Der Dokumentarfilmer Kurt Tetzlaff (1933-2022). Foto: Filmmuseum Potsdam
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Defa-Regisseur Kurt Tetzlaff gestorben Die stille Macht der Erinnerung

Er schuf Arbeiten über Braunkohlegebiete, den Abriss der Garnisonkirche, den Umbruch 1989: Zum Tod des Potsdamer Defa-Regisseurs und Dokumentarfilmers Kurt Tetzlaff.

Potsdam - „Wenn ich heute ins Fernsehen gucke, kann ich das Gedudel nicht ertragen“, sagte Kurt Tetzlaff, als er 2019 beim Filmfestival „Moving History“ im Filmmuseum zu Gast war. „Bei all dem Krach kann ich niemanden mehr sehen.“ Damals stellte er jenen Film vor, in dessen Dreharbeiten die Geschichte eine Zäsur riss: „Im Durchgang - Protokoll für das Gedächtnis“, entstanden 1989 und 1990.

„Im Durchgang“ sollte ein Film über die aufmüpfige Jugend im Café Heider werden - es wurde ein Film über den Pfarrerssohn Alexander Schulz. Alexander geht ans Helmholtz-Gymnasium und er hadert mit der offiziellen DDR-Doktrin. 1989 sagt er Dinge in die Kamera, die damals revolutionär klingen - und ein paar Monate später, nach dem Mauerfall, schon wieder „kalter Kaffee“ sind, wie Tetzlaff selber sagt. „Im Durchgang“ schafft eine Klammer um die historische Zäsur 1989, bindet das Davor und Danach zusammen.

Genaue Beobachtung, Stille, Präzision

Rund 70 Filme hat Kurt Tetzlaff gedreht, 50 davon für die Defa. Die Filme von Kurt Tetzlaff stehen für das Gegenteil von Krach. Sie stehen für genaue Beobachtung, Zeit, Stille, Präzision. Ob es nun um den Braunkohletagebau geht („Im Januar 63“), den Bau einer Erdöltrasse („Alltag eines Abenteurers“) oder Fischer auf Rügen jenseits der Sommersaison („Die drei anderen Jahreszeiten“). 

An dem Film „Erinnerungen an eine Landschaft - für Manuela“ über ein zum Abriss freigegebenes Gelände im Braunkohlegebiet arbeitet er ganze vier Jahre. Durch Zeit und Geduld verdient er sich das Vertrauen der Menschen. Dass dieses Vertrauen nicht selbstverständlich war, macht er auch bei dem Gespräch im Filmmuseum deutlich: Oft seien die Defa-Filmteams als „Hollywood Honeckers“ verhöhnt worden.

Eine Künstler-WG am Heiligen See

Zur Defa kommt Kurt Tetzlaff, geboren 1933 in Tempelburg in Pommern, über den Autor und Regisseur Fritz Gebhardt. Dieser war an der Schule in Querfurt, wohin die Familie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geflüchtet war, einer seiner Lehrer. Gebhardt wird Regisseur im Defa-Studio für populärwissenschaftliche Filme, Tetzlaff wird Dramaturgie-Assistent, dann Dramaturg. Von 1955 bis 1960 studiert er Regie an der Hochschule für Filmkunst in Babelsberg. Käthe Kollwitz und Bertolt Brecht schafft er filmische Porträts. 

Die Dokumentation „Die Garnisonkirche – Protokoll einer Zerstörung“ schuf Kurt Tetzlaff 1990. Foto: Filmmuseum Potsdam Vergrößern
Die Dokumentation „Die Garnisonkirche – Protokoll einer Zerstörung“ schuf Kurt Tetzlaff 1990. © Filmmuseum Potsdam

Sein einziger Spielfilm entsteht 1975: „Looping“, über den Unfall in einem Chemiewerk. Anfang der 1990er-Jahre widmet sich Tetzlaff einem originären Potsdamer Thema: Für „Die Garnisonkirche - Protokoll einer Zerstörung“ fördert er historisches Filmmaterial aus den Archiven zutage und befragt Zeitzeugen, etwa Brunhilde Hanke, die zu Zeitpunkt der Sprengung Potsdams Oberbürgermeisterin war.

Seit den späten 1960er-Jahren lebt Kurt Tetzlaff mit den Malern Peter Wilde, Christian HeinzeManfred Nitsche und Alfred Schmidt in der Villa Rumpf am Heiligen See. Tetzlaff wohnt ganz oben, 77 Stufen sind es bis unters Dach. Kohleheizung. Zusammen bilden sie eine kleine Künstler-Kolonie. Auf die wilde Zeit, die Feiern mit den Defa-Leuten, folgen bald Familien-Zeiten.

Wenn die Bilder kommen, kommt die Erinnerung

In den frühen 1990er-Jahren ändert sich für Kurt Tetzlaff vieles: Die Defa wird aufgelöst, die Villa Rumpf wird zum begehrten Immobilienobjekt. Über Produktionskollegen des Studios findet er einen Bungalow in Groß Glienicke, den er für sich und seine Familie umbaut.

2020 zeigt Kurt Tetzlaff in der Dorfkirche in Groß Glienicke noch einmal seinen Film „Der Übergang“. Am 4. Juli dieses Jahr ist er im Alter von 89 Jahren verstorben. „Vieles ist raus aus dem Kopp“, hatte Kurt Tetzlaff nach der Vorführung im Filmmuseum gesagt. „Aber wenn die Bilder kommen - man erinnert sich.“ Die Erinnerungen, die seine Filme festgehalten haben und im Sehen wieder lebendig werden lassen, sie sind Kurt Tetzlaffs Vermächtnis.

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