtig wie Puppen, die bei jeder Bewegung zerbrechen könnten. Ein starkes Bild für traumatisierte Seelen. Auf dem Höhepunkt dieser wie eine Passion wirkenden Inszenierung erklingen harte Beats und Orgelmusik. Und die Tänzer:innen, die im Spiel immer auch Menschen sind, sind versehrt, blind und beinahe nackt.

Inzwischen haben sie ihre Köpfe mit Overalls vollkommen verhüllt. Erst diese Blindheit ermöglicht ihnen allmählich ein wirkliches Spüren und Fühlen der Anderen. Zwischen all diesen polaren Energien gibt es fließende Übergänge und hauptsächlich Frauen, die sich zu den Gefallenen oder Abgesonderten hinbegeben und neben Trauer auch einen Dialog versuchen. Was für ein leichtes, schönes Bild, als zum Ende hin so etwas wie ein Schwarm entsteht, die Gruppe plötzlich mühelos wirkt, wie ein gemeinsamer energetischer Fluss. 

Die Potsdamer Tanztage finden bis 22. Mai an verschiedenen Orten in der Schiffbauergasse statt. Infos und Karten hier.

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