Dorothee Oberlinger wird am Sonntag in Berlin ausgezeichnet. Foto: Johannes Ritter
© Johannes Ritter

Auszeichnung für Dorothee Oberlinger Hörwonnen der Blockflöte

Peter Buske

Die Potsdamer Blockflötistin Dorothee Oberlinger hat mehrere Alben aufgenommen. Am Sonntag erhält sie dafür in Berlin von der Opus-Klassik-Jury den Preis als "Instrumentalistin des Jahres".

Die Nacht sei des Schlafes Bruder, so jedenfalls hat es die griechische Mythologie überliefert. Und seit 1660 wissen wir aus Gryphius’ Gesangsspiel „Verliebtes Gespenste“: „Die Nacht ist keines Menschen Freund“. Die dunklen Seiten des Lebens sind ihr Revier, dem Unbewussten entstiegene Dämonen ihre ständigen Begleiter. 

Diesem Nacht-Phänomen musikalisch auf die Schliche zu kommen, hat Dorothee Oberlinger, Blockflötenkönigin und hochgelobte Spezialistin für das barocke Repertoire, im vergangenen Jahr eine facettenreiche CD-Zusammenstellung unter dem Titel „Night Music“ bei Sony Music veröffentlicht. Das Ergebnis? Hörwonnen zum Niederknien, welche auch die Opus-Klassik-Jury überzeugten. Am Sonntag wird Oberlinger im Konzerthaus Berlin der Preis als „Instrumentalistin des Jahres“ verliehen.

Oberlinger erzählt von rauschenden Festen und zärtlichen Wiegenliedern

In den Aufnahmen erzählt Oberlinger von rauschenden Festen, nächtlichen Liebesdramen und Sehnsüchten, zärtlichen Wiegenliedern, Gespenstern, Nachtwächteranordnungen und der heiligsten aller Nächte. Im Mittelpunkt des aus diversen europäischen Nachtmusiken Ausgewählten steht Antonio Vivaldi mit seinem berühmten „La Notte“-Konzert. Zwischen seinen weiteren Werken sorgen Lieder, Motetten, Madrigale und Chaconnen unter anderem aus Spanien, den Niederlanden, Frankreich, Österreich und Italien für reichlich Abwechslung. 

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Rhetorisch akzentuiert geht Dorothee Oberlinger als Solistin und Impulsgeberin mit dem Ensemble „Sonatori de la Gioiosa Marca“ auf eine spannende Klangreise. Dabei wird direkt und plausibel, sehr zügig, spitzig und pointiert artikuliert, aber auch nicht mit Gefühl gespart.  

Für ihre diesjährige, ebenfalls von Sony Music vertriebene Neuerscheinung „Die Entdeckung der Leidenschaften“ (Discovery of Passion) hat Dorothee Oberlinger erneut in ihren reich gefüllten Flötenschatzschrank gegriffen, um mit sechs neohistorischen Instrumenten der Silberscheibe den möglichst authentischen Sound zu verleihen. Unterstützung erfährt sie durch das exzellent besetzte „Ensemble 1700“. 

Die ausgewählten Stücke sind kleinteilig strukturiert, bieten den auch solistisch hervortretenden Interpreten faszinierende Möglichkeiten für drastische Affekte, mit denen Kompositeure von Venedig bis Neapel an der Schwelle des 16. zum 17. Jahrhundert eine fundamentale Erneuerung der musikalischen Sprache erstrebten. Expressiv soll sie sein, Leidenschaften wie Liebe und Hass, Trauer und Freude, Begierde und stille Verehrung beim Hörer erwecken. 

Die Blockflöte steht im Mittelpunkt des Ensemblespiels

Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Natürlich steht die Blockflöte (englisch: Recorder) weitgehend im Mittelpunkt des beeindruckenden Ensemblespiels, wobei wechselnde Partnerkonstellationen für Abwechslung sorgen. Für die bürgt unter anderem auch Dmitry Sinkovsky, der als Violinist brilliert und als Countertenor in einem Liebeslied von Tarquinio Merula („Vollkommen verrückt ist“) sowie in Madrigalen von Claudio Monteverdi über das süße Leiden der Liebe einprägsam sinniert.

Oberlinger ist eine veritable Operndirigentin

Anlässlich ihres Debüts als Intendantin der Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci hat Dorothee Oberlinger im Juni 2019 die barocke Serenata „Polifemo“ von Giovanni Battista Bononcini aufs Programm gesetzt und sich dabei erstmals als eine veritable Operndirigentin erwiesen. Als Live-Einspielung aus der Orangerie Sanssouci kann man das Ereignis nun auf Doppel-CD nacherleben und sich an exzellenten Stimmen erfreuen. Die verwicklungsreiche Handlung nach Ovids „Metamorphosen“ kreist um Liebe, Eifersucht, Treue, Wut, Rache und Gift – Zutaten, wie sie einst auf barocken Opernbühnen üblich waren.

Dafür ist das „Ensemble 1700“ von der Dirigentin zu lebendigem, affektgeladenem und ausdrucksintensivem Musizieren angehalten. Dabei schaffen reizvolle Instrumentalfarben einen spezifischen Klangraum für die Personage. In der Titelrolle brilliert João Fernandes mit bassbuffoneskem Charme, während Bruno de Sá als Aci mit angenehmer Sopranstimme aufwartet. 

An seiner Seite die mezzosatte Helena Rasker als maskuliner Glauco sowie die sopranperlenden Nymphen Galatea (Roberta Invernizzi) und Silla (Roberta Mameli). Als koloraturensichere, racheintrigante Circe erweist sich Liliya Gaysina, während Maria Ladurner als Venus alles zum guten Ende wendet. Unbedingt erwähnenswert ist noch, dass alle CD-Produktionen mit informationsreichen Booklets aufwarten.
 

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