Werk aus der Serie "After image" von Artem Volokitin. Der ukrainische Künstler setzt die Serie nach seiner Flucht in Potsdam fort. Foto: Artem Volokitin
© Artem Volokitin

Der ukrainische Künstler Artem Volokitin im Porträt Schönheit und Zerstörung

Der Künstler Artem Volokitin ist aus Charkiw nach Potsdam geflohen. Explosionen mag er jetzt nicht mehr malen. Sein neues Thema: Die Suche nach der Quelle des Lichts.

Potsdam - Über eines will Artem Volokitin nicht reden: deutsche Ukraine-Politik. „Wir wollen nicht unhöflich sein“, sagt seine Frau, die Malerin Tatyana Malinovskaya. Im kompakten Atelier im Potsdamer Rechenzentrum, einem DDR-Bau aus den späten 60er Jahren, schenkt sie Kaffee ein, verteilt Toblerone oder Brot mit Scheibenkäse. Sie ist eine gute Gastgeberin. Nebenan wächst der Turm der umstrittenen Garnisonkirche, das Atelier ist klein, aber der Blick aus dem Fenster ist weit. „Uns geht es gut“, sagt sie. „Wir wurden hier gut aufgenommen.“

Volokitin und Malinovskaya wollen nichts sagen, was sie morgen vielleicht schon wieder anders sehen. Lieber schwärmen sie vom Konzert des ESC-Gewinners Kalush Orchestra am Brandenburger Tor in Berlin, wo sie am Vortag waren. Unzählige Ukrainer:innen an einem Ort, das war berauschend. „Es war wie Urlaub“, sagt Malinovskaya. Urlaub von dem Land, in dem sie jetzt leben? Seit dem 14. März 2022 ist das Deutschland.

Mit fünf Kindern im Auto nach Deutschland

An dem Tag kamen sie nach einer 15-tägigen Odyssee über Moldau, Ungarn und Österreich in Potsdam an. Im Auto mit dabei die fünf gemeinsamen Kinder. Die Älteste ist 17, der Jüngste fünf. Sie sind der Grund, warum Volokitin vom Kriegsdienst befreit ist. Drei der Kinder gehen mittlerweile in Potsdam zur Schule. „Alles ist gut“, das sagen sie immer wieder. „Wir sind ja hier.“ In Sicherheit.

Artem Volokitin, Jahrgang 1981, gilt als einer der wichtigsten Künstler seiner Generation in der Ukraine - aber er ist keiner, der diesen Nimbus vor sich hertragen würde. Wer ihm begegnet, trifft auf einen stillen Mann. Einer, der mit Humor mit der englischen Sprache kämpft, die jetzt seine sein muss. In den letzten Jahren hat er in London, Wien, Basel und New York ausgestellt. Er war zweimal bei der Biennale in Venedig dabei, 2011 als Gewinner des Pinchuk-Art-Centre-Preises im Begleitprogramm, 2015 im Hauptprogramm als Teil des ukrainischen Pavillons „Hope!“.

Unumkehrbare Schönheit: "Irreversible Beauty 4" von Artem Volokitin.  Artem Volokitin Vergrößern
Unumkehrbare Schönheit: "Irreversible Beauty 4" von Artem Volokitin.  © Artem Volokitin

Die unumkehrbare Schönheit von Zerstörung

Damals, kurz nach der Annexion der Krim, hatte Artem Volokitin begonnen, sich künstlerisch mit Explosionen zu beschäftigen. „Irreversible Beauty“ heißt der Zyklus. Es geht um die unumkehrbare Schönheit von Zerstörung. Zu sehen sind riesige, barock quellende Rauchwolken vor einem fein gemaserten, grafisch mikroskopisch genau strukturierten Hintergrund.

Der Auftakt von „Irreversible Beauty“ markierte Volokitins Beschäftigung mit dem Krieg. Damals wütete er bereits, aber von Charkiw aus konnte er fern erscheinen. Jetzt hat der Krieg ihn und seine Familie eingeholt, hat sein Leben wie das so vieler anderer zerrissen, aber der dazugehörige Zyklus ist zu Ende.  Volokitin hat inzwischen selbst Explosionen erlebt, die körperliche Erfahrung sitzt ihm tief in den Knochen. Er beschreibt es so: Wenn er jetzt wieder anfängt, Explosionen zu malen, sagt ihm etwas, dass diese Explosion hier und jetzt stattfindet - auch wenn das Erlebte längst vorüber ist.

Abgeschlossene Schaffensphase: ein Werk aus Artem Volokitins Serie "Demonstration".  Slava Sulima Vergrößern
Abgeschlossene Schaffensphase: ein Werk aus Artem Volokitins Serie "Demonstration".  © Slava Sulima

Wohin vor dem Krieg fliehen? Hauptsache weg

Als Artem Volokitin in Charkiw die ersten Explosionen hörte, war er in der Wohnung seiner Eltern. Sie liegt neben einem Flugplatz. Nach der ersten Explosion dachte er: Es ist vorbei. Es war nicht vorbei. Er verbrachte ganze Tage mit seiner Familie zwischen der Wohnung und dem Luftschutzkeller - und zwischendurch, sagt er, ging man einen Kaffee trinken.

Bei der Abfahrt aus Charkiw hatten er und seine Frau noch gar nicht gewusst, wohin die Reise gehen würde. Freiburg? Potsdam? Hauptsache, weg. Es war nahezu unmöglich gewesen, Benzin zu bekommen. Als sie losfuhren, war es auf 20 Liter Tankfüllung rationiert. Es wurde Potsdam.  Volokitin und seine Frau kennen die Stadt schon lange, Malinovskaya hat hier Freunde.

Zunächst war Artem Volokitin mit seiner Familie im Freiland untergekommen, einem weitflächigen Ort mit Künstlerateliers unweit des Hauptbahnhofs. Der Platz reichte jedoch nicht aus, also kam das Atelier im Rechenzentrum hinzu, diesem politisch so umstrittenen Kunst- und Kreativzentrum in unmittelbarer Nähe zur Garnisonkirche. Seit Kurzem gibt es noch ein drittes Atelier. Zwischen diesen Orten pendelt Artem Volokitin hin und her, eines der Kinder meistens dabei. „Wenn ich nicht arbeiten kann, werde ich nervös.“

Artem Volokitin in seinem Atelier im Rechenzentrum. Er und seine Familie leben seit März 2022 in Potsdam. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Artem Volokitin in seinem Atelier im Rechenzentrum. Er und seine Familie leben seit März 2022 in Potsdam. © Andreas Klaer

Wo es am hellsten ist, ist es auch am dunkelsten

Das Bild, an dem er im Rechenzentrum gerade arbeitet, ist für Volokitins Verhältnisse klein: drei Meter breit, einen Meter hoch. Ein Diptychon. Die Reproduktion einer Skizze, die er in Charkiw gemacht hatte, bevor sie ins Auto nach Deutschland stiegen. Mitnehmen konnte er seine Kunst nicht - dafür hätte er einen Lkw gebraucht. Zu sehen sind feine schwarze Linien auf weißer Leinwand, ein Kampf zwischen Farbfeldern aus Gelb und Schwarz. 

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Es ist die Variation eines Themas, das ihn seit zwei Jahren beschäftigt und den Zyklus „Irreversible Beauty“ nun abgelöst hat. Es geht um das Paradoxon, dass es dort, wo es am hellsten ist, auch am dunkelsten ist. Wer direkt in die Sonne schaut, sieht einen schwarzen Fleck. Und wer die Augen fest zusammenpresst, sieht wiederum bunte Farben. „After Image“ heißt der Zyklus. Es geht darum, die Sonne einzufangen.

Die visuelle Nähe von Unterhaltung und Auslöschung

Auch im Motiv der Explosion hatte Volokitin die Ambivalenz interessiert: Zerstörung und Farbenpracht. Die Verwandtschaft eines Feuerwerks mit einer Bombenexplosion. Wie nahe Unterhaltung und Auslöschung einander sind, rein visuell. Auch Feuerwerken hat Volokitin eine Serie gewidmet: Garten-Bilder nennt er sie. Immer wieder hat er über die Jahre mit den Werkzyklen auch den Stil gewechselt. Er zeigt auf seinem Computer all die Bilder, die jetzt im Keller des Kunstzentrums Yermilov Centre in Charkiw eingelagert sind - glücklicherweise von Zerstörung verschont.

Porträts. Nackte Körper. Und ab etwa 2010 dann Körper als anonymisierte Muster, als Teile geometrischer Formationen. Der Mensch als hyperrealistisches Element einer unmenschlichen Konstruktion. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitet Volokitin parallel an einem weiteren Zyklus, an dem ihm besonders liegt: abstrakte Formen, schwarz-weiße Farbfelder, die dynamisch ineinanderfließen. Damit wollen sie an die Kunst ukrainischer Avantgarde aus den 1930er Jahren anschließen, sagt er. „Eine Bewegung, die damals von den Russen zerstört wurde.“

Artem Volokitin war als Gewinner des Pinchuck-Art-Center-Preises 2011 erstmals bei der Biennale in Venedig zu Gast. Markus Tretter Vergrößern
Artem Volokitin war als Gewinner des Pinchuck-Art-Center-Preises 2011 erstmals bei der Biennale in Venedig zu Gast. © Markus Tretter

„Wir sind keine Touristen hier“

Artem Volokitin mag Kontexte. Alt neben Neu, Bekannt neben Unbekannt. Fragt man ihn nach Referenzpunkten, nennt er Cranach und Bruegel, aber auch Botticelli. Fragt man ihn nach offenen Wünschen, hier im Potsdamer Exil, denkt er lange nach. Eine Woche lang. Dann die Antwort. „Wir sind keine Touristen mehr hier. Wir wollen forschen. Wir wollen andere deutsche Künstler kennenlernen, Ausstellungsräume kennenlernen. Kontexte herstellen.“ In der Ukraine stellte er so immer am liebsten aus: in Gruppenschauen. In Deutschland muss er die Gruppen erst finden.

Das Bild im Rechenzentrum ist mittlerweile gewachsen. Was zunächst wie die Landschaft auf einer Karte aussah, ist wieder zu einer Wolkenwelt geworden. Jetzt deutlich erkennbar: Sonnenstrahlen, die sich Bahn brechen. Auf die, sagt Artem Volokitin, kommt es jetzt an.

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