Ortrud Westheider Foto: Valerie Schmidt
© Valerie Schmidt

Ausstellung im Museum Barberini „Picasso war ein regelrechter Popstar“

Ortrud Westheider spricht im PNN-Interview über das komplexe Alterswerk Picassos, das ab 9. März im Museum Barberini zu sehen ist und die unglaubliche Frische und Explosivität des Künstlers zeigt.

Frau Westheider, Sie bringen die erste Picasso-Ausstellung nach Potsdam. Wie gut ist Ihr Haus gewappnet, um dem vorhersehbaren Ansturm gerecht zu werden?

Wir haben auch jetzt schon an den Wochenenden bis zu 2400 Besucher im Haus. Unser Team ist sehr gut eingespielt, sodass wir uns freuen würden, wenn die Ausstellung gut ankommt.

Also keine Bange vor Schlangen quer über den Alten Markt wie in der Anfangszeit vor zwei Jahren?
Wir hatten so lange Schlangen, weil wir erst um 11 Uhr öffneten. Dann haben wir darauf reagiert und um 10 Uhr aufgemacht. Schon waren die Schlangen weg, und wir bekamen eine ganz andere Ruhe rein. Die Besucher hier in Potsdam wollen eben schon ab 10 Uhr etwas unternehmen. Die ursprüngliche Idee war ja, dass wir von 9 bis 11 Uhr exklusiv für Schulklassen öffnen. Das haben wir reduziert auf 9 bis 10 Uhr. Klar gibt es immer noch Stoßzeiten, aber auch das Online-Ticket und die Barberini-Friends-Karten erleichtern den Zugang.

Lag durch den Raubkunst-Verdacht auf das Cross-Bild „Regatta in Venedig“ ein Schatten über Ihre Vorbereitung zu Picasso?
Es war natürlich für uns sehr aufwendig, das alles zu klären und mit allen Beteiligten zu korrespondieren. Aber Schatten? Das kann ich nicht sagen. Es betraf uns ja nur mittelbar. Das Bild hing zwar bei uns, aber wir konnten gar keinen Einfluss nehmen. Wir haben sofort informiert, auch die Besucher. Mehr konnten wir nicht tun. Das Gericht hat ja nun entschieden, dass das Bild zurück nach Houston geht.

Das kann bei Picasso nicht passieren?
Nein, da kommt alles aus einer Hand und direkt aus der Familie: aus der Sammlung von Jacqueline Picasso. Sie ist die zweite Ehefrau, die der Maler 1961 geheiratet hat und die nach seinem Tod, 1973, einen Großteil seiner Werke aus allen Schaffensphasen geerbt hat. Heute sind sie bei Jacqueline Picassos 70-jähriger Tochter Catherine Hutin. Sie hat ihre Sammlung sehr privat behandelt. Einzelne Werke wurden prominent ausgestellt. Aber viele sind noch nie in öffentlichen Ausstellungen zu sehen gewesen. Und doch kennen wir sie. Das ist paradox. Das Tolle ist, dass Frau Hutin uns nun den Blick auf die Originale ermöglicht.

Wie konnten sie im privaten stillen Kämmerlein bekannt werden?
Picassos Atelier war kein stilles Kämmerlein. Er war ein regelrechter Popstar und arbeitete an seinem Image. Er ließ die Leute zu sich kommen, wurde von vielen Fotografen porträtiert und Titelbild zahlreicher Magazine. Und viele Fotos mit Blick ins Atelier machten eben auch seine Bilder prominent. Sie standen ja überall um Picasso herum.

Und wie kommt es, dass Picasso nun Potsdam seine Aufwartung macht?
Dass die Sammlung für eine Ausstellung des späten Picasso ein Schatz ist, das weiß man. Und es bestand immer die Hoffnung, dass sie irgendwann reisen darf. Durch die Vermittlung unseres Gastkurators Bernardo Laniado-Romero ist es jetzt zum ersten Mal in diesem Umfang möglich geworden. Der ehemalige Direktor des Picasso-Museums in Barcelona wählte 136 Gemälde, Skulpturen, Keramik, Druckgrafik und Zeichnungen für uns aus: also eine große Medienvielfalt.

Sie haben ihn beauftragt?
Er kam auf uns zu. Wir kennen uns aus einem früheren Picasso-Projekt aus Hamburg im Bucerius Kunst Forum, wo ich vorher arbeitete. Er hatte damals eine einzelne Leihgabe aus dem Besitz von Frau Hutin hergestellt. Jetzt sprach er uns an, ob wir Interesse hätten, ein größeres Konvolut zu zeigen.

Hatten Sie auch Kontakt zu Frau Hutin?
Wir sahen uns kurz 2015 in New York bei der Vernissage zur Ausstellung von „Picassos Skulpturen“. Bei uns in Potsdam war sie bislang noch nicht, sie kommt aber zur Eröffnung. Der Kurator war indes vielfach hier, hat mit Valerie Hortolani bei uns an der Präsentation gearbeitet und Frau Hutin über unsere Planungen auf dem Laufenden gehalten.

Was könnte Frau Hutin dazu bewogen haben, mit viel Aufwand die Bilder nach Potsdam zu schicken? Gibt es Ausleihgebühren?
Das Konzept und die Tatsache, dass das späte Werk immer noch wenig erforscht ist. Bernardo Laniado-Romero hat es geschafft, Frau Hutin davon zu überzeugen, dass sich allein aus ihrer Sammlung dazu eine relevante Ausstellung mit vielen neuen Blickwinkeln zeigen lässt.

Ab dem 9. März ist die Picasso-Ausstellung im Barberini in Potsdam zu sehen. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Ab dem 9. März ist die Picasso-Ausstellung im Barberini in Potsdam zu sehen. © Andreas Klaer

Welche Schwerpunkte gibt es in der Ausstellung?
Das erste Kapitel ist den Porträts von Jacqueline gewidmet, die in ganz verschiedenen Techniken entstanden sind. Da gibt es beispielsweise eine Collage, in der der Kopf gezeichnet ist, die Bluse aber aus aufgeklebtem Staniolpapier besteht. Sehr oft porträtierte er seine Frau im Schaukelstuhl: mal mit feinem Strich, dann wieder wild und in starken Farben. Sie war immer in seiner Nähe, auch weil Atelier und Wohnraum direkt ineinander übergingen. Von keiner Frau sind so viele Porträts entstanden wie von ihr.

Wo lernte Picasso die 46 Jahre jüngere Jacqueline kennen?
1954 in der Töpferwerkstatt in Vallauris, in der Picasso intensiv keramische Techniken ausprobierte. Jacqueline arbeitete dort als Verkäuferin. Ein Jahr später zogen sie gemeinsam in die Jugendstilvilla „La Californie“ nach Cannes.

Könnten Sie etwas zum Frauenbild Picassos sagen, der ja oft als Macho, als Faun, beschrieben wird?
Die Porträts von Jacqueline zeigen einen Picasso, der einer Frau huldigt. Er war von ihrem klassischen Profil begeistert. Sie hat ihn inspiriert und ließ seine Porträtmalerei wieder aufblühen. Mehr als 400 Porträts sind von ihr entstanden.

Als die amerikanische Kosmetikunternehmerin Helena Rubinstein Picasso fragte, ob er sie malen könne, soll er geantwortet haben: „Bevor ich das Porträt einer Frau mache, möchte ich ein oder zwei Jahre mit ihr leben. Danach werden wir sehen.“
Das stimmt: Er hat nicht im Auftrag gemalt. Seine Porträts, auch viele von Jacqueline, sind oft innere Bilder, für die die Frauen nicht Modell sitzen mussten, sondern die Picassos persönlichen Blick auf sie zeigen.

Für seine Odalisken aber schon?
Das Thema der Odalisken übernahm Picasso von Henri Matisse, mit dem er sein ganzes Leben verbunden war. Beide galten als die großen Maler ihrer Zeit und stellten oft gemeinsam aus. Als Matisse 1954 starb, sagte Picasso: „Ich habe die Odalisken von Matisse geerbt.“ Und was macht er daraus? Er malte Jacqueline in türkischen Kostümen, legte ihr Schals und Tücher um. „Maskeraden. Bilder der Zuneigung“ haben wir diesen Teil der Ausstellung überschrieben. Aus dieser Gruppe entstanden dann auch ganz wunderbare, starkfarbige Zeichnungen.

Welche Themen zeigt die Ausstellung noch?
Sie zeigt, wie sich Picasso auch in seinen späten Jahren weiterentwickelte: wie er Bezug nimmt auf die Alten Meister, wie er sich bei seiner Bearbeitung von Eugène Delacroix’ Gemälde „Die Frauen von Algier“ für neue Medien öffnet, sehr farbig wird und schließlich in Richtung Pop Art geht. Seine Selbstinszenierung und Medienvielfalt haben die nachfolgenden Avantgarden geprägt.

Picasso sagte, man brauche ganz viel Zeit, um jung zu sein. Hatte er die Zeit?
Ich denke schon. Die Fotos spiegeln einen lebensfrohen Künstler, der nach vorne und zurückschaut, bis in die Antike. Er sieht sich als Musenführer, als Apollon.

Und dieses Lebensfrohe zeigt die Schau?
Zu sehen sind auch die ganz wilden Männerbildnisse in seinem späten Werk. Das ist ein großes Thema und zeigt seine Offenheit. Auch in seinen Skulpturen, mit ihrer Synthese von klassizistischen und kubistischen Elementen geht er noch mal einen neuen Weg. Sie stehen im Zusammenhang mit monumentalen Skulpturen im öffentlichen Raum.

Im Spätwerk kommt also alles zusammen.
Viele Ausstellungen zum Spätwerk Picassos konzentrieren sich nur auf eine Facette. Unsere Idee ist es, Picasso in der Vielfalt seiner Techniken und Themen zu zeigen: seine Frische und Kraft, diese unglaubliche Explosivität, die das Alterswerk durchzieht. Sein Selbstbildnis von 1971 ist knallgelb, jung und frech.


Das Interview führte Heidi Jäger.


ZUR PERSON: Ortrud Westheider, geboren 1964 in Versmold, ist Kunsthistorikerin und seit April 2016 Leiterin des Museums Barberini in Potsdam. Davor leitete sie das Bucerius Kunst Forum Hamburg

» Die Ausstellung „Picasso. Das späte Werk“ ist vom 9. März bis 16. Juni im Museum Barberini zu sehen

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