Mehrfach ausgezeichnet: Nino Haratischwili. Foto: G2 Baraniak
© G2 Baraniak

Autorin Nino Haratischwili liest in Potsdam Wenn der Krieg jede Hoffnung zerschmettert

In ihrem Roman "Die Katze und der General" erzählt Nino Haratischwili von verschiedenen Menschen, deren Leben vom Krieg gespalten wurden. Im Thalia-Kino stellt sie ihr großartig schmerzhaftes Werk nun vor.

"War das der Krieg? Abgerissene Leben, zerschnittene und aus der Zeit gefallene, nicht mehr folgerichtige Biografien?" Diese Fragen stellt Nino Haratischwili ziemlich am Anfang ihres aktuellen Romans „Die Katze und der General“ – und beantwortet sie dann auf den folgenden siebenhundert Seiten immer wieder mit einem deutlichen Ja. Ein hartes Ja ist das, eines, dem man gerne und oft widersprechen möchte, aber es irgendwann einfach nicht mehr kann. Weil Nino Haratischwili sehr geschickt in ihrer Beweisführung ist und immer wieder ihre Figuren in den Zeugenstand ruft, die alle eben genau diese zerschnittenen Biografien haben.

Bereits für ihr Familienepos „Das achte Leben“ wurde die aus Georgien stammende und in Hamburg lebende Autorin sowie Dramatikerin mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Der Roman „Die Katze und der General“, den sie am morgigen Donnerstag im Thalia-Kino vorstellt, stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. 

Ein grausames Kriegsverbrechen verbindet

Im Kern erzählt sie von drei Personen: Alexander Orlow, einem feingeistigen jungen Russen, dessen Vater ein Kriegsheld war und der auf Wunsch seiner Mutter ebenfalls die Kriegslaufbahn einschlägt. Er kämpft im Ersten Tschetschenienkrieg und ist dabei in ein furchtbares Verbrechen verwickelt, das ihn für immer verändert. Viele Jahre später lebt er als reicher Oligarch in Berlin und heuert die junge, aus Georgien stammende Schauspielerin Sesili – von allen Katze genannt – für einen Abrechnungs-Kreuzzug an. Der auf Osteuropa spezialisierte Journalist Onno Bender, der mit Orlows Familie tragisch verbunden ist, begleitet diese Abrechnung. Sie alle eint die Verknüpfung zu der jungen Tschetschenin Nura, die im Krieg brutal von Soldaten vergewaltigt und ermordet wird. Ihre Geschichte basiert auf einem wahren Fall.

Die fiktionale Nura ist quasi die Klammer des Romans. Im Prolog wird sie als willensstarkes, lebenshungriges Mädchen vorgestellt, das davon träumt, ihr kleines Dorf zu verlassen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Schnell wird klar, dass sich ihre Träume nie erfüllen werden, das ganze schreckliche Ausmaß ihres Schicksals erfährt der Leser aber erst zum Ende hin. 

Ein grausam spannendes Buch

Bis dahin lässt sich Nino Haratischwili viel Zeit, ihre

Protagonisten vorzustellen. Ihre Geschichten, die Geschichten ihrer Familien, die immer irgendwie von Krieg zerrüttet und von großen Lieben geprägt sind. Dem zu folgen, alle Stränge im Kopf richtig zu sortieren, ist nicht immer einfach, gelingt aber dank der klaren Sprache des Romans dennoch. Nur selten verheddert sich diese in philosophischen Abgründen oder greift etwas zu tief in die Metaphernkiste. Vielmehr sind es die poetischen Sätze, wie „Die Fantasie verträgt keine Beliebigkeit und schon gar keine Nachlässigkeit“ oder „Denn diese Hölle stank zwar weiterhin nach Schwefel, aber immerhin war es ihre Hölle“ nachhaltig hängen. Auch die eine oder andere Länge mit zum Teil unnötigen inhaltlichen Wiederholungen verzeiht man dem Buch gern. 

Denn Nino Haratischwili gelingt es von Anfang an, eine Spannungsdichte aufzubauen, die es fast unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen. Bis zuletzt bleibt das Bangen mit den Figuren, die Hoffnung, dass der Krieg doch nicht alle Figuren nachhaltig verändert, ja regelrechte Abgründe in ihnen geweckt hat. Doch diese Hoffnung zerschmettert Nino Haratischwili schonungslos und nachhaltig schmerzhaft. Und eben dieser Schmerz macht das Leseerlebnis von „Die Katze und der General“ nicht nur wichtig, sondern auch unvergesslich.
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Nino Haratischwili liest am morgigen Donnerstagabend um 19.30 Uhr im Thalia, Rudolf-Breitscheid-Str. 50. 

— Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“, Frankfurter Verlagsanstalt 2018, 700 Seiten,

30 Euro.

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