Liest im Rahmen von Lit:Potsdam: Maria Cecilia Barbetta.  Foto: Manfred Thomas
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Das Literaturfestival Lit:Potsdam Mehr als Fontane

Konstantin Sakkas

Die diesjährige Lit:Potsdam spannt den Bogen vom „PR-Mann Preußens“ zu Putins Krieg in der Ukraine. Zu Gast sind wichtige Autoren der Gegenwartsliteratur - erfreulicherweise auch viele weibliche. 

Potsdam - Literatur ist (fast) immer auch politisch. Das gilt für Fontane, dessen 200. Geburtstag das Literaturjahr 2019 prägen wird, es gilt für Robert Menasse, den diesjährigen Writer in Residence in Potsdam, und es gilt auch für die Lit:Potsdam, die vom 14. bis zum 19. Mai nun schon zum siebten Mal stattfinden wird.

Richard Gaul, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins Lit:Pots., Sabine Haack vom „Büro für Kultur und Konzept Potsdam“ und die Literaturagentin Karin Graf, die auch die diesjährige Lit:Potsdam kuratiert, luden gestern zur Pressekonferenz im eleganten Kleistpalais an der Berliner Straße, das vom Institute For Advanced Sustainability Studies zur Verfügung gestellt wurde.

Robert Menasse ist 2019 Writer in Residence.  Foto: Rafaela Pröll Vergrößern
Robert Menasse ist 2019 Writer in Residence.  © Rafaela Pröll

Das Programm, das sie verkündeten, kann sich sehen lassen: Robert Menasse, der für seinen Pro-Europa-Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis 2017 erhielt, wird mit seiner nicht minder berühmten Schwester Eva gemeinsam auftreten, der Grünen-Politiker und „gelernte Schriftsteller“ Robert Habeck wird mit Judith Schalansky über „das Archiv“ im digitalen Zeitalter diskutieren, Filmstar Natalia Wörner wird aus dem Roman „Die Birnen von Ribbeck“ von F. C. Delius lesen – natürlich eine Anspielung auf das wohl berühmteste Fontanegedicht, „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“.

Fontane ist allgegenwärtig

Fontane, man spürt es an diesem Vormittag, spielt eine wichtige Rolle. Die Literaturkritikerin Anne-Dore Krohn, die gemeinsam mit Denis Scheck die Lunch-Lesung im Palais Lichtenau bestreitet, überrascht mit der These, Fontane habe seinen „intensiven Zugang zu Frauen“ seiner (abgebrochenen) Ausbildung zum Apotheker zu verdanken und spielt damit wohl auf die zahlreichen Mittelchen an, von denen sich insbesondere jener bürgerliche Frauentypus Rettung aus der Eheödnis versprach, dem Fontane in seinen Romanen ein Denkmal setzte. 

Die Literaturkritiker Anne-Dore Krohn und Denis Scheck. Foto: Lit:Potsdam Vergrößern
Die Literaturkritiker Anne-Dore Krohn und Denis Scheck. © Lit:Potsdam

Auch dass er zwei uneheliche Kinder zeugte, macht den Erzpatron der gründerzeitlichen Bourgeoisie unerwartet spannend und modern. Krohn will „den nicht-klassischen Fontane zeigen“, „den Fontane, den man nicht kennt“, wozu sie auch seine Rolle als „PR-Mann für Preußen“ zählt, als den man den ehemaligen Revolutionär von 1848 in seiner Eigenschaft als Korrespondent der erzreaktionären „Kreuzzeitung“ zweifelsohne bezeichnen kann.

Literatur aus und über Osteuropa

Doch die Lit:Potsdam 2019 ist mehr als Fontane. Tagesaktuell wird sie bei Next Stage Europe, einer szenischen Lesung, bei der, kuratiert von Christopher Hanf, Autorinnen und Autoren aus Osteuropa ihre Stücke präsentieren. Neben Armenien und Georgien sind es diesmal die Ukraine und Russland – es geht also um den Euromaidan und die russischen Annexionen seit 2014.

Auch die gebürtige Georgierin Nino Haratischwili liest bei Lit:Potsdam. Foto: Arno Burgi/dpa Vergrößern
Auch die gebürtige Georgierin Nino Haratischwili liest bei Lit:Potsdam. © Arno Burgi/dpa

Wortreich beschreibt Hanf, wie Künstler etwa aus dem ukrainischen Luhansk, also im Zentrum des bewaffneten Konflikts mit Russland, bei der Präsentation ihres Stoffes mit den Tränen kämpfen mussten, und wenn auch Karin Graf, die gerne Sachbücher auf dem Festival vertreten sähe, betont, dass Literatur politisch ambivalent sei, so stellt Vorstandsvorsitzender Gaul mit erfrischender Direktheit fest: „Putin zu verstehen ist gut – aber ein ’Putinversteher’ zu sein, ist ein Fehler.“

Familie als Schicksal

Die Autoren von Next Stage Europe, einem Projekt des Goethe-Instituts, das gesondert vom Auswärtigen Amt unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Michelle Müntefering gefördert wird, kämpfen, so Graf mit dezentem Pathos, mit dem politischen Schicksal. Wir aber, so fährt sie fort, in unserer westlichen Behütetheit, die wir nur allzu gern für selbstverständlich nähmen, kämpften eher mit dem „Schicksal der Familie“. In diese Kategorie „Familie als Schicksal“ fällt eine Lesung mit Karen Duve und Alexa Henning von Lange, zwei Powerfrauen des deutschen Literaturbetriebs, die von der „Ordnung und Unordnung“ unserer privaten Verhältnisse handeln und von der Fernsehmoderatorin Astrid Frohloff moderiert werden wird.

Grünen-Chef Robert Habeck liest aus „Wer wir sein könnten“. Foto: Rehder Vergrößern
Grünen-Chef Robert Habeck liest aus „Wer wir sein könnten“. © Rehder

Eingeleitet wird das Festival am Tag vor seinem eigentlichen Beginn mit einem Fontaneworkshop, an dem zahlreiche Schulen aus Stadt und Landkreis teilnehmen werden. Zum Abschluss des Festivals liest Christoph Ransmayr – auch er, wie Menasse, ein Österreicher –, der aus seiner Novelle „Kohlhaas – mein Vater“ vortragen wird, womit wir bei Heinrich von Kleist und wieder bei Preußen wären.

Die Lit:Potsdam, so die Einschätzung der Veranstalter, hat sich längst deutschlandweit, wenn nicht gar im deutschsprachigen Raum etabliert. Gedeckt werden die erwarteten Kosten von rund 150 000 Euro durch kommunale und Landesmittel – allein Potsdam steuert 35 000 Euro bei – sowie durch private Sponsoren.

Karten gibt es online auf www.litpotsdam.de. Karten für den Abend mit Christoph Ransmayr gibt es nur beim Museum Barberini: www.museum-barberini.com.

Programm:

Dienstag, 14. Mai:

19 Uhr: „Die Magie der Macht“. María Cecilia Barbetta und Nino Haratischwili. Bildungsforum

Mittwoch, 15. Mai: 
19 Uhr: „Ordnung und Unordnung“. Karen Duve und Alexa Hennig von Lange. Villa Quandt

Donnerstag, 16. Mai:

19 Uhr: „Das Archiv“. Robert Habeck, Judith Schalansky. Potsdam Museum
21 Uhr: Next Stage Europe 2019. Texte von Autoren aus Osteuropa. Szenische Lesung von Schauspielern des Hans Otto Theaters. Dramaturgie: Christopher Hanf. Hans Otto Theater

Freitag, 17. Mai: 

16 Uhr: „Die Früchte der Erinnerung“. Natalia Wörner liest „Die Birnen von Ribbeck“ von F. C. Delius. Lesung auf Flößen auf der Havel. Treffpunkt Schiffsanleger Glienicker Brücke

19 Uhr: „Chaos und Strategie“. Festveranstaltung mit Robert Menasse. Park der Villa Jakobs

Samstag, 18. Mai:

13 Uhr: Anne-Dore Krohn und Denis Scheck lesen Fontane. Palais Lichtenau

Sonntag, 19. Mai:

12 Uhr: Matinée mit Eva und Robert Menasse. Hans Otto Theater

11 Uhr: Büchermarkt. Schiffbauergasse

19 Uhr: „Kohlhaas – mein Vater“. Lesung mit Christoph Ransmayr, Museum Barberini 

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