Auf einer Falttür wurde eines der 22 Kunstwerke aufgetragen: der programmatische Schriftzug "Me" und "We".  Foto: Andreas Klaer
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Besuch bei Localize am Telegrafenberg Der perfekte Ort

Das Festival Localize bringt Kunst an ungewöhnliche Orte. In diesem Jahr ist das ein Wochenende lang eine Industriebrache an der Michendorfer Chaussee. Ein Vorabbesuch.

Potsdam - Der erste Gast des diesjährigen Localize-Festivals hat sich den Königsplatz ausgesucht: Hoch oben auf dem Sendemast. Man sieht ihn nicht, hört nur ein Krächzen. Es ist eine Krähe. Mittagshitze, flirrender Asphalt. Zwei Tage vor Eröffnung ist die Stille auf dem verlassenen Industriegelände noch fast vollkommen. Wo am Freitagabend eine Bühne stehen wird und eine Party steigen soll, stehen im Moment nur einzelne leere Liegestühle, die Bühne allerdings im Rücken. Blickrichtung zur Pergula.

Der mintgrün überdachte Gang verbindet zwei Häuser des ehemaligen Post-Areals. Seit 2000 steht das Gelände leer, damals zog die Telekom aus. Zwischendurch war mal von der Idee die Rede, hier einen großangelegten Technologiepark zu errichten, heute gehört es der Sarias Group, einer Unternehmensgruppe mit Sitz in Berlin. 

Auf dem ehemaligen Telekomgelände am Telegrafenberg: Das Localize-Leitungsduo Simon Knop Jakobsen und Lisa Schmedkord. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Auf dem ehemaligen Telekomgelände am Telegrafenberg: Das Localize-Leitungsduo Simon Knop Jakobsen und Lisa Schmedkord. © Andreas Klaer

Viel Platz, mysteriöse Spuren vergangener Nutzung

Das Localize-Team entdeckte das Terrain im vergangenen Sommer, nachdem die Ausgabe im Park Babelsberg geschafft war. „Wir waren in den letzten Jahren schon in vielen Ecken Potsdams“, sagt Simon Knop Jakobsen aus dem diesjährigen Leitungsduo. „Nur im Potsdamer Süden noch nie so richtig.“ Und als sie die leeren Häuser sahen, die Fläche von drei Hektar, die mysteriösen Spuren der früheren Nutzung - da gab es ohnehin kein Zurück. „Ein perfekter Ort“, sagt Lisa Schmedkord, die Zweite im Leitungsteam.

Weil der Ort so früh feststand, konnte er erstmals auch in die Ausschreibung aufgenommen werden, mit der Localize um Beiträge wirbt. „Viele kamen mit sehr konkreten Ideen für den Ort auf uns zu“, sagt Jacobsen. Die Potsdamer Künstlerin Jenny Alten zum Beispiel. Sie hatte als einzige sofort eine Idee für die verglaste Pergula. „Reha-Charme“, witzelt Lisa Schmedkord, Alten lacht. Sie hat einen Schlauch auf dem Dach der Pergula angebracht, später soll hier Blut fließen. Aber noch ist sie nicht so weit. Wir sollen wiederkommen.

Der Potsdamer Künstler Udo Koloska in seiner Videoinstallation "Brache". Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Der Potsdamer Künstler Udo Koloska in seiner Videoinstallation "Brache". © Andreas Klaer

Was trennt? Was verbindet?

Zeit also für einen Blick ins Innere des Haupthauses. Auf den Böden alte Auslegware oder Linoleum, von den Decken hängt die Verkleidung, an einigen Türen sind noch Namensschilder. Eine riesige zweigliedrige Falttür lässt sich öffnen und schließen wie eine Ziehharmonika. Ist sie geschlossen, steht da links: „Me“. Rechts: „We“. Um den Spalt dazwischen, mal größer, mal kleiner, geht es dem Festival. Wie verhält sich der Einzelne zum großen Ganzen? Was trennt, was verbindet? Fragen, keine Antworten, das ist der Programmleitung wichtig. Das gilt auch für das diesjährige Motto: „Übern Berg“ bezieht sich zuallererst auf die geografische Lage und soll nicht als Ansage missverstanden werden. Schon gar nicht in Bezug auf die Pandemie, die nicht überwunden, aber von anderen Geschehnissen überdeckt wurde.

Hinter der Falttür hat der Potsdamer Künstler Udo Koloska seine Installation „Brachen“ aufgebaut. Über zwei Jahre hat er eine Brache am Horstweg gefilmt, einmal im Monat 15 Minuten, immer am gleichen Ort. Auf Bildschirmen ist die Fläche zu sehen, mal wuchert Natur, mal sieht man Autos, selten mal einen Menschen. Eine Kamera filmt die Bildschirme ab und überträgt die Bilder der Bilder auf eine Leinwand. Im Hintergrund ahnt man die Brache am Telegrafenberg, die durch ein Fenster mitgefilmt wird. Orte verschwimmen, Orientierung geht verloren. „Kunst“, sagt Koloska, „ist ja immer etwas im Jetzt“.

Stille vor dem erhofften Ansturm. Das Festival Localize wird auf dem ehemaligen Telekomgelände startklar gemacht. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Stille vor dem erhofften Ansturm. Das Festival Localize wird auf dem ehemaligen Telekomgelände startklar gemacht. © Andreas Klaer

Orte des Glücks und der Traumata

Ein paar Gänge weiter steht Katharine Newton zwischen Kabeln und Soundinseln und erklärt, was sie am Festival angesprochen hat: das Motto. „Übern Berg, damit konnte ich viel anfangen.“ Ihre Klanginstallation heißt „Sonic memory“, eine Klanglandschaft aus den Orten, die ihr Leben geprägt haben. Zugfahrten zu ihren Großeltern in Liverpool, aber auch Reisen bis nach Panama und Kolumbien. Und Klinikaufenthalte. Orte des Glücks und der Traumata.

22 Künstler:innen hat das Localize aus den knapp 200 Einreichungen ausgewählt, noch nicht alle sind an diesem Mittwoch vor Ort. Einige werfen schauerliche Schatten voraus. In dem Raum mit dem Türschild „7.1.207 Telekom Training Berufsbildung“ gibt es keine Fenster. Hier wird das Künstlerduo Dasha+Zhanar eine Audio-Video-Installation zeigen. Eine der Frauen kommt aus Moskau, eine aus Kiew. Eine wird schreien, die andere die Schreie ertragen, aber nicht hören. Die Installation trägt den Titel „24.02.2022“, das Datum des Tages, an dem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann.

Jenny Alten an der Pergula im Telekom-Park am Telegrafenberg, vor der Eröffnung des Localize-Festivals. 2022. Foto: Erna Schielden Vergrößern
Jenny Alten an der Pergula im Telekom-Park am Telegrafenberg, vor der Eröffnung des Localize-Festivals. 2022. © Erna Schielden

Ein Kreislauf des Blutvergießens

Zurück bei Jenny Alten. Mit einem Handmixer hat sie ein Pulver aus oxidiertem Metall in Wasser aufgelöst, um rote Farbe herzustellen - ohne Chemie, so gibt es später keine Entsorgungsprobleme. Ihr Sohn kippt das in einen Tanker mit 1000 Litern Wasser. Dann fließt das flüssige Rot in den Schlauch auf dem Dach der Pergula. Langsam wird sich das Glasdach rot färben, abfließen, wieder neu hinauffließen. Ein Organismus? Ein Kreislauf? In jedem Fall: Ein sehr konkretes Bild für das sprichwörtliche Blutvergießen, von dem derzeit wieder einmal so oft die Rede ist. Nachts soll es hell leuchten. 

Eröffnung heute um 17 Uhr, Michendorfer Chaussee 10, Programm bis Sonntag 18 Uhr, www.localize-potsdam.de

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