Der Potsdamer Maler Christian Heinze zwischen zwei Selbstportraits von 1967 (rechts) und 2021. Foto: Andreas Klaer
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Der Maler Christian Heinze im Porträt „Ich musste mich nie verbiegen“

Christian Heinze ist einer von Potsdams prägendsten Malern. Vor seinem 80. Geburtstag im Dezember widmete die Galerie „Kunstwerk“ ihm eine Retrospektive.

Potsdam - Vor ein paar Jahren war Christian Heinze  am Gardasee. 2015 war das, 70 Jahre, nachdem der Vater dort in der Nähe gefallen war, ganz kurz vor Kriegsende. Christian Heinze besuchte das Gräberfeld der Soldaten, danach stand er am See. Im Wasser sah er, wie Fische ihre Kreise zogen, und er dachte: Vielleicht hat genau das mein Vater auch schon gesehen.

Seitdem tauchen Fische immer wieder in seinen Bildern auf, ganze Schwärme davon. Jeder sehe ja beim Betrachten seiner Bilder etwas anderes, sagt Christian Heinze, und dass das sehr gut so sei. Er selbst denkt bei den Fischen an die Zeitschleife vom Gardasee, das Vergehen und Wiederkehren von Zeit. Es ist ein Thema, das ihn schon lange beschäftigt. Dem 1999 erschienenen Katalog „Der Künstler in seiner Stadt“ stellte er ein berühmtes Zitat von William Faulkner voran: „Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“

Christian Heinze, "Ohne Titel". Ein Gemälde aus dem Jahr 2020, das auch schon im Rohbau des Turmes der Garnisonkirche zu sehen war. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Christian Heinze, "Ohne Titel". Ein Gemälde aus dem Jahr 2020, das auch schon im Rohbau des Turmes der Garnisonkirche zu sehen war. © Andreas Klaer

Ein Streifzug durch fast 60 Jahre

Das kann mahnend klingen, fast bedrohlich, aber die Bilder von Christian Heinze sind meistens weder das eine noch das andere. In der Retrospektive, die seit gestern im „Kunstwerk“, der Galerie des offenen Kunstvereins, zu sehen ist, lässt sich das als Kontinuität gut beobachten. Anlass ist Heinzes 80. Geburtstag im Dezember. „Mit offenem Blick“ heißt die Schau, ein Streifzug durch fast 60 Jahre: Das älteste Bild ist von 1967, die jüngsten von 2021. Gleich im ersten Raum stehen Damals und Heute direkt nebeneinander, getrennt nur von ein paar Heizungsrohren: links ein Selbstporträt von heute, mit Mütze und ernstem Blick. Rechts eins von 1967, mit Mütze und ernstem Blick. Hier ist der Himmel blau, dort herbstrot, aber: Heinze ist Heinze geblieben.

Geboren wurde er 1941 in Dresden. Den viel zu früh gestorbenen Vater kannte er kaum, und doch hinterließ der ihm die wesentlichsten Wegbereiter für den späteren Beruf: Farben, Papier, Staffelei. Der Vater war Hobbymaler, im Brotberuf Autoschlosser. Die Mutter Hausfrau und Buchbinderin. Heinze geht an die Arbeiter- und Bauernfakultät, hört dann, dass man Kunst studieren kann. Bewirbt sich, wird genommen. Darüber, dass er plötzlich Student war, wirkt er heute noch erstaunt.

Eine Grafik von Potsdam Sanssouci, die ebenfalls im "Kunstwerk Potsdam" anlässlich des achtzigsten Geburtstages des Künstlers zu sehen war. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Eine Grafik von Potsdam Sanssouci, die ebenfalls im "Kunstwerk Potsdam" anlässlich des achtzigsten Geburtstages des Künstlers zu sehen war. © Andreas Klaer

Seit 1966 lebt er in Potsdam

Nach dem Studium will er weg aus Dresden, dort ist ihm alles zu festgefahren. Am liebsten Ostsee, aber da wollen alle hin und es ist kein Platz frei. Potsdam kennt er, weil er dort eine Freundin hat, und zur Ostsee ist es nicht zu weit. 1966 zieht er her, zunächst in die Wilhelm-Pieck-Straße, heute Charlottenstraße.

1968 findet er eine neue Bleibe: in der Villa Rumpf am Heiligen See. Die Maler Peter Wilde, Manfred Nitsche und Alfred Schmidt wohnen auch dort, ebenso wie der Regisseur Kurt Tetzlaff. Zusammen bilden sie bald eine Art Künstler-Kolonie. „Ja, wir waren schon irgendwie legendär“, sagt Heinze heute. Auf die wilde Zeit, die Feiern mit den Defa-Leuten, folgen bald Familien-Zeiten. Kinder kommen dazu. 1992 zieht er aus, in ein eigenes Haus.

Einer, der oft Glück hatte im Leben

Christian Heinze beschreibt sich als einen, der oft Glück hatte im Leben. Mit der herrlichen Villa Rumpf, mit der Tatsache, von seiner Kunst leben zu können - seit 1972 vor allem dank jährlich erscheinender Kalender. Mit der Chance, für die Defa arbeiten zu können und so Orte wie Tadschikistan kennenzulernen. 

Für den Gojko-Mitic-Film „Tecumseh“ baut er aufwändige Kakteen und lernt nebenbei das Land kennen. Und auch sonst erlebt er die späten Jahre der DDR nicht als Eingesperrter, sondern als Reisender, der Erlebtes auf Bilder bannt: Er reist nach Usbekistan, in die Sowjetunion, den Libanon und im Jahr 1989 bis nach Simbabwe. Auf dem Rückflug darf er in Italien Pause machen, eine Nettigkeit der Botschaft.

Christian Heinzes Gemälde "Hochzeit Tadschikistan" entstand 1978, als er dort mit der Defa auf Reisen war. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Christian Heinzes Gemälde "Hochzeit Tadschikistan" entstand 1978, als er dort mit der Defa auf Reisen war. © Andreas Klaer

„Ich musste mich nie verbiegen“

Um all das zu ermöglichen, hat er immer viel gearbeitet, sagt Christian Heinze, „aber ich musste mich nie verbiegen.“ Er fühlte sich in der DDR verwurzelt, musste sich nicht verstellen. War andererseits immer auch Pragmatiker und als solcher ideologisch nicht so eng mit dem Land verwoben, um nach 1989 in ein Loch zu fallen. Im Gegenteil, er hatte wieder Glück. Fand eine Verbindung ins Saarland, wo man ihm Aufträge gab. Stellte weiterhin in Galerien an der Ostsee aus.

Und er fand Themen, die einen Nerv trafen. In den 1990er-Jahren beginnt er, sich mit Potsdam und den Preußen zu beschäftigen. Geht mit Radierungen, Collagen und Zeichnungen auf „Spurensuche“ nach Garnisonkirche, Stadtkanal, Stadtschloss. Für den Wiederaufbau des Stadtschlosses war er, „natürlich“, ebenso natürlich unterstützt er jetzt die Garnisonkirche. Nicht aus Prinzip, sondern aus Mangel an Alternativen, sagt er. „Damit bekommt die Stadt eine andere Perspektive.“ Ein Preußenfan? „Dafür weiß ich zu wenig darüber.“ Er sucht immer noch.

Mi bis So, je 15 bis 19 Uhr im Kunstwerk, Hermann-Elflein-Str. 10. Bis 28.11.

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