"North Korea Dance" von Eun-Me Ahn wird zur Eröffnung der Tanztage 2021 im Garten der fabrik als Film gezeigt. Foto: JM Chabot
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Die Potsdamer Tanztage feiern 30. Geburtstag Neugeburt eines Festivals aus dem Geiste der Entspannung

Sieben Monate entspannt Marathon laufen statt wenige Tage Festivalüberforderung stemmen: So will die fabrik Potsdam das 30. Jubiläum der Tanztage begehen. Filmischer Auftakt ist am 26. Mai.

Potsdam - Wäre so ein runder Geburtstag nicht zum Feiern da, das 30. Jubiläum der Potsdamer Tanztage könnte zum Verzweifeln sein. Für 2020 hatte die fabrik sich ein fulminantes Programm ausgedacht, monatelang getüftelt, im März kam Corona. Im Mai sagte man ab. Feierte im August ein kleines Festival, eine vorsichtige Ausgabe 29,5. Viel digital, einiges draußen. Verschob die große Sause zum 30. auf den Mai 2021. So dachte man.

An große Sausen denkt 2021 keiner mehr - wann wird man die wieder guten Gewissens planen können? Aber Tanztage-Leiter Sven Till hat die Idee der fulminanten Feierei gegen etwas Nachhaltigeres eingetauscht. Seelenruhe. Statt einer Woche Festivalexzess gibt es im zweiten Jahr der Pandemie eine tiefenentspannte Ausgabe der Entschleunigung. Gefeiert wird sieben Monate lang. Schritt für Schritt, Woche für Woche. Gast für Gast.

Ein freies Haus ist nur so gut wie sein Netzwerk

Als die Entscheidung dafür fiel, spürten die Macher:innen an der fabrik, wie sie plötzlich wieder atmen konnten. „Ja, wir haben uns Zeit gekauft“, sagt Sven Till. „Aber auch Raum - und die Möglichkeit, mit Terminen zu jonglieren.“ Denn anders als Häuser mit eigenen Ensembles ist die fabrik darauf angewiesen, dass die geladenen Künstler:innen ihr die Treue halten. Auch wenn nochmal abgesagt werden muss, und nochmal, und nochmal. Ein freies Haus ist nur so gut wie sein Netzwerk stark ist. Die Pandemie stellte das auf die Probe.

fabrik-Chef Sven Till. Foto: Promo/ fabrik Vergrößern
fabrik-Chef Sven Till. © Promo/ fabrik

Insofern kann es als Triumph gelten, dass die koreanische Choreografin Eun-Me Ahn im Oktober 2021 nun doch noch selbst nach Potsdam kommen wird. Mit „North Korea Dance“ sollte sie im Mai 2020 das Festival eröffnen, dann war das für Mai 2021 geplant. Live ist das jedoch nicht realisierbar: die weite Reise, die planerische Unsicherheit. Dennoch wird „North Korea Dance“ am Mittwoch, dem 26. Mai, das Festival eröffnen: als Open-Air-Kino im Garten der fabrik. Die Choreografin wird zugeschaltet, auch ein Stream über Youtube ist geplant.

Corona-Nebeneffekt: Randerscheinungen ins Rampenlicht

Aber der Geburtstagsmarathon soll natürlich nicht digital bleiben. Anfang Juni ist ein Programmpunkt dran, der in den letzten Jahren eher am Rande stattfand: Vier Studierende der Ernst-Busch-Schule entwickeln in Potsdam Projekte im öffentlichen Raum. Diese Kooperation mit dem Hochschulübergreifende Zentrum Tanz Berlin ist nicht neu; dass sie im Rampenlicht steht schon. Ein Nebeneffekt der Entschleunigungsstrategie: Manches, das zuvor im überbordenden Programm unterging, wird jetzt bemerkt. Vom 26. Mai bis 6. Juni sind die Studierenden in Potsdam, gegen Ende dieser Zeit werden ihre Interventionen in der Stadt zu erleben sein.

Ab 24. Juni sind dann die ersten Open-Air-Aufführungen geplant: Olivier Meyrou & Matias Pilet kommen aus Paris und zeigen „La Fuite“: Eine Hommage an Charlie Chaplin und Buster Keaton, an Gestalten, die im Kampf gegen Wind, Regen und Sturm die Kontrolle über ihre Körper verlieren. An die Figur des Clowns.

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Die Potsdamer Lukas Schapp und Steven Koglin zeigen „101 Concrete“: Im Rahmen von Dance in Residence arbeitet das Duo an einer selbst gebauten Bambusstruktur, mit der sie sich bewegen und neue Bewegungsfolgen erproben. Die Proben dafür finden im öffentlichen Raum rund um das Bürgerhaus am Schlaatz statt. Koglin ist Inhaber der Akademie Potsdam in Bewegung, ein Ort, der sich mit Kunst der Fortbewegung beschäftigt.

Neue Nähe zum Naheliegenden: Brandenburg

Beide Open-Air-Projekte werden nicht nur in Potsdam Station machen, sondern auch in Cottbus. Auch die Nähe der fabrik zu Cottbus ist neu, eine Frucht der Corona-Ausnahmezeit. Wenn man nicht ohne Weiteres in die Ferne kann (und die Ferne nicht zu einem hin), dann entdeckt man das Naheliegende. Im Falle der fabrik: die Brandenburger Tanzszene.

Auch in vergangenen Jahren hatten die Tanztage schon das Potsdamer Stadtgebiet und das Brandenburger Umland erkundet. Aber Sven Till sagt in Bezug auf die nur in Anfängen verdaute Pandemie und deren Folgen für den Tanz: „Regionalität wird schon stärker. Und sie wird auch stärker bleiben.“ 

Das 2021 begonnene, vom Bund finanzierte Residenzformat „Dance in Residence“ ist ganz bewusst Brückenelement zwischen Potsdam, Cottbus und der Welt: In Potsdam und Cottbus werden jeweils Residenzen an vier lokale und an drei internationale Künstler:innen vergeben. Eine der ersten war die belgische Choreografin Alice Van der Wielen-Honinckx, die im März vier Wochen im Schlaatz arbeitete. Das Thema ihrer Arbeit ebenfalls: Entschleunigung.

Ein altes, jetzt akutes Thema: Sichere Räume für den Tanz

Ende Oktober soll Marco da Silva Ferreira aus Lissabon nach Potsdam kommen, im Dezember dann Gravity & Other Myths aus Australien. Außerdem Adi Boutrous aus Jaffa, Martine Pisani aus Paris - sowie Maren Strack aus Birkenwerder und Golde Grunske aus Cottbus. Das Netzwerk der fabrik umspannt den ganzen Globus, das will das Festival zurecht auch im Geburtstagsjahr zeigen. Und es wird lokal engmaschiger denn je.

Denn die große, etwas bange Frage im Jubiläumsjahr, der unüberhörbare Grundton unter allen Geburtstagsfeierlichkeiten, ist eine, die die fabrik seit ihrer Gründung umtreibt: „Wie kann man sichere Räume für den freien Tanz schaffen?“ Angesichts der noch nicht absehbaren Folgen der Pandemie stellt sie sich neu, womöglich akuter denn je.

Filmvorführung von „North Korea Dance“ am Mittwoch, 26. Mai um 21 Uhr im fabrik-Garten in der Schiffbauergasse. Der Film wird auch auf Youtube übertragen. Der Eintritt ist frei. Es wird ein negativer Corona-Test benötigt.


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