Noosha Aubel, Beigeordnete für Bildung, Kultur, Jugend und Sport der Landeshauptstadt Potsdam. Foto: Ottmar Winter PNN
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Ein Jahr Coronakrise „Kultur ist ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor“

Kritischer Rückblick, kämpferischer Ausblick: Potsdams Kulturbeigeordnete Noosha Aubel (parteilos) über Versäumnisse und Erkenntnisse aus einem Jahr Kultur im Ausnahmezustand.

Frau Aubel, was war das letzte Kulturereignis, das Sie live erleben konnten?

Das war die Eröffnung der Frank Gaudlitz-Ausstellung im Potsdam Museum, davor „Vögel“ im Hans Otto Theater. Mit Masken, wenigen Stühlen, immer in Zweier-Gruppen. Das waren meine letzten analogen Kultur-Erlebnisse. Und da muss ich direkt ein Geständnis machen: Das Digitale erschließt sich mir nur bedingt.

Digitale Kultur, eine Pflichtübung?

Der Genuss ist für mich ein deutlich anderer, weil das Gemeinschaftserlebnis fehlt. Die Stille, der spezifische Raum, die Atmosphäre, die Pause mit anderen Gästen, der Austausch. Das kann das Digitale für mich nicht in Gänze kompensieren. Also: Ich wünsche mir sehr, dass die analogen Zeiten bald zurückkehren.

Das ist die Frage, die alle Kulturschaffenden gerade umtreibt: Wann geht es wieder los? Sie sind an Vorgaben von Land und Bund gebunden, aber was können Sie tun, um den Wiedereinstieg zu erleichtern?

Der Spielraum, den wir haben, ist bedauerlicherweise relativ klein. Wir sind an die aktuelle Eindämmungsverordnung gebunden. Wir haben ein sehr gutes Hygienekonzept für das Museum, nichtsdestotrotz dürfen wir es nicht öffnen. Aber was wir aktuell machen können: Wir werten das Manifest aus, das sich damit beschäftigt, wie Kultur und Sport wieder ermöglicht werden kann. Wie können wir das jetzt schon auf Potsdam runterbrechen? Auch mittelfristig. 

Ich habe vor Kurzem mit den Musikfestspielen gesprochen, die sagen: Wenn wir Mitte Juni spielen wollen, müssen wir jetzt planen. Die Akteure fragen zu Recht: Wie können wir es vermeiden, dass wir wieder permanent umplanen müssen? Da versuchen wir in gewisser Weise die Quadratur des Kreises – ohne dass wir einen maßgeblichen Einfluss haben, versuchen wir jetzt schon zu schauen, welche Wege beschritten werden könnten.

Ein Vorschlag in dem angesprochenen Leitfaden ist, dass ganze Haushalte gemeinsam sitzen. Was ist aus Ihrer Sicht noch neu, unterstützenswert an dem Konzept?

Unterstützenswert sind die vielen verschiedenen Szenarien, die durchgespielt werden. Der Fokus weg von dem reinen Blick auf die Inzidenz. Ich habe schon bei dem Kita-Thema dafür plädiert zu sagen: Die Inzidenz ist ein wichtiger Indikator, sollte aber nicht der ausschließliche Indikator sein. Auch das Thema der Schnelltestung wollen wir berücksichtigen. Da ist es wichtig, dass wir mit den Kulturakteuren in Austausch kommen, denn das sind große logistische Herausforderungen. Traut man dem Besucher, dass er den Test mitbringt und am gleichen Morgen gemacht hat? Muss er ihn unmittelbar davor machen? Wie gestalte ich die Zubringer-Situation? Dieser Aspekt fehlt mir in dem Konzept noch.

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Wenn Sie auf das vergangene Krisen-Jahr seit März 2020 zurückblicken: Was haben Sie als Kulturbeigeordnete versäumt?

Versäumt wurde sicherlich das Thema Hoffnung und Perspektiven. Wir waren in allen Bereichen sehr stark in einem Reaktionsmodus und wenig in einem Modus, der den Häusern und den Besuchern Perspektiven eröffnet und frühzeitig einen Stellenwert dokumentiert hätte, um die Fahne hochzuhalten. Das ist etwas, das ich in der Rückschau anders tun würde.

HOT-Intendantin Bettina Jahnke sagte zwei Monate nach Beginn des ersten Lockdowns: Wir wurden allein gelassen.

Dem stimme ich nur in Teilen zu. Es gab, auch intern bei uns, eine Priorität, worum ich mich kümmern kann und muss. Und da gab es Themen, die aus meiner Sicht zwingender waren: Das waren die Themen Schule und Kita. Aber als ich zuerst hörte, dass Kulturakteure um Bettina Jahnke aktiv werden, habe ich sofort gefragt: Kann ich mich da einbringen? Ich habe dann einen Workshop moderiert, in dem es darum ging: Was sind die konkreten Schritte, die wir jetzt gehen können? Das war vor dem Hintergrund der anderen pflichtigen Leistungen in unserer Kommune ein sehr wichtiges Thema. Ich hatte damals große Sorge, was die Tarif-Anpassungen des „Ernst von Bergmann“-Klinikums für den städtischen Haushalt bedeutet – und somit auch für die Kultur.

Kammerakademie-Chef Alexander Hollensteiner sprach in Bezug auf Ausfallhonorare von einem Ping-Pong-Spiel zwischen Stadt und Land. Auch ein Versäumnis? 

Das würde ich gegenteilig bewerten. Wir sind eine der wenigen Kommunen, die sich entschieden haben, Ausfallhonorare zu zahlen. Das war auch intern bei uns kein leichter Weg, aber uns ist es in weiten Teilen gut gelungen, genau diesen Personenkreis mit zu berücksichtigen. Natürlich nicht vollumfänglich und in vielen Fällen leider auch nicht existenzsichernd. Impulse wie den, dass Solo-Selbstständige bei Bundes- und Landesprogrammen nicht beachtet wurden, haben wir immer mit aufgenommen. Den Notfallfonds legen wir jetzt bereits zum zweiten Mal auf. Mehr geht immer, aber im Rahmen unserer Möglichkeiten ist das gut gelungen.

Die Solo-Selbstständigen sind nicht die großen Verlierer der Pandemie?

Das sind sie selbstverständlich. Weil sie nicht die Möglichkeit haben, auf Kurzarbeit zu gehen. Weil ihnen dann häufig nur die Möglichkeit bleibt, Arbeitslosengeld zu beantragen. Das ist nicht nur eine Frage der finanziellen Mittel, sondern macht viel mit einer Persönlichkeit. Darüber, wie man einen stärkeren, dauerhaften kommunalen Beitrag zur Absicherung der Solo-Selbstständigen leisten kann, bin ich mit Herrn Hollensteiner auch weiter im Gespräch. Da gibt es verschiedene, auch gangbare Modelle, die wir jetzt für Potsdam prüfen.

Es ist also doch etwas Wahres an dem vielzitierten Spruch „Krise als Chance“?

Ja, durchaus! Zum Teil sind auch hier im Geschäftsbereich unglaubliche Energien freigesetzt worden. „In der Krise beweist sich der Charakter“ hat Helmut Schmidt gesagt, und das habe ich sehr bestätigt gefunden – in beide Richtungen, aber überwiegend positiv. Und das Bündnis KulturMachtPotsdam wäre in einer saturierten Situation nicht möglich gewesen. 

Was erhoffen Sie als Kulturbeigeordnete sich von KulturMachtPotsdam?

Zum einen eine starke gemeinsame Stimme. Dass man dadurch noch einmal ganz anders Gehör findet, als wenn man nur singulär auftritt. Es gibt zum anderen ja eine ganze Reihe von Forderungen, die jetzt aufgestellt worden sind. Dass sich diese unglaublich heterogene Kulturlandschaft jetzt auf konkrete Forderungen geeinigt hat, für die man gemeinsam arbeiten kann, finde ich sehr positiv. Weil ich jetzt weiß, was das Gros der Akteure bewegt. Damit kann ich arbeiten. 

Die Forderungen sind so konkret wie grundsätzlich. Ein Beispiel: Das Netzwerk möchte weg von der Projektförderung. Wie groß sind die Chancen, dass das gelingt?

Das ist einer der spannendsten Punkte. Das ist natürlich ein Stück weit weg von der Verwaltungsdenke: Dass wir am Ende ein spezifisches Produkt, zum Beispiel ein Festival, oder eine spezifische Institution fördern. Wenn man jetzt sagt: Wir fördern den künstlerischen Entstehungsprozess, dann ist die Frage, wie man das am Ende abrechenbar machen kann. Denn es sind die Gelder der Bürgerinnen und Bürger, die wir verantwortungsvoll verwalten und ausreichen wollen. Also bräuchte man Kriterien für die Abrechnung. Das ist nicht unmöglich.

Grundsätzlich ist die Forderung nach einer besseren Grundausstattung durchaus berechtigt. Sonst kommen wir, auch vor dem Hintergrund der Pandemie, irgendwann in die Schwierigkeit, Nachwuchskräfte zu finden. Sich beherzt für Kunst und Kultur zu entscheiden, wird im Moment nicht einfacher.

Wie wollen Sie vermeiden, dass Potsdam die Künstler:innen abhandenkommen?

Wir wollen weiterhin eine vielfältige Kunstlandschaft in Potsdam haben. Dazu gehört ein klares Bekenntnis. Vor dem Hintergrund der Gewerbesteuereinbrüche wird es im Zuge der nächsten Haushaltsaufstellungen sicherlich Zäsuren geben. Sowohl im Hinblick auf den Erhalt des Status quo wie auch auf das Mehr, über das wir gerade sprachen. Wir werden uns mit der Frage auseinandersetzen müssen: Kann der Haushalt überhaupt das Niveau halten? Da habe ich eine klare Position. 

Was genau ist Ihre Position?

Das absolute Mindestlevel ist die Verstetigung dessen, wie der Haushalt aktuell für die Kunst und Kultur beschaffen ist. Meines Erachtens sollte es auch eine kritische Güterabwägung geben. Es wird ja nicht die Situation eintreten, dass sich ein großes Füllhorn über uns ergießt und wir nicht wissen, wer jetzt von dem ganzen Geld profitieren soll. 

Aber wir sollten uns deutlich noch einmal die Karten legen, welcher Bereich welche Relevanz hat. Da nicht von einem Mehr an Mitteln auszugehen ist, kann es da nur um interne Verschiebungen gehen. Ich hoffe, dass es dann gelingt, die Kultur mindestens auf dem aktuellen Niveau abzusichern – und hoffentlich auch eine Perspektive für einen adäquaten Aufwuchs im Kulturbudget erfolgen kann.

Noosha Aubel wünscht sich analoge Kultur-Erlebnisse zurück. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Noosha Aubel wünscht sich analoge Kultur-Erlebnisse zurück. © Ottmar Winter

Wie wollen Sie das angesichts der vorhersehbaren finanziellen Engpässe erreichen?

Dazu dient unter anderem einer der Punkte im Forderungskatalog von KulturMachtPotsdam: Die Rentabilität von Kultur muss aufgezeigt werden. Die Daten erheben wir schon. Noch bevor es den Namen KulturMachtPotsdam gab, war uns klar: Wir müssen den Menschen erklären, welchen wirtschaftlichen Beitrag die Kultur leistet. Wir müssen zeigen, dass Kultur auch ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor ist.

Wie kann etwas Ideelles wie Kunst in Zahlen dargestellt werden? Ist nicht die Gefahr, dass das die Kunst am Ende verkleinert?

Aus meiner Sicht ist es keine Verkleinerung der Kunst, sondern eine Erweiterung um einen wichtigen Aspekt. Es gibt in unserer Kommune einfach Menschen, die wir eher über die Schiene der Wirtschaftlichkeit erreichen als über den Selbstwert von Kunst. Daher ist das durchaus legitim, unterschiedlichste Kennzahlen heranzuziehen. 

Inwieweit gelingt es uns, über Kunst Menschen von außerhalb nach Potsdam zu holen? Ein weiterer Aspekt neben dem Tourismus ist: Wie viele andere Branchen hängen an der Kultur? Bereiche wie die Veranstaltungstechnik existieren ohne die Kultur nicht. Auch Grafik, der Druck von Kunstkatalogen – diese Zahlen versuchen wir in Bezug auf Potsdam zu eruieren. 

Am 13. März präsentieren sich 150 Potsdamer Künstler:innen in einer Großaktion digital, die Stadt schießt 50 000 Euro zu. Wie aber vermeiden, dass es einmal Peng macht und dann ist wieder Stille?

Da habe ich relativ wenig Sorge. Ich habe das Netzwerk als sehr agil erlebt. Es kann natürlich sein, dass es nach dem 13. März erst einmal eine Phase des Durchatmens gibt. Aber dadurch, dass die kulturpolitischen Forderungen jetzt auf dem Tisch sind, wird man sich an den nächsten Schritten messen müssen, die daraus erwachsen. Und natürlich muss man dafür auch Gehör finden – aber ich engagiere mich, jemand zu sein, der dafür sorgt.
 


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