Helga Schütz erzählt feingesponnene Geschichten aus dem Reich der Botanik.  Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Blumige Fantasie Botanische Geschichten einer Potsdamer Ehrenbürgerin

Helga Schütz hat ein neues Buch geschrieben: "Von Gartenzimmern und Zaubergärten". Es eine literarische Hommage an eine Reihe ihrer Lieblingspflanzen.

Potsdam - Vorsichtig gleiten die Fingerspitzen über den Umschlag. Die Buchhülle mutet an wie das erste zarte Frühlingsgrün: empfindsam und doch von magischer Energie. Der verheißungsvoll auftrumpfende Titel „Von Gartenzimmern und Zaubergärten“ trägt das passende Gewand. Noch bevor sich der Leser mit Autorin Helga Schütz auf eine literarische Pflanzenerkundung begibt, verweilt er in den fast hingehauchten Illustrationen von Nils Hoff. Mit feinem Strich zeichnete er das Gartenzimmer der Potsdamer Schriftstellerin, spiegelt darin ihr Leben. Alles liegt griffbereit: die Gartenschere, der Feldstecher, die Fliegenklatsche. In der Tür gibt es die Klappe für den Kater, daneben lehnt das Holzrad als Überbleibsel von ihrem schlesischen Flüchtlingswagen. Der 46-jährige Künstler, der an der Fachhochschule Bielefeld Zeichnung und Illustration lehrt, hielt das alltägliche Umfeld akribisch fest: „bei Helga Schütz, 19.07.2019“, wie im Buchdeckel handschriftlich vermerkt ist.

„Die Idee zu diesen Illustrationen hatte der Verlag“, sagt Helga Schütz – nun drei Jahreszeiten später. Sie bittet zu Tee und den letzten Weihnachtsplätzchen, die bei ihr bis Ostern reichen. Auch der Kater will dabei sein, klopft fordernd an der Tür zum Kaminzimmer. „Unsere Katze in Schlesien konnte auf die Klinke springen und die Tür selbst öffnen.“ Der dicke Kater in Babelsberg ist nicht so sportlich, bekommt aber dennoch sein Leckerli. Während ihn Helga Schütz in die Küche begleitet, bleibt Zeit, sich umzusehen. Der Blick bleibt an den großen alten Stichen mit dem noch unzerstörten Dresden haften. Es war die zweite Heimat der Schriftstellerin nach ihrer Umsiedlung aus Schlesien. Ein abgeschnittener Zweig von ihrem rosablühenden Rhododendron leuchtet zu Füßen dieser Bilder. Göttin Flora hat auch im Zimmer das Sagen, kein Nippes lenkt ab. Die sich wiegenden, schlank aufragenden Kiefern schauen derweil durch die großen Sprossenfenster.

Premierenlesung in der Villa Quant musste abgesagt werden

Helga Schütz setzt sich wieder an den Holztisch mit der weißen, feinbestickten Decke. Auch sie ist begeistert von der Gestaltung ihres Buches. „Es gibt ja so viele Gartenbücher, so viele Fotografien. Und seit Hunderten von Jahren werden Blumen gemalt.“ Ihr Büchlein sticht hervor in seiner vornehmen Zurückhaltung, der liebevollen Durchdringung von Text und Bild. Gern hätte sie es auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. „Aber ich sah die Absage total ein.“ Wie auch die gestrichene Premiere am kommenden Sonntag in der Villa Quandt.

Oft sind die Geschichten von Helga Schütz dem Märchenreich nahe. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Oft sind die Geschichten von Helga Schütz dem Märchenreich nahe. © Ottmar Winter

„Von Gartenzimmern und Zaubergärten“ ist ein Sammelkorb mit erlesenen Früchten und auch Kienäpfeln, ein Wiedererblühen teils älterer Arbeiten, die sie für das Fotomagazin „Architektur und Wohnen“ geschrieben und nun buchfein angereichert hat. „Im Grunde sind es kleine Exposés.“ In 24 Kapiteln gibt es eine Hommage an eine Reihe ihrer Lieblingspflanzen: an die Magnolie am Schloss Charlottenhof, der „Frühlingswolke in Weiß und Purpurrot zu Füßen der Götter“. Oder an die „Gloria Dei“, der einzigartigen Rose, die einst im zerbombten Dresden wie Glockengeläut tönte, „als in den Trümmern neben Hunger nach Brot, auch Hunger nach Duft, Farbe und herzerwärmenden Geschichten herrschte.“ Genau solche Geschichten weiß Helga Schütz zu erzählen: feingesponnen, fest verortet in der Botanik und durchdrungen von blumiger Fantasie. Oft sind sie dem Märchenreich nahe, so wie bei „Eine unter sieben Gleichen“. Diese Erzählung kam ihr in den Sinn, als sich plötzlich in ihrem Garten Nachtkerzen zwischen Steinen und kriechendem Wacholder mondgelb erhoben. Ausgerechnet sieben. So wie im Märchen von der verzauberten Prinzessin, die vom Prinzen nur entdeckt werden konnte, weil des Nachts kein Tau auf sie gefallen war. Sie verließ bei Vollmond das Beet und irrte durch die Flure des Schlosses. 

Mit dem Foerster-Garten ist sie eng verbunden

Diese märchentrunkene und blühwütige Nachtkerze wurde einst an den Waldrändern Kanadas entdeckt: in den frühen Jahren der Seefahrt. Viele Pflanzen haben lange Reisen hinter sich, bis sie auch hier – im märkischen Sand – heimisch wurden. Helga Schütz huldigt den einstigen Forschern, die beherzt Pflanzen und Samen in ihre Tasche steckten – so wie auch sie gern zur leisen Diebin wird. Mit ihrer Beute, die sie immer wieder hoffnungsvoll ins eigene magere Erdreich setzt, durchlitt sie oft auch herbe Enttäuschungen. Pflanzen haben ihren eigenen Kopf, entscheiden selbst, wo sie Fuß fassen. Die Krokusse fühlen sich offensichtlich wohl unter ihren Eiben und Kiefern. „Man sagt, der Krokus sei gehorsam. Bei uns macht der Krokus, was er will.“ Gerade überzieht er den Rasen wie ein leuchtender Teppich. Sogar der Kater macht einen höflichen Bogen um die aparte Erscheinung.

Ehrenbürgerin Helga Schütz mit Oberbürgermeister Mike Schubert beim Neujahrsempfang 2019 der Stadt Potsdam. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Ehrenbürgerin Helga Schütz mit Oberbürgermeister Mike Schubert beim Neujahrsempfang 2019 der Stadt Potsdam. © Manfred Thomas

Die Leser ziehen indes weiter: hinein in Zaubergärten und schnurstracks in den Senkgarten von Karl Foerster, Deutschlands berühmtester Gärtner. Nils Hoff zeichnete ihn mit Stock, weißem Hut und blauer Krawatte inmitten seines Rittersporn-Meeres. Gleich nach ihrer Ankunft in Potsdam machte sich Helga Schütz auf den Weg nach Bornim. Die Gärtnerin begann 1958 ein Dramaturgie-Studium an der Babelsberger Filmhochschule und ging in den Ferien zum Geldverdienen zu Foerster in die Stauden. Noch immer radelt sie dann und wann „Zum Raubfang“, erinnert sich, wie sie einst mit der Familie im Wohnzimmer saß: „Wir schauten von oben auf die Blumen wie auf Kinder, denen man gerne zusieht beim Spielen und Wachsen.“ In dieses Spiel mischte sich auch der Rittersporn namens „Klingsor“, ein Lieblingsgewächs von Foerster, das wie „ein Gebilde aus einem Zaubergarten“ anmutet. So notierte es der Meister. Und nun ist dieser „Zaubergarten“ titelgebend bei Helga Schütz. „Für mich klingt er ein bisschen hochgestochen. Ich hätte mich nicht gewagt, so einen blumigen Titel zu nehmen.“ Sie wollte das Buch schlicht „Bin im Garten“ nennen, so wie man es auf einen Zettel für Gäste schreibt, die gern mal vorbeischauen. Doch den Titel gab es bereits.

Pflanzen sind für sie wie Gefährten

Die Geschichten von Helga Schütz, der umtriebigen Ehrenbürgerin von Potsdam, die sonst kaum ein Kulturereignis auslässt, sind indes einzigartig. Sie bilden im Kleinen die große Welt ab, ohne laut zu tönen. Wir lesen, wie sie als Gärtnerlehrling aus weißen Stiefmütterchen „Nie wieder Krieg“ pflanzt, wie sie heute damit hadert, wenn das kostbare Herbstgut in blauen Säcken und dann auf der Kippe landet. Oder wenn sie ihre gesammelten Pilze, die Krause Glucke und Fette Henne, getrocknet in Gläser füllt und verschenkt – unsicher, ob es wirklich nützliche Geschenke sind. „Wir sind noch mitten drin in der Folgezeit von Tschernobyl.“ Auch hinterm Gartenzaun lässt sich die Welt nicht vergessen. In ihrem ersten Garten in Groß Glienicke, den sie viele Jahre mit ihrem Partner, dem Regisseur Egon Günther teilte, stand die Mauer direkt im Garten. Immer hing Angst in der Luft. 

Beim Anlegen dieses Gartens in Groß Glienicke hatte Foerster ebenso seine Hand im Spiel wie in ihrem jetzigen Reich am Jägersteig. Gleichsam wie Foerster beschreibt Helga Schütz ihre Pflanzen wie Gefährten, die Clivia und den Agapanthus, die Fuchsia und den Plumbago. Ja, die Gärtnersprache ist Latein. Helga Schütz will damit nicht protzen, sie bleibt bescheiden. Auch das lehrte sie der Garten: dieses Leben zwischen Gärtnerglück und Gärtnerfrust, zwischen den Pflanzen als Atem des Lebens, der Verbindung zwischen Himmel und Erde, für den sie immer wieder gern den Rücken krumm macht. Auch wenn sie mit ihren 82 Jahren jetzt manchmal auch stöhnt, wenn sie wieder eine neue, herrliche Rose geschenkt bekommt – und sofort ans Umtopfen denkt. Oder daran, dass das Geschenk nicht überleben könnte und sie beichten muss. Im Moment ruht ihr Auge auf die vielen Knospen ihrer Kamelie, die sie glücklich über den Winter gebracht hat. Und natürlich auf die Königin der Nacht, die hoffentlich irgendwann ihre Blüte zeigt. „Dann öffne ich das Tor ganz weit.“ Hinein in den Garten mit den hohen ächzenden Kiefern. „Ein Spruch sagt, es sei dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ist das wahr? Die Bäume machen den Himmel. So haben wir das gelernt.“ Helga Schütz verneigt sich auch in ihrem neuen Buch bescheiden vor diesen Himmelsgeschöpfen. 

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