Die Filmhistorikerin Ilka Brombach leitet das Potsdamer Festival Moving History. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Die Leiterin des neuen Filmfestivals Moving History im Gespräch „Die Filme haben Geschichte geschrieben“

Grit Weirauch

Ilka Brombach leitet Potsdams neues Filmfestival Moving History, das sich dem historischen Film verschrieben hat. Hier spricht sie über die Aktualität des Deutschen Herbsts und eine Skulptur aus dem 3D-Drucker

Frau Brombach, zu Ihrem ersten Filmfestival verleihen Sie gleich zur Eröffnung einen Preis. Das ist ungewöhnlich. Ein Preis ohne Wettbewerb?

Wir vergeben die Clio, den Preis für den besten aktuellen Film zu einem historischen Thema. Neben dem Filmprogramm zu einem historischen Schwerpunktthema – dieses Jahr ist es 40 Jahre Deutscher Herbst/die Geschichte der RAF – wollen wir ab dem nächsten Jahr ein Programm mit den spannendsten Geschichtsfilmen der letzten Saison zeigen. Und in diesem Rahmen prämieren wir zukünftig einen Film. Dieses Jahr präsentieren wir noch kein Wettbewerbsprogramm, deshalb haben wir schon vorher mit der Jury entschieden, wer den Preis bekommt. So können wir ihn gleich zum Auftakt des Festivals vergeben.

Wie sind Sie denn darauf gekommen, in Potsdam ein historisches Filmfest ins Leben zu rufen?

Die Idee stammt von unseren zwei Gründungsmitgliedern Felix Moeller und Claudia Lenssen. Es gibt in Frankreich, in Pessac bei Bordeaux, ein Festival des historischen Films, das seit 20 Jahren existiert und mittlerweile riesengroß geworden ist, mit allein fünf Spielstätten. Da haben wir uns die Idee abgeschaut. Als wir uns dann das erste Mal zu siebt trafen, zwei Filmwissenschaftlerinnen und ein Filmwissenschaftler, eine Kritikerin, ein Regisseur, ein Historiker, ein Mitarbeiter des Filmmuseums, war die Frage, ob ein Festival für Geschichtsfilme auch in Deutschland eine Chance hätte. Wir waren uns schnell einig, dass gerade ein guter Zeitpunkt dafür sein könnte, denn seit den 2000er-Jahren sind extrem viele Filme zu historischen Themen produziert worden. Im Fernsehen beispielsweise jagt eine Serie die nächste... Krieg, Nachkrieg, deutsche Teilung sind die Themen, die hier seit längerem Konjunktur haben. Auch Filmpreise gehen derzeit oft an Filme mit historischen Stoffen, an „Der Staat gegen Fritz Bauer“ oder „Das weiße Band“ etwa. Vor 30 Jahren waren es zumeist Gegenwartsfilme, die Preise abgeräumt haben.

Der Film ist also Mittel zur Geschichtsschreibung geworden?

Ja, denn gerade Bilder sind es, die jeder im Kopf hat, wenn es um die Vergangenheit geht. Und da es mittlerweile so viele Filme gibt, stellt sich die Frage, wie mediale Bilder unsere Sicht auf die Vergangenheit eigentlich beeinflussen und wie sie unsere politische Identität konkret mitbestimmen? Das Festival, so unsere Idee, bietet die Möglichkeit, nicht nur über Einzelfilme zu sprechen, wie das in Filmkritiken geschieht, sondern einmal im Jahr den Blick auf das Phänomen selbst zu werfen.

Was ist für Sie das Besondere an der filmischen Geschichtsschreibung des Deutschen Herbsts im Film?

Vielleicht muss man damit beginnen, dass Film- und Medienbilder im Zusammenhang des deutschen Terrorismus nicht erst nachträglich, sondern bereits während der Ereignisse selbst eine große Rolle gespielt haben. Im Sommer haben wir als Vorspiel zum Festival „Viva Maria!“ und andere Filme aus den 1960er-Jahren gezeigt, die für die Studentenbewegung und ihr Selbstverständnis von Bedeutung waren. Die Viva-Maria-Gruppe hat sich beispielsweise nach dem Film benannt. Die Radikalisierung der Studentenbewegung begann 1967 mit der Demonstrationen gegen den Staatsbesuch des persischen Schahs in Westberlin, bei der der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Der Regisseur Roman Brodmann drehte an diesem Tag für seinen Film „Der Polizeistaatsbesuch“. Seine Aufnahmen, etwa von dem toten Ohnesorg sind anschließend oft gezeigt und zitiert worden. Die berühmten Szenen aus Brodmanns Dokumentarfilm kennt fast jeder, den ganzen Film aber kaum jemand. Deshalb haben wir ihn ins Festivalprogramm genommen.

Diese Jahre sind aber auch die Zeit des deutschen Autorenkinos…

Ab den 1970er-Jahren sind zahlreiche Filme entstanden, die aus einer linken Perspektive heraus vor allem die Mitschuld von Staat und Presse an der zunehmenden Polarisierung der Öffentlichkeit thematisieren. Zwei Klassiker, „Die bleierne Zeit“ von Margarethe von Trotta über die Schwestern Ensslin und „Deutschland im Herbst“ von Schlöndorff, Fassbinder, Kluge und anderen, die im Programm zu sehen sind, haben die Geschichte mindestens mit ihren Filmtiteln, die zu Synonymen der Ereignisse wurden, mitgeschrieben.

Einen ganz wichtigen Film zu dem Thema, den „Baader-Meinhof-Komplex“, haben Sie nicht im Programm. Warum nicht?

Unsere Filmauswahl umfasst 20 Filme; etwa 50 Filme hatten wir vorher gesichtet. Wir haben den „Baader-Meinhof-Komplex“ nicht programmiert, da er sicher einer der bekanntesten RAF-Filme ist, wir aber gern möglichst viele Entdeckungen und Wiederentdeckungen präsentieren wollten.

Sie zeigen auch Fernsehfilme, auch das ist eher unüblich für ein Festival. Was ist an den Fernsehproduktionen interessant?

Gerade in den letzten Jahren sind viele Fernsehproduktionen zum Thema entstanden. „Das Wochenende“ von Nina Grosse zum Beispiel. „In den besten Jahren“ von Hartmut Schoen oder Matti Geschonnecks „Mord am Meer“. Diese Filme interessieren sich für die damaligen Opfer und die Folgen der Gewalt bis in die Gegenwart. Was hat sich in den Familien der Betroffenen ereignet? Welchen Umgang damit hat die Generation der Kinder von Opfern und Tätern gefunden? Die Fernsehfilme nehmen damit eine Perspektive auf die Geschichte der RAF ein, die vorher in öffentlichen Debatten oft angemahnt wurde.

Um ein Festival zu initiieren, braucht es ja immer auch Zuspruch von Geldgebern und Filmemachern.

Wir hatten erstaunlich viel positive Resonanz. Das begann damit, dass wir schon vor einem halben Jahr begonnen hatten, Gäste einzuladen. Wir dachten, es wäre toll, wenn einige der Regisseure zu uns kommen und ihre Filme diskutieren würden. Und dann erhielten wir ausschließlich Zusagen. Unter anderem von Andres Veiel und Volker Schlöndorff. Margarethe von Trotta konnten wir sogar als Schirmherrin gewinnen. Das hat uns riesig gefreut. Als nächstes war für uns die Resonanz von Förder- und Partner-Institutionen wichtig, die uns bei der ersten Ausgabe unterstützen würden. Auch hier war das Interesse groß.

Verraten Sie noch, wie Ihr Preis, die Clio 2017, aussieht?

Clio ist ja in der griechischen Mythologie die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung. Unsere Clio ähnelt einer klassischen Statue. Traditionell hat sie einen Stift, einen Griffel und eine Papyrusrolle, bei uns aber eine Filmrolle, in der Hand. Und noch ein weiteres Accessoire, das ich nicht verrate, lässt sie quasi aus der Vergangenheit direkt ins Heute treten. Außerdem ist sie nicht aus Stein gehauen, sondern aus Kunststoff und mit dem 3D-Drucker hergestellt. Wir wollten mit ihr die Verbindung von Gestern und Heute versinnbildlichen.

Das Interview führte Grit Weirauch

Ilka Brombach ist die Leiterin des Film-Festivals „Moving History“, das zum ersten Mal in diesem Jahr stattfindet. Brombach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Filmuni „Konrad Wolf“.

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